Roman

Jussi Adler-Olsens "Takeover": Eine Welt voller Geheimnisse

Bestsellerautor Jussi Adler-Olsen erzählt in seinem Roman „Takeover“ eine wüste Geschichte über den Irak und skrupellose Geschäftsleute.

Amsterdam 1992. Ein Frachtflugzeug der israelischen Fluglinie EL Al stürzt nach einem Triebwerkabriss in ein Wohngebiet. Mindestens 43 Menschen sterben, da viele unregistrierte Immigranten dort wohnten, könnten es noch mehr gewesen sein. Schon bald klagen die Anwohner in der Absturzgegend über gesundheitliche Probleme. Erst nach und nach wird berichtet, dass an Bord mindestens zehn Fässer mit jeweils 18,9 Liter Dimethylmethylphosphonat geladen waren, ein Stoff, der zur Herstellung von Nervengas benutzt werden kann. Außerdem soll abgereichertes Uran an Bord gewesen sein. Haufenweise Verschwörungstheorien ranken sich bis heute um die Tragödie, der dänische Erfolgsautor Jussi Adler-Olsen fügt mit seinem neu in Deutschland erschienenen Roman „Takeover“ (dtv, 19,90 Euro) nun noch eine hinzu.

Adler-Olsens „Übernahme“ ist eine Zeitreise in mehrfacher Hinsicht. Der Absturz war 1992, die eigentliche Geschichte des Romans spielt im Jahr 1996, beendet hat der Autor die Arbeit daran im Jahr 2001, erstmals in Dänemark erschienen ist das Buch 2003, bevor Alder-Olsen mit seiner Serie über das Sonderdezernat Q den internationalen Durchbruch schaffte. Es ist damit ein Vor-9/11- und ein Zwischen-Irakkriegsbuch. Das ist wichtig zu wissen, denn dem irakischen Geheimdienst, der hier hinter den meisten üblen Machenschaften steckt, traut heute solches Gebaren wohl niemand mehr zu. Aber auch sonst ist das Buch ganz ein Produkt der 90er-Jahre.

Hauptfigur ist ein windiger Geschäftsmann

Hauptfigur des Romans ist der niederländische Geschäftsmann Peter de Boer, der Firmen im Auftrag der weltweiten Konkurrenz in den Ruin treibt, indem er Kursstürze an den Börsen herbeiführt, falsche Informationen lanciert oder Produkte sabotiert. Seine Agentur, das Auftreten der Mitarbeiter, die ganze Konstruktion erinnern dabei atmosphärisch ein bisschen an John Grishams „Die Firma“. De Boer selbst als hauptberuflicher Liquidator von anständigen Arbeitsplätzen hat etwas von Richard Gere als skrupelloser Raider in „Pretty Woman“ – der Vollstrecker und Profiteur des globalkapitalistischen Prinzips stand in der Dekade vor der Jahrtausendwende ganz offenbar hoch im Kurs. Sein Pendant ist Nicky Landsaat, eine junge Frau aus problematischen Familienverhältnissen, die sich aus den Slums der Stadt hocharbeiten will, indonesische Wurzeln hat und ein Traineeprogramm in de Boers Firma beginnt.

Was dann kommt, lässt sich ebenso schwer zusammenfassen wie nachvollziehen. De Boer wird erpresst. Mit dem Suizid seiner Frau, dann aber vor allem mit dem düstersten aller Geheimnisse seiner Vergangenheit, das nach und nach enthüllt wird, und da das offensichtlich immer noch nicht reicht, beginnen die Schurken noch mit der schleichenden Vergiftung mit Thallium eines nahen Verwandten. Zweck der Erpressung ist, ihn dazu zu bringen, die kuwaitische Ölfirma Q-Petrol im Auftrag der Iraker in den Ruin zu treiben, weil Saddam Hussein Kuwait noch einmal überrollen, die Kurden bekämpfen und der Führer der gesamten arabischen Welt werden will. Später kommt dann noch das Auffinden und die Bergung seinerzeit verschwundener Kisten mit Chemiestoffen zur Herstellung von Giftgas aus dem Wrack der El Al Maschine hinzu, wie auch die Theorie, dass schon der Absturz zu diesem Zweck absichtlich herbeigeführt worden ist.

De Boers Gegenspieler ist Mark de Vires, ein narbengesichtiger Superschurke, der in einer Art Überfirma das ganze Geschäft de Boers und seine Angestellten kontrolliert, bei dem sich später aber ebenfalls herausstellt, dass auch er nur eine Spielfigur der Geheimdienste ist und selbst erpresst wird.

Niemand ist, was er zu sein scheint, außer Nicky, die Naturschönheit aus dem Asozialenmilieu. Der Vater trinkt, der Bruder ist ein Krimineller, die eine Schwester ist drogenabhängig, die andere ist schwanger und geht auf den Strich. Die indonesische Mutter wird vom Vater totgeprügelt, und gibt der Tochter im Sterben ethnokitschige Medizinmannprophezeiungen mit auf den Weg, in denen natürlich auch der neue Chef de Boer eine Rolle spielt.

Nicky und Peter schmachten sich also fortan an, als hätte Heinz G. Konsalik vom Schriftstellerhimmel aus dem dänischen Autor die Finger über die Tastatur geführt. Ihre Augen sind dann schon mal „so dunkel und glühend wie seine Vergangenheit“. Nun ja, Peter de Boers Vergangenheit ist zumindest nicht ohne. Cousins werden zu Halbbrüdern, Tanten zu Geliebten und Söhne zu Mördern in dieser illustren Familiengeschichte.

Überall laufen Killermaschinen der Geheimdienste herum

Überall laufen dann noch die Killermaschinen der Geheimdienste rum, drohen „Päckchen mit Gehirnen“ zu verschicken, und Nicky überlebt das Ganze nur, weil sie vor ihrem Nachbarn immer mal wieder relativ unmotiviert blank zieht, der ihr dafür wiederholt die Bösen vom Hals hält. Ja, und am Ende werden dann noch lang verschollene Puppen aus indonesischen Königskinderhänden wieder zusammengebracht und der kleine Schmetterling, der das Buchcover ziert und einem indonesischem Vers entspringt.

Zu viel, zu lang, zu schwulstig denkt man sich nach fast 600 Seiten erschöpft und fragt sich, wie das passieren konnte? Hat es von 2001 bis 2003 einen kollektiven Streik der dänischen Lektoren gegeben? Klar ist, dass der sehr entspannt wirkende Adler-Olsen mit seinen weltweit über 10 Millionen verkauften Büchern über eine Dekade später eine Melkkuh der Verlage geworden ist, ein Selbstläufer. „Alles war vorherbestimmt“, wird Nicky am Ende von „Takeover“ feststellen, und so wird es tatsächlich auch dieses schwache Buch in die Bestsellerlisten schaffen und Adler-Olsen die Kritik verkraften. Dem nächsten Buch mit Carl Morck und dem Sonderdezernat Q werden seine Leser trotzdem eine Chance geben. Das Korsett des klassischen Ermittlerromans tut einem Autor mit derart überbordenden Fantasien offenbar ziemlich gut.