Pop

Randy Newman vermisst an sich den "Top-40-Instinkt"

| Lesedauer: 12 Minuten
Michael Pilz

Mit "The Randy Newman Songbook Vol. 2" erscheint die zweite Sammlung von Randy Newmans alten Songs. Auch seine Beziehung zu Deutschland lässt aufhorchen.

Randy Newman sitzt in einem Hamburger Hotel wie ein Schuljunge im Direktorenzimmer. Auf der Vorderkante seines Stuhls, die Hände zwischen den Knien, den Blick gesenkt, er spricht bedächtig. "The Randy Newman Songbook Vol. 2" ist erschienen, die zweite Sammlung alter Songs, die er neu aufgenommen hat – allein am Flügel.

Engagierte, bittere, humorvolle Lieder wie "Dayton, Ohio – 1903", "Cowboy" und "My Life Is Good". Der 67-jährige Kalifornier wurde in den späten Sechzigern mit kunstvoll arrangierten Liedern zu politischen, historischen und sozialen Themen bekannt. Berühmt wurde seine Musik durch Interpreten wie Joe Cocker und Neil Diamond und durch Trickfilme wie "Toy Story".

Morgenpost Online: Mr. Newman, denken Sie bereits an einen Song über Osama Bin Laden und Barack Obama?

Randy Newman: Nö. Ich war ja nie der zielstrebigste und nützlichste Songschreiber Amerikas. Abgesehen von "A Few Words In Defense Of Our Country" vor drei Jahren, der eindeutig gegen George W. Bush gerichtet war. Bush ist weg, Osama ist weg, das war’s für mich dazu.

Morgenpost Online: Wenn jemand zu einem solchen Song imstande wäre, dann Sie. Es geht um Gut und Böse, den Wilden Westen, die Weltgeschichte, glückliche Menschen ...

Newman: ... und zornige Menschen. Es ist zu einfach, und das macht es kompliziert. Würden Sie sich damit zufrieden geben, wenn ich Ihnen sage, mir fehlt die Zeit, weil ich mich gerade mit Ihnen unterhalte?

Morgenpost Online: Songs wie "Political Science" über die Militärpolitik Amerikas gehen mittlerweile auf die 40 zu. Sind Sie enttäuscht, die Welt als Sänger nicht befriedet zu haben?

Newman: Ich habe nie an die revolutionäre Kraft der Musik geglaubt. Andererseits habe ich auch lange unterschätzt, was Musik anrichten kann: Sie beeinflusst unsere Sicht auf die Dinge, sie fördert das freie Denken. Wie wichtig die Musik den Menschen einmal war, habe ich auch erst spät bemerkt. Ich war 22 als ich heiratete. Ich lebte nicht in der Gesellschaft, sondern in meiner Familie. Für mich waren Songs zunächst nur Songs, während die Beatles die Welt veränderten, die Bee Gees die Verhältnisse zum Tanzen brachten und Madonna, den Kindern beibrachte, auffällig herumzulaufen. Es hatte nichts mit mir zu tun, ich sah es mir an, im Fernsehen. Heute sehe ich meiner elfjährigen Tochter dabei zu, wie sie Songs lauscht, in denen sie jemand anbrüllt: "Yeah, I wanna break you down!" Sie wirkt dann älter als ich. Ich mache mir keine Sorgen, es über-rascht mich nur.

Morgenpost Online: Wer Ihren Songs zuhört, zweifelt seit je her am Amerikanischen Traum.

Newman: Das sollte er nicht tun. Er muss sich aber auch nicht von der Politik belügen lassen. Amerika ist nicht die Nummer eins in der Bildung, der Armutsbekämpfung und im Gesundheitswesen, und das kränkt den Amerikaner. Als ich das erste Mal nach Deutschland reiste, meine erste Frau stammte aus Düsseldorf, staunte ich über den tadellosen Zustand der Autobahnen und die taghelle Straßenbeleuchtung. Warum verwirrte mich das? Weil ich als Amerikaner nicht damit gerechnet hatte, dass die Deutschen etwas Besseres hatten als wir. Ich war darauf nicht vorbereitet.

Morgenpost Online: Die "New York Times" hat Ihren Song "A Few Words In Defense Of Our Country" zuletzt sogar als Leitartikel abgedruckt.

