„Boah, hast du ein asymmetrisches Gesicht!“ Das hat ihm erst neulich wieder ein Kameramann gesagt, und das bekommt Jonas Nay oft zu hören. Es ist aber eher als Kompliment gedacht. Und als solches versteht es der 24-Jährige auch. Ein ungewöhnliches Gesicht schaue man sich intuitiv genauer an, das gehe ihm auch bei anderen so. Und die kleine Narbe über der linken Augenbraue und der leicht schräge Blick, das gibt dem jungen Schauspieler etwas Gebrochenes, Verletzliches, das sich für dramatische Rollen geradezu anbietet.

Schon mit 21 einen Grimme-Preis

Das Gesicht hat man sich schon früh merken können. Trotz seiner jungen Lenze steht Jonas Nay bereits seit über einem Jahrzehnt vor der Kamera. Seinen Durchbruch hatte er 2011 mit dem Fernsehfilm „Homevideo“, der das Reizthema Cybermobbing behandelte und in dem er von Mitschülern mit einem intimen Handy-Video erpresst und schließlich in den Freitod getrieben wurde. Dafür bekam der Nachwuchsdarsteller einen Deutschen Fernsehpreis, einen New Faces Award und, die höchste Auszeichnung, die man hierzulande bekommen kann, den Grimme-Preis. Und das mit nur 21 Jahren!

Das könnte nun aber noch getoppt werden. Denn 2015 wird das Jahr von Jonas Nay. Gerade erst lief „Hirngespinster“ im Kino, in dem Nay sich um seinen schizophrenen Vater (Tobias Moretti) kümmern musste. Für dieses Jahr stehen nun gleich drei aufwändige Kino- und TV-Produktionen an. Ab morgen ist er in „Tannbach“ zu sehen, einem ZDF-Dreiteiler über ein Dorf, das durch die Teilung Deutschlands zerrissen wird. Am 22. Januar kommt „Wir sind jung. Wir sind stark“ ins Kino, einer der mutigsten und wuchtigsten deutschen Filme seit langem, der die ausländerfeindlichen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen 1992 rekapituliert – ein Thema, das leider gerade wieder hochaktuell ist. Dann ist da noch „Deutschland!“, Nico Hofmanns achtteilige Serie über Ost-West-Spionage, die wohl im Herbst ausgestrahlt wird. In allen dreien spielt Jonas Nay die Hauptrolle. Davor hat er in Polen auch noch seine erste ausländische Produktion mit dem Arbeitstitel „Sommersonnwende“ gedreht, über die letzten Kriegsjahre.

Durch ein Missverständnis zum Film

Jetzt sitzt uns der junge Mann im ZDF-Hauptstadtstudio gegenüber und wirkt ein wenig eingeschüchtert ob des Rummels, der wohl bald über ihn kommen wird. Seltsam findet er, dass er bislang fast nur Zeitgenössisches gedreht hat, jetzt aber in lauter historischen Filmen zu sehen ist, deren Zeit er nicht miterlebt hat. Alle hat er hintereinander weggedreht, danach war er „ sehr am Limit“. Dabei hat er aber förmlich einen Zeitstrahl durchlaufen von den 40er- bis in die 80er-Jahre. Für ihn, der sich bisher nicht viel aus Geschichte machte, war das „gelebter Geschichtsunterricht“. Unser Mann fürs Historische.

Dabei kam der junge Mann nur durch ein großes Missverständnis zum Film. Und über einen ziemlichen Umweg. Eigentlich war er nämlich Chorknabe und hat in seiner Geburtsstadt Lübeck in der Knabenkantorei gesungen („Ich hatte einen schönen Sopran, ich vermisse ihn sehr“). Es war üblich, als Chorknabe Statistenrollen in Operninszenierungen anzunehmen. So hat sich dann auch auf einen Aufruf in der Zeitung beworben. Nicht wissend, dass es hier um eine Fernsehserie ging, „4 gegen Z“, die über zwei Jahre laufen sollte. Er hat aber schnell Blut geleckt. Das ist sogar der Schule bekommen. Seine Mutter hatte nur zugestimmt, wenn die Noten nicht schlechter wurden. „Ich hatte“, grinst er noch heute, „nie wieder so gute Zeugnisse“. Weil er es unbedingt machen wollte. Damals spielte er noch unter dem Pseudonym Jonas Friedebom, unter seinem richtigen Namen war er dann Dauergast im Fernsehen, bei „Großstadtrevier“, „Tatort“ und eben „Homevideo“.

Nicht ohne mein Tonstudio

Noch immer aber versteht sich Jonas Nay vor allem als Musiker. Er hat die Band Concerted gegründet, aus der 2013 die Northern Lights entstanden. Er hat in einem Fernstudium in Bonn Filmmusik studiert und studiert jetzt Musik mit Hauptfach Jazzpiano in Lübeck. Dafür ist er sogar in seine Heimatstadt zurückgezogen. Er findet das ganz wichtig, „dass ich durch Lübeck aus der ganzen Filmwelt bewusst herauskomme.“ Das sei die totale Kontrastwelt. In die Filmwelt sei er nur „irgendwie reingeschlittert“, sein Handwerk sei aber die Musik. Das gibt ihm eine Sicherheit. Und Musik verbindet er ganz stark mit seiner Heimat. „Da habe ich meine Band, da habe ich mein Studium, das ist mein Kosmos.“

Sein Klavier, sein Schlagzeug, sein ganzes mobiles Tonstudio begleitet ihn immer, ob er nun wochenlang „Tannbach“ in Prag dreht, „Wir sind jung“ in Halle oder „Deutschland!“ in Berlin. Damit kann er nach langen Drehtagen entspannen. Und damit fällt er auch nicht in das berühmte Loch, von dem andere Schauspieler nach der letzten Klappe eines Films so oft erzählen.

Die Narbe hilft

Er hat sich überlegt, ob er nicht auch Schauspiel studieren sollte. Ist davon aber wieder abgekommen. Irgendwann war der Moment verpasst. Letzten Endes simuliere jede Schauspielausbildung aber auch nur eine Praxis, „in der ich glücklicherweise schon arbeiten darf“. Viel größer sei der Druck des Grimme-Preises. Der hat seine Karriere kräftig angetrieben, aber das sei auch eine schwere Bürde: „Du wirst jetzt natürlich ständig daran gemessen.“ Darüber hätte er sich auch mit Ludwig Trepte unterhalten können. Der spielte ja neben ihm die Hauptrolle sowohl bei „Tannbach“ als auch bei „Deutschland!“. Und der hatte mit 21 sogar schon zwei Grimme-Preise.

Ach ja, die Narbe. Wir trauen uns erst ganz am Ende, ihn darauf anzusprechen. Er geht damit aber ganz gelassen um. Er hatte mit zwei, drei Jahren einen schweren Autounfall. An den hat er glücklicherweise keine Erinnerung mehr. Wohl aber an die Folgebehandlung, die Wirbelsäule musste über Jahre eingerenkt werden. Jetzt erinnert nur noch die Narbe daran. Und der schräge Blick. Das sei aber kein Manko. Im Gegenteil: „Die Narbe hilft“, meint er selbst. „Ich bin halt nicht der Sonnyboy, den man für einen Disney-Film hinstellt.“