Kirsten Niehuus sieht etwas angeschlagen aus. Das Lächeln wirkt schief, die Wange ist ein wenig angeschwollen. Und es ist ihr sichtlich unangenehm, dass sich die Kamera der „Abendschau“ direkt vor sie positioniert. Aber am Mittwochmittag wird eben die rituelle Jahrespressekonferenz des Medienboard Berlin-Brandenburg abgehalten, und als Geschäftsführerin muss sie da durch.

„Ich weiß, ich hab’ was im Gesicht“, entschuldigt sie sich denn auch gleich zu Beginn der Konferenz im Pauly-Saal der Alten Mädchenschule in Mitte. Es war der Zahnarzt. Die Operation war bereits vor zwei Tagen. Es tue auch nicht weh. Aber es sieht halt nicht schön aus.

Dabei muss die 55-Jährige, was die Zahlen ihres Hauses anbelangt, wirklich keine Zahnschmerzen haben. Im Jahr 2014 stand die Film- und Medienwirtschaft der Region stärker da als je zuvor da. „Ein Riesenwirtschaftsfaktor, hinter dem viel Kraft steckt“, wie Michael Müller, Berlins Regierender Bürgermeister, jüngst verkündete.

Berlin-Brandenburg ist deutschlandweit der wichtigste und angesagteste Drehort. Hier entstanden mutige Filmexperimente wie „Victoria“, der bei der Lola-Verleihung triumphierte und weltweit verkauft wurde. Blockbuster wie Til Schweigers „Honig im Kopf“, der 7,05 Millionen Zuschauer erreichte – und seine Fördergelder wieder zurückzahlen konnte. Oscar-Sieger wie Wes Andersons „Grand Budapest Hotel“. Und Hollywood-Produktionen wie Spielbergs „Bridge of Spies“. 2014 haben hier geförderte Filme zahlreiche Auszeichnungen erhalten, darunter drei Berlinale-Bären, vier Oscars und neun Oscar-Nominierungen. Und nirgendwo sonst in Deutschland stehen so viele internationale Stars vor der Kamera: Tom Hanks, George Clooney, Cate Blanchett, Clare Danes, Owen Wilson.

Der Großteil der deutschen Filmemacher lebt in Berlin

Das ist natürlich nicht das Verdienst des Medienboard allein. Der Großteil der deutschen Filmemacher lebt in Berlin, mit dem Filmstudio Babelsberg ist eines der international besten Studios vor Ort. Und dann gibt es noch so etwas wie den Hauptstadt-Effekt. Aber natürlich ist das Board immer mit dabei, wenn es darum geht, Projekte zu unterstützen.

Bei einem Förderetat von 30,6 Millionen Euro sind im vergangenen Jahr 344 Filme und andere Projekte gefördert worden. Diese Investitionen haben in der heimischen Film- und Meidenindustrie einen Umsatz von 132,1 Prozent ausgelöst: ein Regionaleffekt von 432 Prozent. Der liegt zwar ein wenig unter dem des Rekordjahres 2013 (458 Prozent), aber deutlich über denen aus den Jahren 2012 (343 Prozent) und 2011 (352 Prozent). Bei der reinen Filmförderung liegt er 2014 sogar bei 463 Prozent. Für jeden geförderten Euro fließen also 4,63 Euro in die Region zurück.

Die Serie „Homeland“ schafft temporär 700 Arbeitsplätze

Immer wichtiger wird in der Region die Produktion von Fernsehserien. Ganz aktuell natürlich die Dreharbeiten zur neuen Staffel von „Homeland“, die nicht nur in Berlin gedreht wird, sondern auch hier spielt. Allein diese Produktion hat ein Budget von 42 Millionen Euro und schafft vorübergehend 700 Arbeitsplätze.

Als nächstes wird auch Tom Tykwer hier seine erste, überaus ambitionierte Fernsehproduktion angehen: „Babylon Berlin“, die Verfilmung von Volker Kutschers Gereon-Rath-Krimis, die im Berlin der 20er- und 30er-Jahre spielen.

Aber ist es richtig, wenn das Medienboard sich so stark engagiert für eine US-Serie wie „Homeland“? Wo immer wieder heimische Filmemacher klagen, dass sie einen Förderantrag nach dem anderen stellen, aber nie berücksichtigt werden? Hier huscht dann doch ein leichtes Lächeln über die geschwollene Wange von Frau Niehuus. Ein Einwand, den sie nicht zum ersten Mal hört. Und auf den sie fast gewartet hat. Sie schiebt sogar einen zweiten hinterher: Muss man Mainstreamfilme wie die von Til Schweiger oder Matthias Schweighöfer unterstützen?

Eine viel größere Bandbreite als erwartet

Aber, rechnet sie vor, von 22 Millionen Euro in der Filmförderung im Jahr 2014 gingen nur 5,5 Millionen an sogenannte Großprojekte, also Filme wie Schweigers „Honig im Kopf“, Schweighöfers „Der Nanny“ oder „Fack ju Göhte“. Blieben immer noch 16,5 Millionen für 97 andere geförderte Filme.

Nur 7,5 Millionen wären an internationale Produktionen wie Florian Gallenbergers „Colonia“ mit Daniel Brühl und Emily Watson geflossen. Und 3,9 Millionen an das, was Kirsten Niehuus als Weltkino bezeichnet: Filme wie Nuri Bilge Ceylans „Winter Sleep“, der die Goldene Palme von Cannes gewann, oder Kutlug Atamans „Ephraim und das Lamm“.

Das zeige, dass die Bandbreite doch ein bisschen größer ausfalle und man nicht nur Mainstream und Komödien fördere, schließt Kirsten Niehuus. Auch wenn sie weiß, dass das oft anders wahrgenommen wird.