„Darfst du die Lok fahren?“, fragt ein kleiner Junge einen 17-jährigen Heizer. Ja, sagt der voller Stolz, „vielleicht sogar bis Warschau.“ Da muss man als Zuschauer schon das erste Mal schlucken. Man ahnt, wohin die Fahrt mit der Rangierlok und den Viehwaggons gehen soll, und wird auch bald bestätigt, als das „Ziel 333“ angegeben wird: Desinfektionsrampe.
Und auch dem jungen Mann – der mitnichten selbst die Lok fahren darf –, gehen bald die Augen auf. Denn er sieht an der Rampe überall verwaiste Koffer, Kleiderstücke und Blut. Sieht auch, wie der Lokomotivführer die Klamotten aufliest und mitgehen lässt. Und klaut dann selbst einen Koffer. Da muss man schon wieder schlucken.

„Unser letzter Sommer“, eine polnisch-deutsche Koproduktion von Michal Rogalski, spielt in einem polnischen Provinzkaff an der Bahnstrecke zwischen Warschau und Treblinka, irgendwann im Sommer 1943.
Auch wenn man glaubt, man habe über diese Zeit schon genug gesehen, lehrt dieser Film uns einmal mehr das Gegenteil. Er zeigt den Krieg aus ungewöhnlicher Perspektive und stellt vertraute Feindbilder in Frage.
Zwei Wege, die sich immer wieder kreuzen
Rogalski kreuzt die Wege zweier 17-Jähriger, dem polnischen Heizer Romek (Filip Piotrowicz) und dem deutschen Soldaten Guido (Jonas Nay). Sie kreuzen sich anfangs ganz bildlich: Guido rast auf einem Motorrad mit Beiwagen auf einer Straße neben den Schienen, Romek heizt wie wild, damit sein Zug schneller ist.
Zwei Jungen, die sich eigentlich ganz ähnlich sind. Ihre Wege werden sich noch öfter kreuzen. Der Deutsche, der hier mit der Sicherheitspolizei Flüchtlinge und Partisanen aufgreifen soll, ist, das wird bald klar, kein strammer Soldat. Er wurde vorzeitig einberufen, weil er erwischt wurde, wie er Jazz hörte. Also „entartete Musik“.

Die hört auch der Pole, auf dem Grammophon, das er in dem verwaisten Koffer findet. Und lockt damit Guido an. Der verliebt sich in das Bauernmädchen Franka (Gerdy Zint), das auch Romek anhimmelt. Wer jetzt an eine Dreiecksgeschichte glaubt, eine Art Jules & Jim unter deutscher Besatzung, sieht sich abermals getäuscht.
Es ist überhaupt eine der vielen Vorzüge des Films, stets mit Erwartungshaltungen zu brechen. Bei einem seiner Streifzüge im Wald trifft Romek auf die Jüdin Bunia (Maria Semotiuk), der er erst nicht helfen will, die er aber nicht loswird. Bis Gudio wieder vor ihm steht, mit Gewehr im Anschlag.
Keiner bleibt hier sympathisch
Es gibt hier, das ist das erschütternde Fazit, kaum eine Figur, die sympathisch bleibt. Nicht der Pole, der sich an den Überbleibseln deportierter Juden bereichert. Nicht die Jüdin, die sich immer dem nächststärkeren Helfer anhängen wird. Nicht die russischen Partisanen, die als erstes Bunia vergewaltigen.
Und erst recht nicht Guido – von Jonas Nay einmal mehr mit einer traurigen Zerbrechlichkeit gespielt –, der gezwungen wird, einen Heuhaufen anzuzünden, in dem sich Juden verstecken. Selbst seine erste, schüchterne Liebe wird er schließlich opfern müssen.

Der Titel ist Programm. Es ist der letzte Sommer von so etwas wie kindlicher Unschuld, der letzte Rest von Menschlichkeit, der der Kälte weichen wird. Wenn der Krieg auch fern scheint und man dem Konzentrationslager nicht näher als bis zur Rampe kommt, ist der Krieg allgegenwärtig – in der Art, wie er diese jungen Menschen alle ausnahmslos verroht und entmenschlicht.
Hier geht es nicht nur um das Töten von Menschen, es geht auch um das Zerbrechen von Seelen. Und den leeren Hüllen, die übrig bleiben.
Jugend unterm Rad
Während die Kamera wieder und wieder auf pittoreske Landschaftsidyllen und Sonnenuntergänge hält, werden die Handlungsstränge immer finsterer. Alle sehnen sich, während die Welt aus den Fugen ist, nach ein wenig Normalität.
Und fast jeder wird, das ist die finstere Pointe des Films, am Ende einen anderen verraten. Um sich selber zu retten. Auch wenn da nicht mehr viel übrig ist von der eigenen Persönlichkeit oder Menschlichkeit.
Ohne zu werten, ohne zu verurteilen, gelingt Rogalski, Jahrgang 1970, ein erschütterndes Bild dessen, was der Krieg aus jungen Menschen macht. Jugend unterm Rad. Auch der Frieden, sollten sie ihn jemals erleben, wird daran nichts mehr ändern können.





