Für Jochen Brockmann ist die Zeit gekommen, in der es zu retten gilt, was zu retten ist. Der Manager ist Anfang 50, in Turin lebend und in der Welt zu Hause, ein „Teil einer Bruderschaft, die in klimatisierten Lounges auf Aufruf ihrer Flüge wartet“. Er verkauft – ein bislang unterrepräsentierter Zweig in der Literatur – „Anlagen zur Beschichtung und Lamination von Stückgut und Substraten“. Die Geschäfte des Sales Managers schleppen sich so dahin, sie leiden unter Finanzkrise, störrischen Banken, mangelndem Rückhalt im Konzern. Der Arbeitgeber quartiert ihn, den langjährigen Top-Performer, auf einmal in Mittelklassehotels (Zufall? Böswilligkeit?) ein, in Konferenzen vermeiden die Kollegen den Blickkontakt: „Keine Mail mehr eingetroffen, SMS, kein Anruf. Als hätten sie ihn schon von der Liste gestrichen, Firmenaccount gesperrt.“
Ein gut aufgefülltes Personenarsenal entlässt Ulrich Peltzer in seinem Roman „Ein besseres Leben“ in die Gegenwart. Sie haben durchweg als junge Erwachsene eine linkspolitische Sozialisation durchlaufen und sich irgendwann für eine Karriere im System und gegen die Verliererexistenz eines Aktivisten außerhalb des Systems entschieden. Es ist nicht so platt-hermetisch wie bei Adorno, aber die Frage, ob sie ein richtiges Leben im falschen führen, beschäftigt sie schon: Sie haben es allen gezeigt. Und was jetzt?
„Geschieden, Freundinnen, immer noch Kinogänger“
Der Leser bekommt nur eine Ahnung über ihre Arbeit. Angelika Volkhart ist in einer Reederei in Amsterdam („man sitze vor seinem Computer, verchartere, versichere, dirigiere die Fracht dahin oder dorthin“) beschäftigt. Eine frühere Affäre ist sinister wie sein Name erahnen lässt: Sylvester Lee Fleming berät nahezu legal Menschen in Finanzfragen. Jochen Brockmann, unsere Experte für Lamination, ist vergleichbar fassbar: „Geschieden, Freundinnen, immer noch Kinogänger, dreieinhalb Sprachen, in den letzten Monaten häufig merkwürdig zerstreut, sich mit Idioten herumschlagend, die an einem Stuhl sägen, auf dem sie selber sitzen wollen ...“ Wünschenswert sei das Leben des Sales Managers, das Jochen Brockmann führt, nicht, sagt Ulrich Peltzer, so einer verbringe viel Zeit in Hotels, treffe sich zu Geschäftsessen, hänge dann alleine rum: „Was machen die Männer dann? Hotelbar? Puff? All das erscheint wirklich nicht prickelnd, aber es gibt Leute, die das erfüllend finden.“
Jochen Brockmann stammt wie Ulrich Peltzer aus Krefeld, Brockmanns Leben verläuft so, wie Peltzers hätte auch laufen können, sagt der Autor, wie es unter vielen Möglichkeiten hatte verlaufen können, hätte er einen anderen Abzweig genommen, zum Beispiel Volkswirtschaft oder Jura studiert. Ulrich Peltzer, Jahrgang 1956, hat aber Mitte der 70er-Jahre mit dem Studium der Psychologie begonnen an der FU Berlin, eine staatliche Fortbildungseinrichtung für linke Sozialisation. Er war also schon in der Stadt, bevor sie angesagt war.
Eine Fangemeinde hat er, sie könnte größer sein
Wir treffen uns am Oranienplatz, einst eine ganz schön finstere Ecke, heute Knotenpunkt für Rollkoffer aus aller Herren Länder. Den Immobilienboom, mitausgelöst durch ausländisches Kapital, findet er suspekt, so uneindeutig sich seine Figuren zu verstehen geben, so klar ist er in seiner Ablehnung gegenüber der Verdrängung der Alteinwohner. Zumindest weiß er, wovon er spricht, wohnt er doch in Nord-Neukölln am Landwehrkanal. Er führt ein nicht unübliches Schriftstellerleben in Deutschland, ausgezeichnet mit Literaturpreisen (Heinrich-Böll-Preis, Carl-Amery-Literaturpreis, Marieluise-Fleißer-Preis) und die ganze Palette des weit verzweigten Fördersystems nutzend, die keine Existenz sichern, aber Rechnungen für ein paar Monate begleichen.