Newman: Ich fühlte mich geehrt. Obwohl die Redakteure ihn gekürzt haben. Aber es ist ihr Job, zu kürzen, und es war ja auch nichts anderes als ein gesungener Leitartikel.

Morgenpost Online: Für gewöhnlich werden sie missverstanden. Für "Short People" wurden sie von Kleinwüchsigen attackiert.

Newman: Das sind dann immer so Interessenverbände und Organisationen. Die meisten Zuhörer verstehen Ironie ganz gut, Humor ist verbreiteter als man häufig denkt. Aber es ist auch nicht ganz leicht, vor allem beim Autofahren, die wahre Bedeutung von Worten zu erkennen, die aus dem Radio ins überreizte Gemüt dringen.

Morgenpost Online: Der Witz ist, dass Sie gemeinsam mit ihren rechtskonservativen Widersachern unter übertriebener politischer Korrektheit leiden.

Newman: Das ist nicht lustig. Die Menschen sind besser und schlauer als die Menschen in meinen Songs. Das setze ich nicht nur voraus, das stimmt.

Morgenpost Online: Muss man die Missstände der Welt persönlich nehmen, um sie besingen zu können?

Newman: Nein. Aber manches tut einem schon weh, und man sollte es sich gestatten, betroffen zu sein. Man amüsiert sich, reagiert vulgär oder verbittert. Songs drücken Gefühle aus, und sie müssen vorsichtig mit den Gefühlen umgehen, die sie auslösen können.

Morgenpost Online: Für einen kalifornischen Songschreiber strotzt Ihr Werk geradezu vor Verweisen auf die alte Hochkultur Europas.

Newman: Ich liebe alles Ernsthafte und Schwere. Musik von Bach, die Poesie von Goethe.

Morgenpost Online: Sie haben auch ein Musical zum "Faust" verfasst und aufgenommen. Haben Sie den "Faust" studiert?

Newman: Aber gewiss. Den ersten Teil habe ich gleich mehrfach gelesen. Der erste Teil war verständlich, traurig, komisch, überzeugend. Himmel und Hölle, die alte Geschichte. Mit dem zweiten Teil hatte ich allerdings so meinen Kummer, und die wenigen Seiten, die ich bewältigen konnte, habe ich bis heute nicht verstanden. Hat Goethe selbst begriffen, was er da, 20 Jahre nach dem ersten Teil, aufgeschrieben hat? War er so smart? Litt er unter einem astronomischen IQ? Ich weiß es nicht.

Morgenpost Online: Sie pflegen damit auch die Kultur ihrer Vorfahren, europäischer Juden.

Newman: Ach, ich glaube, damit hat meine Vorliebe für solche Schwarten gar nichts zu tun. Das Judentum spielte bei uns daheim nicht die geringste Rolle. Aber ich war immer der Außenseiter. Ob ich so anstrengende Lektüre und Musik mochte, weil ich nirgends dazu gehörte, oder ob ich nicht dazu gehörte wegen meiner kulturellen Vorlieben, lässt sich heute leider nicht mehr klären.

Morgenpost Online: "In Germany Before The War" handelte 1977 sogar von einem deutschen Serienmörder.

Newman: Er hieß Peter Kürten und trieb in Düsseldorf sein Unwesen. Aufmerksam wurde ich auf ihn durch Fritz Langs Film "M – Eine Stadt sucht einen Mörder" . Düstere Geschichten haben mich immer begeistert, und das Grauen ist ein Meister aus Deutschland. Nehmen Sie den "Struwwelpeter": schockierend! Damit habe ich selbst meine hartgesottenen Kinder erschrecken können.

Morgenpost Online: Peter Kürten wurde 1931 hingerichtet. Sie verlegten seine Taten dramatisch ins Jahr 1934, in die Nazizeit.

Newman: Es musste sich einfach reimen: "There was a man who owned a store/ In nineteen hundred thirty-four." Die Nazis waren mir egal.

Morgenpost Online: Seit acht Jahren nehmen Sie ihre Songs neu auf als "Randy Newman Songbook". Als Klavierlieder. Mochten Sie die alten Arrangements und Aufnahmen nicht mehr?

Newman: Doch. Aber ich bin bei einer Plattenfirma unter Vertrag, die Plattenfirma hat einen Präsidenten, und der Präsident hat kommerzielle Interessen und hält mich offenbar für Gershwin oder mindestens für Dylan. Da arbeitet man gern. Einige Arrangements waren mir früher, im jugendlichen Überschwang, auch etwas zuckerig geraten. Den Respekt vor meinen ursprünglichen Schöpfungsakten habe ich jeenfalls verloren.

