Kultur

Menschen lenken doch nur ab

Ein Mann und seine Landschaften: Wim Wenders stellt seine Fotografien in der Galerie Blain Southern in Tiergarten vor

Landschaften sind wie Menschen, sagt er, sie haben einen Charakter, sie haben eine Tagesform. Landschaften sind seine Leidenschaft, das kann man verstehen, sie passen gut zu Wim Wenders. Landschaften drängeln nicht rum, wollen nichts Kompliziertes von einem und können die Klappe halten.

Auf seinen Fotografien, die am Mittwoch in der Galerie Blain Southern vorgestellt werden, muss man die Menschen schon suchen. In einer Bar in Montana steht eine Frau vom Betrachter abgewandt hinter dem Tresen. Wenn man sehr nah an ein riesiges Bild, in der die Elbe festgehalten wurde, herangeht, erkennt man links zwei leicht Bekleidete am Ufer, ein anderer Mann in Sporthose wendet sich vom Fluss ab. Ansonsten können wir einen Hund in Pittsburgh auf die Liste der Lebewesen aufnehmen, auch einige Hühner. Die Gebrüder Castillo gehören nicht dazu, alles, was an sie erinnert, sind zwei weiße Kreuze mit ihrem Todesdatum im Jahr 1980, im Hintergrund die leere Leinwand eines verlassenen Autokinos.

Wim Wenders hat es sogar geschafft, die Baustelle am Potsdamer Platz in einem menschenleeren Moment zu erwischen. Menschen lenken nur ab, sagt er, unsere Blicke richten sich auf sie, wir würden versuchen, uns in den Betrachter zu versetzen und damit das Wesentliche ignorieren.

Die Ausstellung im Blain Southern markiert das Ende der diesjährigen Wim-Wenders-Festspiele. Die Dokumentation „Das Salz der Erde“ wurde für den Oscar nominiert, mit „Every­thing will be fine“ erschien nach vielen Jahren mal wieder von ihm ein Spielfilm, auf der Berlinale wurde er für sein Lebenswerk geehrt, in seiner Heimatstadt Düsseldorf wie auch in New York im Museum of Modern Art gab es Re­trospektiven seiner Arbeit.

Er reist und fotografiert Orte, die er zuvor nie gesehen hat

70 Jahre ist er in diesem August geworden und auf dem besten Weg zu einer Legende. Er wird Teil der Erinnerungskultur, ob ihm das nun passt oder nicht. Wim Wenders Filme entstammen dem Zeitgeist der 70er- und 80er-Jahre. Damals wurde die ausdrucksstarke und große erzählerische Ruhe gerühmt, für heutige Sehgewohnheiten wirkt sein Werk zuweilen langatmig. „Arthouse, da bin ich drin, in der Kategorie, da komme ich nicht mehr raus“, hat er dem Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ erzählt, „und Arthouse ist am Ende“.

Die Hälfte des Berufslebens sei er Fotograf, sagt er, darauf legt er wert. Er reise rum und fotografiere Orte, die er zuvor nie gesehen habe. Von Berlin mache er seit Jahren keine Aufnahmen mehr, hier lebt er ja. Er liebe es, mit leichtem Gepäck unterwegs zu sein, er nehme kein Stativ mit, fotografiere analog und aus der Hand. Wie seine Bilder geworden sind, erfährt er Wochen später, nach der Entwicklung. Er geht allein auf Reisen, manche Bilder dauern länger, auf das richtige Licht zu warten, kann zeitaufwendig werden.

Ansonsten nimmt er die Dinge so, wie sie kommen. Er möchte nichts hineintragen, sagt er, da werde nichts bearbeitet, nichts umgebaut, nichts inszeniert. „Nicht eingreifen“, sei das ethische Postulat seiner Fotografie, sagt er. Als Filmemacher reise er rum und erzähle Geschichte, bei der Fotografie sei das explizit nicht der Fall.

Na ja. Seine Bilder erzählen natürlich eine Geschichte (was für ein Glück, sonst wären sie nur Schnappschüsse), und wenn es auch nur eine Geschichte ist, die sich der Betrachter ausdenkt. Wir sehen eine Autobrücke irgendwo in Deutschland, keine Ausfahrt, keine Abfahrt, ein Überbleibsel einer Idee, die man irgendwann als gut und danach als nicht mehr so gut erachtet hatte.

Wim Wenders hat Freude am Absurden. Auf einem Bild, der auf den ersten Blick wie ein belangloser grüner Rasen plus belanglosem Einfamilienhaus aussieht, ragt ein Dach und ein wenig Windschutzscheibe eines Autos heraus. Der Kleinwagen wurde eingebuddelt und ist nun Teil der Landschaft. Auf einem anderen Bild liegt ein Kleinflugzeug buchstäblich auf dem Dach auf einem Acker. Und an Schildern hat Wim Wenders große Freude, Schilder, die etwas versprechen und nichts halten werden. Die „National Croatia Hall“ liegt an einer heruntergekommenen Seitenstraße, das Schild „Glück“ auf einer Bude auf einem schäbigen Rummelplatz in Oberhausen 1963 lässt auf vorsätzlichen Betrug schließen.

Mit blauen Socken, Jogginghose, Sportschuhen und einer Kapuze ist Wim Wenders an diesem Vormittag gekommen. Sportlich sein Äußeres, sportlich die Preise. Zwischen 9000 bis 65.000 Euro kostet eine Fotografie.

Time Capsules. By the side of the road. Wim Wenders’ recent photographs im Blain|Southern Berlin, Potsdamer Straße 77 bis 87, noch bis 14.11.