Eine Fangemeinde hat er, sie könnte größer sein: Alle Zutaten (hoch bezahlte Manager! undurchschaubare Geschäfte! Und dann dieser dekadente Luxus!) für einen „gesellschaftskritischen“ Roman stehen bereit, auch wüsste er sie als jemand, der Marxens „Kapital“ nicht nur gelesen, sondern auch verinnerlicht hat, zu verwenden.
Nur, er mag nicht. „Ich versuche, keine exemplarische Geschichten zu schreiben, jeder Versuch exemplarisch zu sein, ist der Tod der Kunst“, hat er in einem Interview gesagt. Das ist der eine Grund, den anderen nennt er bei unserem Treffen. „Ich identifiziere mich so mit der Figur, dass ich alles ausblende, was man ihr vorwerfen könnte, Gemeinheit oder Dummheit oder was auch immer. Die Figur ganz ernst zu nehmen, heißt, mit allem, was sie tut, einverstanden zu sein.“
Der Ärger von heute, die Geliebte von gestern
Insofern ist es schräg, dass ausgerechnet ihm, dem Emphatiker, das Adjektiv „kühl“ angehangen wird – der „kühle“ Beobachter, der „distanzierte Blick“ ist Grundbausteinchen vieler Rezensionen. Und weil wir gerade bei Standardphrasen der Literaturkritik sind: Ulrich Peltzer schreibt nicht, wie es so oft heißt, sperrig. In seine Assoziationsketten muss man sich erst hineinfinden, nach 20 Seiten führt aus der soghaften Sprache kein Weg mehr heraus. Irgendwann denkt man wie Jochen Brockmann: Der Ärger von heute, die Geliebte von gestern, das Grübeln über Entscheidungen, die schon grundfalsch erschienen, als man sie getroffen hatte. Oder vielleicht doch, ihr, wie man so sagt, Gutes hatten? Ulrich Peltzer zu lesen, verlangt Ruhe und Konzentration. Keine Ablenkung. Das Smartphone im anderen Raum.
„Das bessere Leben“, dieser Titel, was soll das sein, ein besseres Leben? Im Grunde sei das eine „altlinke Frage“, sagt Peltzer, denn „wenn die Bedürfnisse gestillt sind – um was geht es dann eigentlich?“ Wenn sie mal ausschließlich altlinks wäre. Die Frage, ob das jetzt alles war, hämmert seit der Säkularisierung in den Köpfen, sie ist auch probater Einstieg für Lebenskrisen in allen Spielarten.
Ulrich Peltzers Buch beantwortet sie auf zweifache Weise: Wir sind so allein, weil der Weg zwischen dem, was wir denken und dem, was wir sagen, voller Windungen ist. Es sagt aber auch: Was den Einen umtreibt, treibt ähnlich auch den anderen um. Wir sind nicht allein im Hamsterrad.

![Norwegian author Karl Ove Knausgård pictured durig his visit to Finland on Thursday, 29th September, 2011. Photo: LEHTIKUVA/Antti Aimo-Koivisto *** FINLAND OUT. NO THIRD PARTY SALES. *** [ Rechtehinweis: usage Germany only, Verwendung nur in Deutschland ] Norwegian author Karl Ove Knausgård pictured durig his visit to Finland on Thursday, 29th September, 2011. Photo: LEHTIKUVA/Antti Aimo-Koivisto *** FINLAND OUT. NO THIRD PARTY SALES. *** [ Rechtehinweis: usage Germany only, Verwendung nur in Deutschland ]](https://img.sparknews.funkemedien.de/205853149/205853149_1443705625_v16_9_1200.jpeg)

