Als Karl Ove Knausgard aufwacht, friert er wie verrückt. Die Nacht, also, was von ihr übrig blieb, hat er auf einem Flachdach auf einer Garage in Island verbracht, es hat zu regnen angefangen, er ist durchnässt, verkatert, voller Schuldgefühl. Wenige Stunden zuvor hat er seine Freundin Gunvor geweckt und mit ihr Schluss gemacht. Dann ist er abgehauen. Sein Bruder Yngve sagt: „Du musst aufhören zu trinken, Karl Ove.“

In einer anderen Nacht, in Bergen in Norwegen, wo Karl Ove Knausgard lebt, gegen fünf Uhr in der Früh, erneut stark alkoholisiert, überkommt ihn der Wunsch, unbedingt mit einer Frau zu schlafen, mit der er noch nie zuvor geschlafen hat. Er macht sich auf den Weg in einen Vorort, weil dort „eine Frau wohnt, die eventuell einmal in mich verliebt gewesen, sie würde mich bestimmt mit offenen Armen empfangen“. Er wirft Steinchen gegen ihr Fenster, ergebnislos, er will zu ihr hochklettern, stürzt drei Meter in die Tiefe. Sein Bruder besucht ihn am nächsten Tag, er hat von Karl Oves Irrfahrt gehört und sagt: „Du solltest besser aufhören zu trinken. Du verträgst keinen Alkohol.“

„Der Erfolg bewirkt nicht, dass ich mich besser fühle“

Karl Ove verspricht Besserung, keiner glaubt ihm. Der Leser schon gar nicht, er kennt ihn gut genug. „Träumen“ heißt der fünfte Teil der auf sechs Bände angelegten Autobiografie, insgesamt 3600 Seiten. „Min Kamp“ heißt dieses monumentale Werk, also „Mein Kampf“, ein Kampf, den der Autor mit sich, gegen sich führt. Er kämpft darum, ein Schriftsteller zu werden. Er kämpft um Anerkennung, um Freundschaften. Vor allem kämpft er dagegen, so zu sein, wie er ist (oder wie er sich sieht): schweigsam, unnahbar, depressiv, ohne Selbstbewusstsein.

„Männer lieben das Buch, weil sie sich daran selber erkennen,“ hat eine Freundin gesagt. Und so lange keine plausiblere Erklärung auf dem Markt ist, bleibt es dabei. Sein Erfolg ist phänomenal und ein wenig unheimlich. Denn sein Thema datiert aus der fernen Zeit, als zum ersten Mal ein Mensch sagte, ich glaube, ich bin kreativ – die Idee des Künstlers als exzentrischer, melancholischer, nahe am Wahnsinn gebauter Mensch finden Künstler seit jeher aufregend.

Karl Ove Knausgards Bücher werden von den Kritikern geliebt und von den Lesern gekauft, ein seltenes Doppel. Der 46 Jahre alte Schriftsteller hat in seiner Heimat, einem Land mit fünf Millionen Einwohnern, 500.000 Exemplare verkauft, sein Werk ist in 31 Sprachen übersetzt. Befreiend ist dieser Durchbruch für ihn im Übrigen nicht. „Der Erfolg bewirkt nicht, dass ich mich besser fühle“, hat er der „Welt“ erzählt.

„Träumen“ umfasst die 14 Jahre, die er von 1988 bis 2002 in Bergen verbringt. Zu Beginn schlägt er sich nach einer Interrail-Tour durch Europa quasi mittellos zurück nach Norwegen durch, er freut sich auf seine Zeit in der Akademie für Schreibkunst, in der er mit Abstand der Jüngste sein wird, er sehnt sich nach einer Frau, die er ein einziges Mal gesehen hat und unsterblich in sie verliebt ist, er masturbiert das erste Mal, mit 20 Jahren.

Ein Bildband, in der Akte von Rubens, Botticelli und Tizian gezeigt werden, dient als Vorlage. Er kennt am Anfang kaum einen Menschen in Bergen, nur seinen Bruder, den er aber nicht nerven möchte. In ein Café oder ins Kino möchte er nicht allein gehen, denn was sollen die Leute dann von ihm denken? Er ist 20 Jahre alt, voller Ideale, voller Ängste, zu oft allein, berührend unschuldig und unter der altersgerechten Bürde leidend, der Mittelpunkt des Universums zu sein.

