Rudolf Freundorfer ist eigens aus Lichtenberg hergekommen und kauft einen dreiviertel Liter „Lizano Salsa“. Die dunkle Soße aus mittelscharfen Chilis stammt aus Costa Rica. „Die bekomme ich nur hier“, sagt der Hobbykoch, der mit der Salsa, Reis vom Vortag und schwarzen Bohnen das mittelamerikanische Nationalgericht „Gallo Pinto“ nachkochen möchte.
„Das essen die Menschen dort zum Frühstück. Sie beginnen ihren Tag gleich mal schön scharf“, freut sich Felix Eichholtz, der seit 2009 das Pfefferhaus in einem S-Bahnbogen nicht weit vom Alexa betreibt. Im Schaufenster stehen einige Chilipflanzen, an denen reife, rote Chilischoten leuchten. „Die kann man prima auf dem Balkon oder im Garten züchten“, sagt Eichholtz. „Das klappt wunderbar und sieht außerdem gut aus.“ Natürlich gehören auch Samen verschiedener Sorten zum Angebot des Geschäftes. In dem bestimmen Holzapplikationen an der Decke und erdfarbene Wände das großzügige Ambiente mit viel Platz zum Stöbern.
Eine fruchtige, süße, scharfe Eigenkreation
Ein junges Paar kommt herein und sucht nach einem Geschenk für einen Freund, der gerne scharf isst. „Wie scharf?“ fragt Eichholtz. Die beiden sehen sich etwas ratlos an. „Wollen Sie mal etwas probieren?“ Die nächste Viertelstunde verbringen die Kunden damit, sich von Soßen mit grünem Punkt, sehr mild, über die mit gelben Punkt, mittelscharf, bis zu denen mit rotem Punkt, sehr scharf durchzuprobieren. Sie sind erstaunt, was für eine Vielfalt an Schärfe existiert und nehmen zu guter Letzt eine Eigenkreation des Pfefferhaus mit, die fruchtig-süß-scharfe „Stinger“ aus Habanero-Chilis, Honig und Knoblauch.

Dann „tanzt der Trigeminus-Nerv einen flotten Merengue“, scherzt Eichholtz. Dieser dreigeteilte Nerv im Bereich von Augen, Mund und Rachen sorgt dafür, dass, gesteuert über das Gehirn, beim Verzehr von scharfen Speisen die Augen tränen, die Schleimhäute anschwellen und der Schweiß fließt. „Ein ganz natürlicher Entgiftungsprozess, der dem Körper letztlich sehr gut tut und Chili zu einem besonders gesunden Nahrungsmittel macht“, so Eichholtz.
Die scharfen Schoten sorgen für fruchtig pikante Akzente
„Deshalb empfehlen wir Chilis nicht als simplen Scharfmacher, sondern um damit Speisen neue fruchtig-pikante Akzente zu geben“, führt er aus. Im Grunde seien die aus Latein- und Mittelamerika stammenden Schoten eine Art natürlicher Geschmacksverstärker. Denn durch die bessere Durchblutung im Mund und einen erhöhten Speichelfluss schmeckt man einfach mehr.“ Auf jeden Fall liege schärfer Essen im Trend. Der kam durch viele Gewürzmitbringsel von Fernreisen und wie so oft, aus den USA. Dort hatte Eichholtz’ Partner Dennis Degener bei einem Aufenthalt die enorme Vielfalt an „Hot Sauces“ bewundert, und 2007 das erste Geschäft in Hannover aufgemacht.
Zwei Jahre später folgte das in Berlin. Im Angebot sind mehrere hundert Produkte. Für die meisten Soßen liegen die Preise zwischen 4 und 10 Euro, mit einer Flasche komme man je nach Konsum zwei bis sechs Monate lang aus. Ein großes Regal ist dem Thema BBQ-Saucen vorbehalten. „Wir setzen neben den Top-Produkten aus den jeweiligen Bereichen auf Produkte aus der eigenen Produktionsküche, exklusive Marken und seltene Chilisorten“, erklärt Eichholtz. So baut ein Chili-Landwirt aus Österreich nur für das Pfefferhaus Gelbe Cayenne-Chilis an. Die gibt es nur kurze Zeit als ganze getrocknete Chilis.
„Scared Elephant“ ist etwas für Hartgesottene
Bei den Schoten steigen Anfänger am besten mit milden Sorten wie der mexikanischen Guajillo ein. Ein weiterer Exklusiv-Partner liefert aus London das ebenfalls milde „Sweet Lime Chutney“. Mit leichter Schärfe, gut zum Dippen mit Nachos, überzeugt „El Jefe Verde“ aus den Niederlanden. Der sogenannte „Scared Elephant“ hingegen ist schon etwas für Hartgesottene. Verantwortlich für die Schärfe bei den Chili-Schoten ist Capsaicin, ein Molekül welches dem Schärfestoff Piperin im Pfeffer sehr ähnlich ist. Gemessen wird Schärfe in der Einheit Scoville. Eine normale Soße oder Sambal Olek haben um die 3000 bis 5000 Scoville. Die „Scared Elephant“ liegt schon bei 60.000.

Manche Aficionados sammeln scharfe Soßen wie Trophäen. „Das ist eine eigene Welt, die in der Regel von Männern dominiert wird“, berichtet Eichholtz. Für die verwahrt er im Medizinschrank ein Fläschchen „Affliction“ – zu Deutsch: das Elend - der Firma Grim Reaper, die sich mit Totenkopfetiketten schmückt. „Neun Millionen Scoville, das ist böse. Pfefferspray hat zwei Millionen. Besteht übrigens nicht aus Pfeffer, sondern aus Chili“, erklärt Eichholtz.
Auch außergewöhnliches Zubehör findet sich im Regal
Ein großes Thema seien derzeit Chipotle, geräucherte Jalapeño-Chilis aus Mexiko, die sowohl in Soßen als auch in Pulverform angeboten werden. Auch Spezial-Chilis wie die milden, leicht rosinig schmeckenden Pasilla und Ancho-Chilis für die Zubereitung der mexikanischen Mole-Schokoladensoße hat Eichholtz im Sortiment, und die zur Herstellung nötigen Steinmörser.
Neben Chilis finden sich auch eine Reihe von Gewürzen in den Regalen, allein rund zwanzig verschiedene Pfeffersorten. Ein weiteres sehr beliebtes Segment sind Snacks und Geschenkartikel. Von der Chili-Mühle bis zu Chili-Weingummis sind viele Produkte im Programm. „Der Markt mit scharfen Zutaten wächst rasant“, sagt Eichholtz. „Wer einmal an einer Verkostung teilgenommen hat und seinen speziellen Schärfegrad gefunden hat, der bleibt dabei.“
Pfefferhaus Dircksenstraße 94 im S-Bahnbogen, Mitte, Mo.-Sbd. 11-20 Uhr, Tel. 20 21 53 46, www.pfefferhaus.de





