Clubcultur

Jazz und seine magische Anziehungskraft

In dieser Woche startet das Jazzfest Berlin. Die Szene lebt aber vor allem von den Geschichten der Musiker und der Clubbetreiber.

Berliner Jazzkultur bietet eine wunderbare Vielfalt an Bands und Tönen

Berliner Jazzkultur bietet eine wunderbare Vielfalt an Bands und Tönen

Foto: Reto Klar

Im„Zig Zag Jazz Club“ an der Hauptstraße in Friedenau lauscht an diesem Dienstagabend eine Mischung von Silberhaarkranzträgern, nervösen Hipsterbärtigen, jungen Studentinnen und Damen über sechzig dem Uri Gincel Trio. Der Jazz-Pianist aus Tel Aviv improvisiert mit seinem jugendlichen deutschen Kontrabassisten und Schlagzeuger den Miles Davis-Klassiker „All Blues“.

Nach dem Song beginnt eine Jam Session, deren Musiker Uri Gincel für einzelne Stücke aus einer Schar Jazzer zusammenstellt. Die stehen Instrument bei Fuß im Publikum und warten, dass sie auf die Bühne können.

Gincel ist vor sechs Jahren nach Berlin gekommen. Als Tourist. Er ist geblieben. Heute gehört er zu den begehrtesten Jazzmusikern der Stadt. Am nächsten Abend tritt er im „b-flat“ in Mitte auf, einen Tag später in der „Kulturfabrik Schlot“.

Das Spielen auf der imaginären Tastatur

Auch wenn er spricht, sind seine Finger immer in Bewegung, so als spiele er ständig auf einer imaginären Tastatur. Über seine neue Heimat sagt er: „Es gibt nur wenige Städte mit so vielen Jazzclubs und einer so lebendigen Szene.“

Jazz in Berlin, das ist eine wunderbare Vielfalt an Bands und Tönen. An jedem Tag in der Woche kann man einem anderen Sound lauschen. Das freut die Zuhörer. Nur: „Von Jazz allein kann kein Club leben.“ Sagt Dimitris Christides, ein muskulöser Mittdreißiger mit vollem, nach hinten gekämmten braunen Haaren.

Seit Anfang des Jahres betreibt er mit seiner Frau Bahar und einem Kompagnon den „Zig Zag Jazz Club“. Der Standort beweist, dass Berlin wieder zu dem wird, was es vor dem Zweiten Weltkrieg war: eine Metropole mit mehreren Zentren, in denen Kulturliebhaber kleine, feine Musikgenussorte jenseits der großen Veranstaltungsarenen und -hallen finden.

Magische Anziehungskraft der Schlagzeug-Beats

Christides’ Lebenslauf steht symptomatisch für viele Musiker, die aus dem Ausland nach Berlin kommen. Geboren wurde er 1980 im Sudan, sechs Jahre lebte er mit seinen Eltern in der Hauptstadt Khartum. Später in Athen, er war zwölf Jahre alt, entdeckte er seine Leidenschaft für Musik und lernte Schlagzeug spielen.

Was seinem Vater, Manager eines multinationalen Konzerns, weniger gefiel. So studierte Christides erst mal einige Semester Betriebswirtschaftslehre. Doch das Schlagzeug zog ihn weiterhin geradezu magnetisch an.

Er setzte sich gegen den väterlichen Willen durch und begann ein Studium am London College of Music. Dort lernte er einen Berliner Musiker kennen. „Als ich hörte, was die Wohnungen in Berlin kosten, war mir klar, dass ich dorthin wollte.“

In London kam er selbst mit zwei Jobs kaum über die Runden. Mit 22 Jahren zog er nach Berlin. Ein Grund, dass er hier blieb, war die „unglaublich aktive und kreative Musikszene“. Ein weiterer Grund für sein Bleiben war Bahar.

Er lernte die junge Frau in der ersten Woche in Berlin in einer Bäckerei kennen, die sich in der Straße in Friedrichshain befand, in der er in einer Wohngemeinschaft lebte. 2007 heirateten die beiden, im Jahr darauf kam ihre Tochter zur Welt. Bahar ist mittlerweile für das Booking der Konzerte zuständig und organisiert abends Bar und Service.

Jazzfest in Berlin - eines der renommiertesten Jazzfestivals weltweit

Am fünften November beginnt in Berlin wieder das Jazzfest. 1964 gegründet, gilt ist es heute als eines der renommiertesten Jazzfestivals weltweit. Im Haus der Berliner Festspiele, der Akademie der Künste, der Gedächtniskirche und dem Jazzclub „A-Trane“ finden von Donnerstag bis Sonntag 18 Konzerte statt.

Zu den Highlights zählen die Auftritte von Sängerin Cécile McLorin Salvant, die norwegische Formation Lage Unit um den Schlagzeuger Paal Nilssen-Love und das Projekt „Wild Man Dance“ von Tenor-Saxofon-Legende Charles Lloyd.