Morgenpost Online: In "My Life Is Good" singen sie aus der Sicht eines Schnösels, dem ein weltmüder Bruce Springsteen anbietet, der neue Boss zu sein. Verachten Sie die Popmusik?

Newman: Nicht im geringsten. Sind Sie verrückt? Ich lebe davon, Pop ist mein Geschäft, wer seinen Job nicht liebt, wird krank. Ich bin vielleicht kein Springsteen, aber ich erkundige mich regelmäßig bei meinen Zuhörern: Sie lieben mich ebenfalls. Ich verneige mich vor Musikern wie Bruce und Bono, sie sind Stars für jedermann.

Morgenpost Online: Wären Sie gern so ein moderner Volksheld?

Newman: Yeah! Warum nicht? Ich verstehe mich prima mit den meisten Leuten, die ich treffe, und ich hoffe, dass es denen genauso mit mir ergeht. Nehmen Sie Paul Simon: Er ist auch nicht blöder als Bob Dylan, hat aber mehr echte Hits geschrieben, moderne Volkslieder. Das finde ich bewundernswert. Mir fehlt der Top-40-Instinkt, leider.

Morgenpost Online: Songschreiber sollten klüger sein als ihre Songs?

Newman: Nicht zwingend. Es gibt Dumm-köpfe mit einem ausgeprägten Sinn für gescheite Melodien.

Morgenpost Online: Fühlten Sie sich gedemütigt, wenn Sänger wie Joe Cocker mit Ihren Songs plötzlich Hits landeten?

Newman: Joe Cocker war immer ziemlich gut in dem, was er tat. Natürlich war ich anfangs misstrauisch, ob fremde Sänger auch verstanden, was sie da sangen und ob sie den Ton trafen, der mir vorschwebte. Aber das gab sich. Neil Diamond trägt meine Songs in Basketball-Arenen vor. Ein guter Mann.

Morgenpost Online: Mögen Sie eigentlich Ihre eigene Stimme?

Newman: Ich wünschte, sie wäre etwas flexibler und so gut wie meine Ohren. Aber grundsätzlich kommen wir miteinander klar, meine Stimme und ich. Ich bin nicht Elton John.

Morgenpost Online: Mit beachtlichem Erfolg singen Sie seit Jahren in Trickfilmen wie "Monster AG". Sind Ihnen Kinder als Zuhörer heute lieber als Erwachsene?

Newman: Sie sind lustiger, sie wissen einen ordentlichen Witz zu schätzen. Dafür habe ich sie gern.

Morgenpost Online: Sie arbeiten für Disney. Damit ist Randy Newman am Ende doch noch angekommen in der anständigen, amerikanischen Familienunterhaltung.

Newman: Und im Amerikanischen Traum. Heute sitzen rudelweise Kinder in meinen Konzerten, und ich habe ständig Angst, dass sie einschlafen könnten, wenn ich ihnen etwas anderes vorsinge als "We Belong Together" aus "Toy Story 3" . Aber in der Regel halten sich die Kleinen wacker neben ihren Eltern.

Morgenpost Online: Interessieren Sie sich für die iPods Ihrer eigenen Kinder? Ist ein neuer Randy Newman in Sicht, ein Spaßvogel mit bösartigen Liedern?

Newman: Meine Tochter macht mir Hoffnung, dass die Musik heute besser ist als noch vor zehn Jahren. Sie hört Ariel Pink, Edward Sharpe & The Magnetic Zeros und Animal Collective. Keine Musiker, die mich beerben werden, dazu sind sie zu verrückt. Aber wenn Sie schon so fragen: Haben Sie eine Idee?

Morgenpost Online: Eminem?

Newman: Ich fühle mich geschmeichelt. Vergessen Sie Prince nicht.

Morgenpost Online: Warum ist ihr Oeuvre an Liebesliedern so überschaubar?

Newman: Das wäre die Frage an meinen Psychologen. Ich glaube, ich habe mich immer weniger für mich selbst interessiert als für Andere. Ich singe lieber über böse Buben. Vielleicht finde ich es auch zu einfach, Liebeslieder zu schreiben, das Vokabular ist begrenzt: heart, smart.