Zitadelle

Tom Jones in Berlin: Der Tiger kann noch den Verführer mimen

Tom Jones hat das Publikum in Berlin von der ersten Minute an von den Sitzen gerissen. Der perfektionierte „American way of show business“.

Tom Jones ist für seine Fanseinfach „ein richtiger Mann“

Tom Jones ist für seine Fanseinfach „ein richtiger Mann“

Foto: dpa Picture-Alliance / Paul Buck / picture alliance / dpa

Über Tom Jones sagt man, er könne problemlos einen Nebenjob als Unterwäsche-Verkäufer starten, so viele Höschen wurden in den langen Jahren der Karriere auf ihn beziehungsweise auf seine Bühne geworfen. Möchte man die Qualität des Konzerts in der Zitadelle Spandau an loser Damenunterwäsche festmachen, müsste man feststellen, dass es für Jones schon wesentlich bessere Zeiten gegeben haben muss. Doch damit würde man ihm nicht gerecht.

Tom Jones ist ein Tiger. Ein weise gewordener Tiger im Anzug, den Unterhosen längst nicht mehr interessieren. Mit 75 Jahren möchte er am liebsten gute Konzerte spielen, Konzerte, während denen er auch mal eine Ballade singen darf ohne Angst zu haben, dass ihm gleich ein geschmackloser Polyacryl-Billig-Tanga um die Ohren fliegt. Am liebsten wäre ihm, die Frauen würden die leidigen Liebesbezeugungen einfach bleiben lassen, reden will er über das Thema zumindest längst nicht mehr. Seinen Hit Sex-Bomb wird Tom Jones trotzdem singen. Möglicher Höschenmoment hin oder her.

Die Zitadelle ist bestuhlt. Schon lange vor acht Uhr sitzen die Platzkartenhalter brav auf den ihnen zugewiesenen Stühlen. Es sind viele Menschen hier die ähnlich alt sind wie der Mann, der gleich die Bühne betreten soll. Pünktlich um 20.15 Uhr kommt die Band, die sofort jubelnd empfangen wird. Acht Musiker sind dabei, eine, wie sich gleich herausstellen wird, hervorragende Band mit Bläsersektion und einem Akkordeonisten.

Unter großem Applaus betritt Tom Jones die Bühne. Berlin empfängt ihn mit standing ovations, nur wenige werden sich überhaupt wieder setzen. Jones trägt schwarze Hosen und ein merkwürdig grell schimmerndes, blaues, furchtbar hässliches 90er-Jahre Sakko. Seine grauen Haare und der Bart leuchten mit dem Sakko um die Wette und ohne Begrüßung setzt Jones ein mit John Lee Hooker’s „Burning Hell“. Das zeigt, wohin die Reise heute gehen wird. Sumpfiger Rock, Rhythm und Blues, Country und gospelige Traditionals. Während Jones’ Bariton den Teufel umgarnt macht er einen Ausfallschritt und zwinkert gekonnt den Frauen zu, von denen die meisten ihre Handys in den Händen halten, bereit, jede Bewegung des Meisters zu filmen.

In den 60er Jahren war Tom Jones das Synonym für Sex

Darauf folgt ein Stück, das Randy Newman für Eric Burdon geschrieben und Jones vor 15 Jahren mit den Stereophonics aufgenommen hat: „Mama Told Me Not To Come“ ist eine schöne Geschichte, die so gar nicht bezeichnend ist für den Mann, der auf der Bühne der Zitadelle steht. Der hätte sich einer guten Zigarre und einem ordentlichen Whiskey nämlich niemals verweigert. Und das, obwohl er die ersten Bühnenerfahrungen ganz züchtig in einem Waliser Kirchchor gemacht hat. Er tingelte damals noch durch Clubs, arbeitete auf dem Bau und verkaufte Staubsauger.