Im Vorfeld des Jazzfest Berlin 2015 veranstaltete der „Zig Zag Jazz Club“ sein erste eigene Konzertreihe, das„Maggie Black’s Jazz Rub Festival“, dreizehn Konzerte und zwei Jam Sessions an sechs Tagen. Heute Abend und Montag stehen noch fünf Konzerte auf dem Programm.

Festival-Reihen gehörten auch zum Erfolgskonzept von Berlins ältestem Klub mit Jazzschwerpunkt, dem „Quasimodo“ in Charlottenburg. Hier gelang es Giorgio Carioti und Klaus Spiesberger in den Achtziger- und Neunzigerjahren, die besten internationalen Bands für ihr legendäres „Jazz in July“-Festival nach Berlin zu holen.

Der „Hof“ atmet noch das Flair der Achtziger Jahre

Doch hohe Gagenerwartungen, gestiegene Kosten für Unterbringung und Reisen und nicht zuletzt die Auflage des Senats, Konzerte wegen der Vagantenbühne im selben Haus nicht vor 22 Uhr beginnen zu lassen, führten dazu, dass im „Quasimodo“ nur noch selten Jazz zu hören ist.

Ganz anders im „Badenschen Hof“ in Wilmersdorf. Dort präsentiert Hans-Hugo Rieck seit dreißig Jahren Jazz. Schon sein Vater war von der Musik begeistert und spielte sie in Berlin. Der Sohn, mittlerweile 68 Jahre alt, lässt in der ehemaligen Schultheiss-Kneipe an vier Tagen in der Woche Jazz-, Soul- und Blues-Formationen auftreten.

Der „Hof“, wie eingefleischte Jazzer sagen, atmet noch das Flair der Achtziger Jahre. Patina statt Edelambiente erwartet die Gäste hier, vergilbte Plakate und Fotos von Jazzmusikern zieren die Wände, Anzugträger sind eher fehl am Platz.

Von Beginn an setzte Rieck auf ein räumlich geteiltes Konzept. In einem großen Schankraum werden Speisen und Getränke mit Hintergrund-Jazzklängen angeboten. Dort müssen Gäste bei den Konzerten ab 21 Uhr keinen „Musikkostenbeitrag“ entrichten.

Gefeiert wird mit alten und neuen Weggefährten

Wer an der Theke des „Badenschen Hof“ steht, hat einen Blick auf die Bühne und muss einen kleinen Obolus fürs Zuhören entrichten. In dem anschließenden, rund 30 Personen fassenden Bühnenraum sind zwischen zehn und zwanzig Euro fällig. Der „Musikkostenbeitrag“ wird direkt an die Musiker weitergegeben.

„Schwerpunkt ist Black Musik“, erklärt Rieck. Zu den Stamm-Musikern im „Badenschen Hof“ zählten der im vergangenen Jahr verstorbene Sänger Pete „Wyoming“ Bender, und die Berliner Swingjazz-Legende Coco Schumann. Der Gitarrist hatte mit seiner Musik das KZ überlebt und war ein Freund von Riecks Vater gewesen.

„Seit vergangenem Jahr tritt Coco nicht mehr auf. Er ist 92 und muss betreut werden“, sagt Rieck. Kurz nach dem Jazzfest begeht der „Hof“ sein 30-jähriges Jubiläum. Gefeiert wird mit alten und neuen Weggefährten.

John Kunkeler von der „Kunstfabrik Schlot“ in den Edison-Höfen an der Invalidenstraße blickt sogar auf vierzig Jahre Jazzgeschichte zurück. Der gebürtige Niederländer hat zwei große Leidenschaften: Marathon und Jazz.

Von 1975 bis 1995 arbeitete der agile, schmächtige Mann für die Fahrbereitschaft des Jazzfest Berlin, das anfangs noch Berliner Jazztage hieß und von Joachim-Ernst Berendt künstlerisch geleitet wurde. „Ich habe viele große Stars nicht nur gesehen und gehört, sondern auch hinter der Bühne erlebt und ins Hotel gefahren“, erinnert sich Kunkeler, „Dizzy Gillespie, Miles Davis und Chick Corea.“

Mit seinem Engagement im „Schlot“ erfüllte er sich einen Traum, der nach dem Umzug vom ersten Standort an der Kastanienstraße in die Edisonhöfe allerdings zum Alptraum zu werden drohte. „Das war hier anfangs Niemandsland. Kaum jemand wusste, wo wir waren, die Gegend war tot.“

„Ein klarer Fall von Gentrifizierung“

Erst mit der Fertigstellung des Hauptbahnhofs und Investorenaktivitäten änderte sich der Kiez. „Ein klarer Fall von Gentrifizierung“, meint Kunkeler, „aber ohne die hätten wir den Laden schon vor zehn Jahren schließen müssen.“ Zweihundert Gäste finden in dem schlicht aber geschmackvoll eingerichteten Kellerensemble Platz. Alleinstellungsmerkmale sind die große Bühne, auf der auch Big Bands spielen können.

