New-Romantic-Sound

Es leben die Achtziger

Mit Schwung trotz manchmal steifer Hüfte: Im Tempodrom feiert Spandau Ballet ein Erinnerungsfest

Im Tempodrom scheint eine Weiße-Chucks-Competition ausgebrochen zu sein, diesem generationsübergreifenden Zeichen für Jugendlichkeit. Die 80 Prozent 80er-Jahre-Nostalgie-Fans tragen den Turnschuh genauso wie die 20 Prozent 80er-Retro-Fans. Alle sind gekommen, um Spandau Ballet zu hören.

Eine Band, die wie kaum jemand sonst für den eleganten, immer etwas unterkühlten New-Romantic-Sound stand, der sich zwischen den Wutgewittern des Punk und den Selbsthassgewittern des Grunge für ein paar Jahre in aller Ohren einnistete. Mehr als 30 Millionen Platten verkaufte die Band, dann lösten sie sich pünktlich zum Ende der 80er-Jahre auf. Beste Voraussetzungen also für ein von Entwicklungen ungetrübtes Erinnerungsfest.

Sänger Tony Hadley ist etwas füllig geworden, was der gut geschnittene Anzug geschickt verhüllt. Er sieht aus wie ein erfolgreicher Banker, der sich zur Feier des Tages mal flippig ein gepunktetes Tuch um den Hals geschlungen hat. Sein Tremolo, zu dem damals reihenweise Girls mit asymmetrischen Frisuren weiche Knie bekamen, kann er aber noch. Gitarrist Gary Kemp und Drummer John Keeble haben offenbar Geräte dabei, die all die Sounds gespeichert haben, die man mit der Erlösung, die durch Nirvana 1990 in die Radios wehte, eigentlich nie wieder hören wollte. Dazu dieser slappige Bass und diese Keyboardsounds wie aus dem Commodore 64.

Schon nach wenigen Takten erklingt etwas, das lange Zeit ästhetisch verboten war, neuerdings jedoch langsam wiederkommt: ein Saxophonsolo. Steve Norman bläst es kratzig und rau, inklusive auf dem letzten Ton hochgerissenem Instrument. Bei Spandau Ballet muss man wohl davon ausgehen, dass Saxophonsoli nie ganz weg waren.

Sie spielen sich durch ihre Hits, akkurat und mit Schwung, trotz der einen oder anderen etwas steifen Hüfte – „Only When You Leave“, „Chant No 1“, „To Cut a Long Story Short“, „Lifeline“, „Through the Barricades“. Dafür hagelt es Wiedererkennungsapplaus. Den unbedarften College-Pop „Round and Round“ von diesen älteren Herren gespielt zu bekommen, hinterlässt trotzdem einen komischen Geschmack.

So werden Take That im Jahr 2035 wirken: leicht unangemessen. Und man wünscht sich heimlich Bryan Ferry herbei, der macht das mit dem Älterwerden schon etwas länger, mit Nonchalance und Stil.

Verblüffend, wie ähnlich die Handvoll neuen Songs klingen, die den Best-of-Reigen unterbrechen. Einen Tick weniger zeitverhaftet vielleicht, etwas lockerer. Neue Songs interessieren aber eh kaum jemanden. Da kann man in Ruhe mit der ganzen Truppe Bier holen gehen. Überhaupt ein einziges Biergehole, dieses Konzert. Vor lauter Plastikbechern in den Händen kann man zwar schlecht klatschen, macht aber nichts. Nach Song Nummer Neun gehen schon mal die ersten Unter-40-Jährigen nach Hause, oder auf eine andere, wildere Party, wer weiß. Ab Song Nummer 12 spricht Tony Hadley zunehmend vom Bier, das alle zusammen später trinken werden. Bei Song 15 hält er die erste Flasche in der Hand, ein Glas Jack Daniels in der anderen.

Es gibt ein kurzes Duo-Set mit Gary Kemp an der Doppelhalsgitarre: „Empty Spaces“ und „Gold“ – da singen alle mit. Gleich viel besser – so entschlackt kommt Hadleys Stimme erst richtig zum Tragen, pausbäckig und verschwitzt wie er da im Spotlight steht. Wenn man diese Typen eben in irgendeinem Pub in Islington entdeckt hätte, wäre man beeindruckt. Schade, dass sie eigentlich nichts als 80er-Sound abliefern wollen. Aber dafür sind wohl auch alle gekommen. Stark angetrunkene, mitteljunge Väter liegen sich beim Klassiker „True“ in den Armen. Vor der Halle gibt es dann T-Shirts in rot (Bandfoto von früher) und in schwarz (Foto von heute, selbe Pose) zu erwerben. Spandau-Ballet-Kaffeepötte kosten 15 Euro. Kann man mal mitnehmen. Macht sich gut im Ikea-Regal.