In den 60er Jahren war Tom Jones das Synonym für Sex. Frauen kreischten, wenn sie das Goldkettchen zwischen seinen Brusthaaren hüpfen sahen und stöhnten, wenn er seine Hüften kreisen lies. Weder seine Frisur noch der Tick zur stark gebräunten Haut konnten sie davon abhalten. Schon die zweite Single von Jones „It’s not unusual“ wurde zum Überhit. Dabei war es sehr wohl ungewöhnlich. Weil Tom Jones nicht aus einer Musiker- sondern aus einer Bergarbeiterfamilie stammt, weil er eisern Minipli und zu enge Hosen trug. Andererseits war sein Erfolg nachvollziehbar. Aus genau diesen Gründen.

In Las Vegas lernte Tom Jones das Timing

Mit einem Dankeschön nimmt der Sänger seinen Applaus entgegen. Dann erzählt er, wie froh er ist, hier zu sein, er komme schließlich oft nach Berlin, seit den 60er Jahren schon. Seinen ersten Besuch will er im Winter abgehalten haben und dabei habe er ganz plötzlich seine Stimme verloren. Das, so habe ihm ein Arzt erklärt, läge an der mangelnden Luftfeuchtigkeit hier, die in England bei 60, in Berlin aber nur bei erschreckenden 6 Prozent liege. Seither nimmt Jones einen Luftbefeuchter auf Reisen mit. Die Stimme habe nie wieder versagt.

Großer Applaus gefolgt von Gelächter – der Sänger aus Wales ist ein geprüfter, erfahrener Showman. Anfang der 70er, als die Karriere etwas schleppender verlief, ging er nach Las Vegas um dort wöchentliche Shows abzuhalten. Hier hat er das Wenige geschliffen, was mit seinem Sexappeal nicht auszugleichen ist, seither kann er ein Publikum perfekt betreuen. Er weiß wie man eine Ansage zu bringen hat, wann Abgänge möglich, Tanzeinlagen nötig und Balladen angebracht sind. Eben der perfektionierte „American way of show business“. Dafür wird Jones nicht nur von seinem Publikum sondern auch von Landsmann Robbie Williams verehrt. Mittlerweile macht er wieder eine Art Vegas Revue. Der Sänger fungiert als Juror für die englische Version der Casting Show „The Voice“.

Bei „Sex Bomb“ gibt es kein Halten mehr

Warum ist Tom Jones so begehrenswert? Ist es die Stimme? Der Akzent? Der Habitus? „Der ist ein richtiger Mann“, raunt es aus dem Publikum. Wer die Sex-Bomb mit nach Hause nehmen will hat Pech. Etwas so triviales wie einen Merchandise-Stand gibt es nicht. Als der Sänger „Sex-Bomb“ anstimmt, gibt es für die Frauen in der Zitadelle kein Halten mehr. Er lässt die Hüften kreisen und zwinkert verschmitzt. Seine weißen Zähne und die Lachfalten kann man auch ziemlich weit hinten noch sehen. Dass der Tiger immer noch den Verführer mimen kann, hat er bereits vor seiner Show gezeigt. Wer den Bebelplatz besuchte, konnte sich von der Form des 75-Jährigen überzeugen, der nur mit einer schwarzen Speedo bekleidet auf dem Balkon seines Hotels die Sonne genoss.

Er singt schließlich „Delilah“, „You Can Leave Your Head On“ und „Not Unusal“. Während dem “Elvis Presley Blues“ kommt eine leichte Brise auf, die nicht allein schuld an der Gänsehaut hat. Die Rührung überdauert auch den Cohen-Klassiker „Tower of Song“. Gegen Ende überreicht ein Fan Blumen – die erwarteten Unterhosen fliegen nicht.

Nach drei Zugaben (unter anderem „Kiss“ von Prince) verlässt Tom Jones (mittlerweile ohne Sakko aber mit aufgeknöpftem Hemd) die Bühne. Die Show ist beendet, doch das Publikum muss sich noch gedulden. Bevor ein Hörer die Zitadelle verlassen kann, darf der Wagen von Tom Jones durch. Als dessen Rücklichter verschwunden sind, ist die Sperre aufgehoben. „Elvis has left the building“ konstatiert einer treffend in der Schlange.