„Wir haben regelmäßig jeden ersten Mittwoch im Monat Maria Baptist und ihr Jazz Orchestra mit 17 bis 20 Musikern auf der Bühne, arbeiten zusammen mit der United Big Band, einer Zehlendorfer Schülerband, und präsentieren noch ein bis zwei weitere Big Bands pro Monat“, so Kunkeler. Im Laufe der Jahre entwickelte er kleine Festivalreihen mit Unterstützung der Kulturabteilungen der Botschaften, etwa von Italien oder Tschechien.

Wegen der guten Akustik im „Schlot“ schnitten Radiostationen wie rbb oder Deutschlandradio Konzerte mit. „Anfangs gab es gute Zuschüsse. Doch die Radiostationen müssen auch sparen. Heute bekommen die Bands als Gegenleistung meistens Master-Audiofiles für eine CD. Der ,Schlot’ erhält ein nett gemeintes Dankeschön. Reich wird man mit Jazz nicht“, meint Kunkeler, „weder als Clubbetreiber, noch als Musiker.“

Diese Erfahrung teilen auch Jannis Zoto und sein Bruder Thanassis vom „b-flat“ an der Rosenthaler Straße. „Hätten wir nicht so eine prominente Lage und so viele Touristen als Gäste, es gäbe uns schon lange nicht mehr“ erklären die beiden Betreiber. Die Kinder eines vor den griechischen Obristen in die DDR geflohenen Musikers eröffneten 1995 den Club.

„Jazzmusiker sterben auf der Bühne“

Im „b-flat“ mit seinen großen Fenstern zur Touristenmeile Rosenthaler Straße treten regelmäßig Berliner Jazzgrößen wie Pianist Alexander von Schlippenbach und sein Original-Trio auf. Auch im „b-flat“ wird wöchentlich eine Jam Session geboten. „Wir müssen ständig am Ball bleiben“, sagt Jörg Zieprig, der das Programm in dem Club verantwortet.

Er stellt fest, dass sich die schätzungsweise 500 Musiker zählende Berliner Jazzgemeinde in den letzten Jahren „enorm entwickelt hat“. In dem Maße, wie sich die Gesellschaft im technologischen Fortschritt immer mehr vernetzt, schließe sich auch die Berliner Jazzszene immer mehr zusammen.

Allerdings reicht es für die meisten trotzdem nur zu einem sehr prekären Leben, das bestimmt ist von der Unsicherheit, wann der nächste Auftritt gebucht wird. Mit Altersvorsorge beschäftigen sich die wenigsten. „Jazzmusiker sterben auf der Bühne“, sagt dazu Pianist Uri Gincel.

Pioniersarbeit der Berliner Jazzveranstalter

Zu den Pionieren der Berliner Jazzveranstalter zählt der 53-jährige Sedal Sardan vom Charlottenburger „A-Trane“. Mit zwölf Jahren kam er aus der Türkei nach Berlin, mit 20 betrieb er den legendären Jazzclub „Bebop“ am Kreuzberger Chamissoplatz.

1997 übernahm er das Management des mit viel hellem Holz edel eingerichteten „A-Trane“, benannt nach einem der berühmtesten Songs von Duke Ellington. Innerhalb von knapp zwanzig Jahren entwickelte sich das „A-Trane“ unter seiner Programmhandschrift zur „Upper Crust“ der Berliner Jazzclubs.

Internationale Stars wie Herbie Hancock, Wynton Marsalis oder Diana Krall spielten schon in dem 100-Sitzplätze-Club. „Einer unserer größten Unterstützer war und ist Til Brönner“, erzählt Sardan. Der als bester Jazzmusiker Deutschlands geltende Berliner Trompeter und Sänger spielte bereits zur Eröffnung des „A-Trane“ 1992 und lässt sein Horn regelmäßig im Club erklingen.

Jazzmäßig „tickt Berlin derzeit extrem gut“

Seit mehr als zehn Jahren ist der Charlottenburger Jazzclub auch Veranstaltungsort des Jazzfest Berlin. „Ich denke, das liegt an unserem guten Ruf und der Nähe zum Haupt-Veranstaltungsort Haus der Berliner Festspiele an der Schaperstraße. Jetzt freue ich mich auf die drei Piano-Trios, die im Rahmen des Jazzfest bei uns auftreten“ sagt Sedal Sardan.

Jazzmäßig „tickt Berlin derzeit extrem gut und zieht Top-Musiker geradezu magnetisch an“, stellt er fest. Diese Woche traf er den Schlagzeuger Wolfgang Haffner, einen der besten Jazzdrummer Deutschlands. „Er hat mich gebeten, ihm bei der Suche nach einer Wohnung zu helfen“, berichtet Sardan.

Haffner zieht nach Berlin und ist schon auf der Suche nach Projekten und möglichen Mitspielern. Vielleicht lernt er ja Uri Gincel kennen. Das könnte dem Berliner Jazz einen interessanten, neuen Twist geben.

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