Erröten und Schweigen inmitten der Partystimmung

Karl Ove flirtet, als er als Pfleger jobbt, findet eine Frau anziehend, die wenige Seiten später nie wieder erwähnt wird, er befreundet sich mit Menschen und verliert sie aus den Augen, er entdeckt eine Ratte in seiner Wohnung, vor der er sich ekelt und die ihn exakt solange beschäftigt, bis es ihm gelingt, sie zu beseitigen. Indem Karl Ove Knausgard sein Leben beschreibt, beschreibt er das Leben der vielen: Was heute bedeutend erscheint, ist bald belanglos, was angefangen wird, bleibt liegen und ist vergessen. Was sich als verheißungsvolle Auffahrt ankündigt, entpuppt sich als unsinnige Sackgasse.

Karl Ove sieht sich als Verlierer, die anderen könnten besser schreiben, die anderen könnten sich besser unterhalten, sie seien gescheiter, und gewitzter seien sie sowieso. Als er sich mit einem Kommilitonen anfreundet, bemerkt er: „Unser Studiengang war voller interessanter und belesener Menschen, trotzdem hatte er sich ausgerechnet dem unter ihnen zugewandt, der oberflächlich war und nichts von Literatur verstand.“ In einer Silvesternacht vernuschelt er beim Abendessen eine Antwort mit der Tischnachbarin, der Rest ist Erröten und Schweigen, während rings um ihn Partystimmung ist.

Der Wille, an den Träumen festzuhalten

Schriftsteller zu werden, ist sein Lebensziel, die panische Sorge, dabei zu scheitern, nimmt zuweilen komische Züge an. So fürchtet er, da ist er 22 Jahre alt, dass er auf seinem Job als Pfleger hängenbleibt und als 40-Jähriger dann „den jungen Studenten, die als Aushilfen kamen und gingen, erzähle, dass ich eigentlich Schriftsteller werden würde. Na ja, es geht darin ein bisschen um mein Leben. Möchtest du vielleicht eine Erzählung von mir lesen? Sieh mal, ich habe rein zufällig ein Exemplar in meiner Tasche. Nimm sie mit, du kannst mir dann ja morgen sagen, wie du sie findest. Okay?“

Was Karl Ove an sich nicht erkennt, aber seine Umwelt sehr wohl, ist seine Hartnäckigkeit, sein Wissensdurst nach der Weltliteratur, seine Ehrlichkeit, seine moralischen Prinzipien, seinen Willen, an seinen Träumen festzuhalten. Als Leser beobachtet man an sich mit der Zeit ein leicht paternalistisches, übergriffiges Verhalten: Man hofft inständig, dass Karl Ove sich nicht wieder betrinken möge, möchte ihn aufbauen, wenn er eine Absage eines Verlages erhält, und denkt sich, als die neue Freundin auftaucht („zierlich, blond, kleine Stupsnase, sanfte Augen“), gouvernantenhaft: Na, ob das die Richtige ist?

Das realistische Erzählen ist beliebt, aber nicht frei von Anfeindungen. Der spanische Schriftsteller Javier Marías hat bei seiner Rede auf dem Internationalen Literaturfestival Berlin seine Abneigung gegenüber den Erzählern kundgetan, die „explizit den Anschein der Realität“ vermitteln. Wobei Abneigung eine schwache Deutung ist, Ekel würde Marías’ Haltung gegenüber realistischem Erzählen wohl besser treffen: „Ich bin der Meinung, dass sich Wahres nur unter der eleganten, schamhaften Maske einer Erfindung erzählen lässt, weil sich derjenige, der erfindet oder dichtet, niemals den vulgären, bizarren Auflagen der Wirklichkeit beugen wird.“

Es mag manieriert klingen, was Javier Marías da formuliert hat (und steht auch im Einklang zu seinem literatrischen Stil), vor allem aber ist seine These unzutreffend. Denn beide, der Roman und das „wahre“ Leben, versprechen Spannungsbögen, versprechen Fragen zu beantworten, doch nur der Roman löst sein Versprechen ein. Auch die vulgären, bizarren Auflagen der Wirklichkeit haben mit Karl Ove Knausgard ihren Erzähler gefunden.

Karl Ove Knausgard liest am 2.10.
im Haus der Berliner Festspiele,
Schaperstr.24, Beginn: 19.30 Uhr