Er ist ein Intendant, der neben großer Oper immer auch ein bisschen Spaß haben will. Beim Saisoneröffnungsfest im Schiller-Theater am kommenden Sonnabend wird Jürgen Flimm das Publikum einer Applausschule unterziehen. Generalmusikdirektor Daniel Barenboim will einen Publikumschor nebst Staatsopernchor dirigieren. An der Staatsoper hat man sich einiges einfallen lassen, um in die neue Spielzeit zu kommen. Die Saison wird maßgeblich vom Künstler Jürgen Flimm geprägt: Drei große Opernpremieren bereitet er selber vor.

Berliner Morgenpost: Herr Flimm, bei Amtsantritt als Intendant hatten Sie versprochen, selber am Haus nie zu inszenieren. Jetzt sind Sie als Regisseur gleich drei Mal angekündigt?

Jürgen Flimm: Mozarts „Hochzeit des Figaro“, die im November Premiere hat, hatte ich einem hoch geschätzten Kollegen angeboten und bekam dafür auch Applaus im eigenen Haus. Aber eines Tages kam er und sagte, er verstehe das Stück nicht. Wir haben stundenlang diskutiert. Dann habe ich ihm empfohlen, er sollte doch in eine Klinik gehen. Dann habe ich mich im Haus überreden lassen, und ehrlich gesagt, nicht ungern, es zu inszenieren.

Hat jede Ihrer drei Inszenierungen solche Vorgeschichten?

Nein, die Entscheidung zu Glucks „Orfeo ed Euridice“ im März fiel schon viel früher. Daniel und ich wollten endlich einmal zusammenarbeiten. Und der Einakter von Salvatore Sciarrino, mit dem ich gut befreundet bin, ist eigentlich eine Produktion für Bologna. Dort sollte sein Stück „Luci mie traditrici“ kommen. Dann stellte sich heraus, dass die wenig Geld dafür haben. Daraufhin haben wir überlegt, das Stück zusammen zu machen. Die dritte Premiere beim Infektion!-Festival im Juli ist also etwas wie eine Nachbarschaftshilfe.

Diese Saison eröffnen Sie mit einer „Meistersinger“-Premiere an zwei aufeinanderfolgenden Tagen. Das ist eine seltsame Idee?

Das müssen Sie meinen Kollegen Professor Barenboim fragen. Das war seine Idee, weil es heißt, bei der Uraufführung sei es auch so gewesen. Das wollte er jetzt unbedingt einmal ausprobieren.

Inzwischen steht mit Matthias Schulz Ihr Nachfolger als Intendant fest. Deshalb können Sie sich also entspannt zurücklehnen und inszenieren?

Matthias kommt erst im März 2016 mit ins Haus, die Planungen für die Spielzeit 17/18 sind ja fast abgeschlossen.

Sie selbst gehen von der Wiedereröffnung der Staatsoper Unter den Linden am 3. Oktober 2017 aus?

Was soll ich sonst tun. Ich kriege sonst doch schwerste Depressionen, wenn da wieder etwas wackeln sollte.

Es war schon eine Überraschung am Saisonende, als plötzlich so ein junger Mann neben Ihnen saß.

Ich kenne Matthias seit Jahren. Er war in Salzburg, als ich dort inszeniert und das Schauspiel geleitet habe und Intendant war. Er war in der Konzertabteilung enorm wichtig und bereits als Student immer im Sommer dabei. Ich weiß, was für ein intelligenter, hochmusikalischer Mensch er ist. Wir telefonieren oft miteinander. Im März wird er ein Büro neben meinem beziehen. Er ist jung, hat viel Kraft und eine gute Dynamik. Er kennt die Branche, hat mit Erfolg das Mozarteum geleitet – viel produziert.

Normalerweise sind Intendantenwechsel an der Staatsoper eher kompliziert?

Ich finde es albern, wenn bei Intendantenwechseln die alten immer so zickig werden. Und so tun, als ob ihnen das Theater gehöre. Also ist es doch vernünftiger, seinem Nachfolger Ratschläge zu geben, die er befolgen oder überhören kann. Matthias bekommt von mir jede Hilfe, die er braucht.

Können Sie wirklich so leicht loslassen?

Ja, ich bin kein süchtiger Mensch. Ich kann jederzeit aufhören zu rauchen, zu trinken oder ein Opernhaus zu führen.

Die Staatsoper ist eines der bedeutendsten Häuser weltweit. Worauf muss der Neue unbedingt achten?

