Musik

Jugend dirigiert Erwachsene

Mit der Idee, Kinder das Dirigierenzu lehren, stieß Musiklehrer Alexander Saier auf Skepsis. Jetzt treten seine Schüler zum ersten Konzert an.

Etwas angespannt steht Chiara vor dem Orchester. Immer wieder flüchtet ihr Blick zu den Notenblättern. Es sei eine Herausforderung, die erfahrenen Musiker gerade anzusehen, hatte sie vor der Probe gesagt. Ihre Akzente setzt die 17-Jährige aber bewusst, stößt den Taktstock vor, wenn die Ouvertüre zu Figaros Hochzeit zu einem Höhepunkt anschwellen soll. Sophie, die Schuberts unvollendete Sinfonie dirigiert, setzt gleich den ganzen Körper ein, schwingt hin und her, dämpft mit der Hand wieder ab, spitzt die Lippen.

Die erste Dirigierklasse für Kinder und Jugendliche

Es ist vermutlich die erste wirklich junge Dirigierklasse Deutschlands, die hier für ihr erstes öffentliches Konzert probt. Musiklehrer Alexander Saier jedenfalls erntete für sein Vorhaben, Grund- und Oberschüler der Freien Schule Anne-Sophie (FSAS) zu Orchesterleitern zu machen, zuerst nur Kopfschütteln. „Alle haben gesagt, das geht nicht, Kinder können doch keine Erwachsenen dirigieren.“ Dass es aber doch funktionieren kann, wollen fünf Jungen und zwei Mädchen an diesem Sonntag beim Konzert in Dahlem zeigen. Acht Stücke großer Komponisten von Mozart über Strauss bis zu Grieg spielt die Junge Philharmonie Berlin, bei sieben Interpretationen werden Schüler den Takt vorgeben. Entstanden war die Idee im Musikunterricht. Alexander Saier hatte die Kinder einfache Techniken nonverbaler Kommunikation mit dem Taktstock probieren lassen. Im Blick hatte er dabei nicht nur die Begeisterung für Orchestermusik, sondern das persönliche Auftreten der Jungen und Mädchen.

„Es geht um Charisma“, sagt Saier. „Wie muss ich mich hinstellen, wie arbeite ich mit Augen oder Gestik.“ Nützlich sei so ein Körperbewusstsein bei Bewerbungen, Prüfungen, Dates. Schon während seiner Doktorarbeit hatte Saier zum Einsatz von Musik in der Persönlichkeitsentwicklung geforscht. Bei den Schülern, an der FSAS Lernpartner genannt, zündete der Funke, so dass einige das Dirigieren mit Klangkörper praktizieren wollten. Saier erarbeitete mit dem Hamburger Dirigenten Gernot Schulz ein Konzept, schrieb einen Lehrplan.

Im Sommer 2014 startete die erste Dirigierklasse in der zur FSAS gehörenden Musikschule. 30 Kinder schwingen dort heute den Taktstock, der jüngste ist sechs Jahre alt. Musiker zu finden, die sich von Kindern anleiten lassen, gestaltete sich schwieriger. Saier: „Die haben gedacht, wie soll ein Kind eine Partitur lesen und uns über den Zeitraum eines Konzerts hinweg Inspiration sein.“ Ein offenes Ohr fand Saier bei Marcus Merkel, selbst jüngster Dirigent Deutschlands und Gründer der Jungen Philharmonie Berlin. Für ein Konzert durften sich die Jugendlichen selbst Stücke aussuchen. „Da kamen natürlich auch Vorschläge wie die Star-Wars-Ouvertüre“, erinnert sich Alexander Saier. „Als Alternative haben wir die Karelia-Suite von Jean Sibelius vorgeschlagen, da geht es auch um Kampf.“ Ein Jahr lang lernten die Schüler, eigene Ideen für die Interpretation ihrer Stücke zu formulieren – und zu vermitteln.

„Unter Donner und Blitz“, eine Polka von Johann Strauss, habe besonders mit seinem Dirigierstil harmoniert, sagt Joshua, 13: „Ich mache eher schnelle, ruckartige Bewegungen, das passt.“ Viel emotionaler als professionelle Dirigenten gingen die Kinder an die Musik heran, sagt Saier. „Die Noten habe ich heute erst richtig gesehen“, bestätigt Joshua. Über iTunes habe er das Stück aber wohl 1000 Mal gehört und wisse, wann er die Instrumentalisten wohin steuern müsse.

Die Musiker ihrerseits hätten sich zuerst daran gewöhnen müssen, dass sie mit dem standardisierten Vokabular hier nicht weit kamen, sagt Klarinettist Johannes Schultz. Am Rande der Probe ist er zu Moritz getreten, der Neuntklässler dirigiert die Morgenstimmung aus „Peer Gynt“. „Wenn wir diesen langen Triller spielen“ – Schultz trällert ein kurzes Melodiestück – „dann bräuchte ich am Ende ein deutliches Signal von dir“. Moritz nickt. Sehr spannend sei es, so Schultz, mit Dirigenten zu arbeiten, die „so ganz gefühlsmäßig vorgehen“.

Jugend dirigiert die Junge Philharmonie, 18 Uhr, Jesus-Christus-Kirche Dahlem, Hittorfstraße 23, Karten 10 Euro (erm. 5) an der Abendkasse