So hat man Meryl Streep noch nie gesehen. Mit dickem Kajal unter den Augen, einer bizarren Punkfrisur, zahllosen Ringen, Ketten, Ohrringen, engen Lederhosen und hochhackigen Stiefeln. Etwas abgetakelt wirkt sie, vorsichtig ausgedrückt, etwas provozierend, weshalb sie tagsüber als Kassiererin im Supermarkt die Kunden verschreckt. Aber abends blüht sie dann voll auf, wenn sie in einer auch nicht eben sonderlich besuchten Kneipe mit ihrer Band auf der Bühne steht. Und rockt, was das Zeug hält.
So hat man Meryl Streep noch nie gehört. Sie hat schon ein paar Mal bewiesen, dass sie nicht nur spielen, sondern auch singen kann. In Robert Altmans letztem Film „Last Radio Show“, wo sie Countrysongs sang. Unvergessen in „Mamma Mia“, wo sie Abba-Songs schmetterte. Und zuletzt in „Into the Woods“, noch eine Musicalverfilmung mit ziemlich anspruchsvollen Kompositionen von Stephen Sondheim.
Crashkurs an der E-Gitarre
In „Ricki – Wie Familie so ist“ aber steht sie auf der Bühne und interpretiert sehr eigenwillig Rock-and-Roll-Nummern wie Bruce Springsteens „My Love Will Not Let You Down“ oder Tom Pettys „American Girl“. Begleitet wird sie dabei von Rick Springfield, der in den Achtzigern, man erinnere sich, seine eigenen Hits hatte, und Legenden wie dem Keyboarder Bernie Worrell oder dem Bassisten Rick Rosas (der kurz danach gestorben ist).
Vor allem aber greift sie auch selbst tief in die Saiten einer E-Gitarre. Und wenn sie auch singen konnte, das Instrument spielen konnte sie definitiv nicht. Eigens für den Film hat sie das monatelang einstudiert. Und dabei auch Lektionen von keinem Geringeren als Neil Young bekommen.

Die große Meryl Streep, die Grande Dame des Kinos, als abgehalfterte Rockröhre im Bonnie-Tyler-Verschnitt: Es hat ihr sichtlich Spaß gemacht, eine unwürdige Alte zu geben, den White Trash aus sich rauszuspielen. Und eine richtige Band zu gründen, The Flash, mit der sie nicht nur ein, zwei Titel anreißt, sondern zehn ganze Songs spielt. Ein Film wie ein Konzert mit Spielszenen dazwischen.
Und das ist immer noch nicht alles. Denn auch so hat man Meryl Streep noch nie erlebt: Sie spielt an der Seite ihrer leiblichen Tochter Mamie Gummer. Und liefert sich mit ihr eine Mutter-Tochter-Schlacht. Die Ricki des Films hat einst ihren Mann und ihre drei Kinder in Indiana im Stich gelassen, um ihr Rockglück in Kalifornien auszuloten.
Es bleibt in den Familien
Jetzt kehrt sie zurück, weil ihre erwachsene Tochter einen Selbstmordversuch unternommen hat. Und wird von ihr begrüßt mit wüsten Beschimpfungen und Vorwürfen, die sich über Jahre angestaut haben.
Was für eine Szene. Mamie Gummer hat unverkennbar dieselbe Nase, dieselben markanten Wangenknochen der Mama. Da stehen sie sich nun gegenüber, Mutter und Tochter, und sticheln und katzen sich an.

Es ist immer eine sonderbare Lust, wenn eng verwandte Schauspieler auch im Film auf Familie machen. Wir kennen das von Catherine Deneuve und ihrer Tochter Chiara Mastroianni. Wir kennen das vom Otto-Sander- oder Heinz-Bennent-Clan.
Unvergessen auch, als Kirk und Michael Douglas für „Es bleibt in der Familie“ ihre ganze Sippschaft vor die Kamera brachten. Immer wieder darf man mutmaßen, ob das alles nur Film ist, oder ob nicht auch Privates hineinspielt. Als ob man durchs Schlüsselloch schielen dürfte.
Die Kinder in Muttis Business
Unweigerlich drängt sich die Frage auf: Haben auch Mutter und Tochter Streep ein verkorkstes Verhältnis? Ist Mamie Gummer sauer, dass die berühmte Mama so oft für Dreharbeiten weg war, und sie in deren Fußstapfen immer die Tochter bleiben wird?
Man darf das verneinen. Wir durften einmal Meryl Streep in Venedig interviewen, sie hatte dabei keinen Blick für die Aussicht auf den Lido, sondern schielte immer auf ihr Blackberry, weil sie auf eine Nachricht ihrer jüngsten Tochter, Louisa, wartete. Meryl Streep ist eher eine Glucke denn eine Rabenmutter.

Gleich drei ihrer vier Kinder arbeiten im Filmbusiness. Auch wenn sie gut beraten waren, den Namen des branchenfremden Vaters Don Gummer anzunehmen. Sohn Henry ist Schauspieler und Sänger einer Band, hat für Muttis Film „Julia & Julia“ einen Song eingespielt und ihr nun vielleicht auch ein paar Riffs für „Ricki“ beigebracht. Tochter Grace war gerade in Tommy Lee Jones’ Western „Homesman“ zu sehen, in dem die Mama einen Kurzauftritt absolvierte.
Mamie durfte schon als Dreijährige eine Rolle in Muttis „Sodbrennen“ übernehmen und hat in „Spuren eines Lebens“ Streeps Figur in jüngeren Jahren gespielt. Wie Meryl Streep hat sie dann erste Erfahrungen auf der Bühne gesammelt, bevor sie in Filmen wie Lasse Hallströms „The Hoax“, Ang Lees „Taking Woodstock“ oder Steven Soderberghs „Side Effects“ spielte. Es wäre Zeit, mal eine Art „Es bleibt in der Familie“ diesmal mit den Gummers zu drehen.

Und doch ist „Ricki“ mehr als nur ein Streep-&-Family-Film. Dafür bürgt nicht zuletzt Regisseur Jonathan Demme, der so unterschiedliche Klassiker wie „Das Schweigen der Lämmer“ und den Konzertfilm „Stop Making Sense“ gedreht hat. Die familiäre Bande seiner Darsteller ist ein kleiner Clou, der Film würde aber auch sonst funktionieren.
Denn Demmes Kunst ist es, dass er die großen Risse auch in kleinen Details zeigt. Und am Ende nichts auserzählt, kein großes Sacharin-Happy-End über seinen Film gießt, aber eine kleine Annäherung schafft. Auf die einzige Art, die Meryl Streeps Rockröhre bleibt.