Er braucht einen guten Kontakt zum Generalmusikdirektor. Aber es ist eine Legende, dass Daniel Barenboim schwierig sei. Man kann mit ihm ganz toll arbeiten. Man kann mit ihm diskutieren und konstruktive Entscheidungen fällen. Man muss offen sein.

Ist Matthias Schulz schon für den Rückzug aus dem Schiller-Theater in die Staatsoper zuständig?

Nein, das ist noch meine geliebte Baustelle. Und der Umzug wird schlimmer als 2010 hierher. Im Haus Unter den Linden hat sich inzwischen alles verändert. Da laufen technisch komplizierte Dinge an. Da wird nicht mehr wie früher am Seil gezogen und irgendetwas geht auf. Wir müssen uns auf ein hochmodernes Opernhaus einrichten.

Wann beginnen Sie mit dem Kistenpacken im Schiller-Theater?

Ich rechne mit Frühjahr 2017.

Und wann genau soll Schulz die Leitung von Ihnen übernehmen?

Wir machen einen fliegenden Wechsel. Wenn er seine erste Spielplan-Pressekonferenz im Frühjahr 2018 gemacht hat, dann wird er auch in meinem Büro sitzen.

Aber Sie ziehen noch in das legendäre Intendantenzimmer der Lindenoper?

Aber natürlich. Einmal will ich noch von meinem Dienstzimmer aus auf die Humboldt-Universität schauen. Das will ich schon noch ein paar Monate haben.

Wissen Sie schon, was Sie nach der Staatsoper machen werden?

Ich weiß es noch nicht, ich werde vielleicht so heruminszenieren. Vielleicht auch hier, wenn man mich will. Ich bin Regisseur, ich habe ja nichts anderes gelernt. Aber ich bleibe in Berlin und gehe ab und zu in die Staatsoper, falls ich Freikarten bekomme. Ich bin ja dann Rentner. Ich werde dann 77 Jahre alt.

Dann werden Sie endgültig auf die Macht verzichten?

Wenn ich das immer höre. Alle tun immer so, als seien Intendanten in die Macht verliebt. Dabei geht es gar nicht ohne. Man braucht die Macht im Theater, um entscheiden zu können. Wobei ich sogar zu jenen gehöre, die alle Probleme in den Sitzungen offen auf den Tisch lege. Keiner kann Entscheidungen allein mit Macht durchsetzen, wenn es die Leute nicht mittragen. Das funktioniert nicht mehr, glücklicherweise.

Im Moment gibt es verschiedene Probleme, die Sie nicht lösen können, die aber Ihr Haus betreffen. Etwa, wenn das Staatsballett Vorstellungen im Schiller-Theater bestreikt?

Meine Position dazu ist janusköpfig. Ich finde, die Ballettleute unterbezahlt, und das ist eine Schande. Die müssen so viel arbeiten und sind in einem bestimmten Alter alle gesundheitlich kaputt. Ihre Forderungen sind berechtigt. Aber was mir nicht gefällt, ist, dass dahinter ein Kampf zwischen Verdi und den sogenannten Künstlergewerkschaften läuft. Die Firma Verdi möchte immer schon in den künstlerischen Bereich rein. Aber dafür haben sie keine Kompetenz.

Ein anderes Problem betrifft die Staatskapelle unter Daniel Barenboim, die ein Konzert im Iran geben wollte. Aber in Teheran will man Barenboim nicht zulassen?

Wir haben da Bande geknüpft, genau genommen Daniel Barenboim. Dann hat der Iran gesagt, sie wollen das Konzert nicht. Es ist schon grotesk. Die Iraner wollen Barenboim nicht, weil er einen israelischen Pass hat. Und die Israelis kritisieren sein Engagement, auch, weil er einen palästinensischen Pass hat. Warten wir ab, da tut sich auf politischer Ebene noch etwas. Ich hoffe, dass wir es schaffen und in den Iran fahren können. Das Konzert ist wichtig für den Iran. Und wichtig auch für uns, weil wir das Land gar nicht kennen. Die Begegnung mit einem europäischen Kulturorchester, das wäre schon sehr aufschlussreich.

Machen Sie eigentlich bis zu Ihrem Abschied noch weitere Inszenierungen?

Die Eröffnung des neuen Opernhauses. Das werden Daniel Barenboim und ich noch gemeinsam machen. Ich drängle mich ja nicht auf. Aber er hat gesagt, wir machen das noch zusammen, danach hörst Du auf, es war eine schöne Zeit. Aber welches Stück wir uraufführen werden, das sage ich jetzt nicht.