Ausstellung in Treptow

Ausflug nach Westeros - So werden Sie Teil von „Game of Thrones“

In der Ausstellung zu der TV-Serie „Game of Thrones“ in Berlin-Treptow sind Fans ihren Helden ganz nah. Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen Fiktion und Realität.

Ein klitzekleines Fragezeichen auf der Stirn. Das trägt man schon mit sich herum, wenn man die kollektive Faszination für die „Game of Thrones“-Serie in der gleichnamigen Ausstellung in diesen Tagen in der Treptower Arena beobachtet. Oder anders: Vielleicht ist es eher eine Faszination für die Fans, die bei einem entsteht – vor allem dann, wenn man selbst kein Superfan ist wie all die Besucher, die teilweise extra aus anderen Bundesländern angereist sind. Männer, Frauen, jung und alt, strahlen fast schon eine Art der Glückseligkeit aus, während sie sich durch die Gänge schieben und vor den originalen Kostümen und Requisiten der amerikanischen HBO-Fantasy-Serie für ein Foto posieren.

Man darf sich sogar auf einen Thron setzen. Moment! Es ist natürlich nicht irgendein Thron, es ist der „eiserne Thron“, auf dem in den insgesamt fünf Staffeln immer wieder die Könige wechseln, die diesen Platz einnehmen dürfen. Mal sind es die Guten und mal die weniger Guten.

Eigene Sprache, eigene Welt

Hier und jetzt zwischen den abgehängten Wänden der Arena-Halle darf jeder einmal auf diesem herrschaftlichen Stuhl sitzen. Dass man dafür in einer ellenlangen Schlange anstehen muss, stört dabei niemanden.

Juliane Hantke tut das sogar gleich zweimal, weil das erste Foto nichts geworden ist. Die 25 Jahre alte Studentin ist mit ihrer Freundin am Morgen aus Braunschweig gekommen. Nun frönen sie ihrem Fan-Dasein für die mächtigsten Adelsgeschlechter der sieben Königshäuser der Serie, die seit 2012 auch in Deutschland im Fernsehen läuft. Natürlich haben sie sich jede Staffel angesehen. Juliane trägt ein bodenlanges rotes Kleid mit goldener Stickerei. Diese strahlt einem wie eine Art Collier von ihrer Brust entgegen. Sie hat sich das Kleid extra für diesen Tag gekauft. Mit ihren langen blonden Haaren könnte sie fast eine von den Figuren auf der Leinwand mimen.

Daenerys Targaryen zum Beispiel, ihr Lieblingscharakter. Und genauso hatte sie sich das auch gedacht, sagt sie. Viele andere Besucher tragen zwar kein „Game of Thrones“-kompatibles Outfit, aber zumindest ein Oberteil mit dem Schriftzug der Serie auf der Brust, so wie AC/DC- oder Motörhead-Shirts. Wer hier ist, will sich identifizieren, als Kenner präsentieren. So wie andere in Museen zu nah an echte Rembrandts oder Picassos herantreten, ist hier das Bedürfnis, die ausgestellten Kostüme berühren und riechen zu dürfen, spürbar. Natürlich ist das streng verboten – immerhin müssen die Teile unversehrt wieder zurück nach Belfast, wo die Serie unter anderem gedreht wird.

In den Augen der Besucher, so scheint es, nehmen die Filmkostüme den Wert historischer Relikte an und die darf man ja auch nicht anfassen. Ehrfürchtig laufen sie an den Rüstungen und Burgfräulein-Roben vorbei, als wären sie im Pergamonmuseum und würden endlich die in den Geschichtsbüchern abgedruckten Utensilien einer vergangenen Zivilisation vor sich haben.

Gespräche wie aus einem Paralleluniversum

Die Gespräche untereinander klingen für Ahnungslose etwa wie die aus einem Paralleluniversum. Worte, die man ohne Wissen weder schreiben noch richtig aussprechen kann: Brienne von Tarth und Petyr Baelish, Westeros und Essos, Arryn und Tully. „Game of Thrones“ hat neben den unzähligen Handlungssträngen tatsächlich eine eigene Sprache sowie ein dazugehöriges Wörterbuch, eigens geschaffene Religionen und sogar seit Kurzem eine eigene Geschichtsschreibung, die von vor der Existenz der jetzigen „Game of Thrones“-Welt erzählen soll. Eine viel zitierte Phrase ist in den Episoden „Valar Morghuris“, die liest man hier auch auf einem der Fotoplakate. Wie? Lara Kasper, 19, erklärt, dass das Hoch-Valyrisch sei und „alle Menschen müssen sterben“ bedeute. Ihren weiteren Ausführungen zu folgen, warum dieser Satz gesagt werde und dass es auch die Sprache Dothraki gebe, will einem schon nicht mehr gelingen – viel zu komplex.

Intrigen, Verrat, Mord – das sind die Themen. Vor allem der Tod ist in der Serie ein überpräsentes, eines, das den Serienverlauf immer und immer wieder unaufhaltsam in eine andere Richtung katapultiert. Allein 456 Figuren sollen in den ersten vier Staffeln gestorben sein. Gerade das sei es aber, was so fesselt, denn: Jeder kann sterben und zwar immer. Mutmaßungen darüber, welches Schicksal wen nun als nächstes ereilen wird, sind zwecklos. Selbst mit Hauptdarstellern hat der „Game of Thrones“-Tod kein Pardon. Auch die wildesten Spekulationen in Internet-Foren wären haltlos, sagt Besucher Björn Bornholdt. Auch er liebt diese ständige Unvorhersehbarkeit.

Wer die Serie nicht kennt, der versteht, so kann man ziemlich eindeutig sagen, nicht viel bis gar nichts. Noch nicht mal die Anweisungen vom Ausstellungspersonal vor einem der interaktiven Stationen. Bevor man hier die Brille mit digitalisierten Bildern aufgesetzt bekommt, erfährt man, wo genau man sich gleich in der „Game of Thrones“-Welt bewegen wird: „Du fährst jetzt die schwarze Festungsmauer hoch, schaust nach Norden in die Sieben Königslande, dann nach Süden Richtung Sturmlande.“ Ah ja, klar. Im „Game of Thrones“-Wiki könnte man später alles präzise nachlesen. Logisch, das gibt es auch. Die Anhängerschaft der Serie ist immens. Viele schätzen vor allem den Aufwand und die Akribie, die dahinter stecken. Die Erzählung basiert auf dem Fantasy-Epos von George R.R. Martin. Der Blick auf jede Kleinigkeit in den Büchern spiegelt sich deutlich in der Produktion wider, finden die Fans.

Botschafter für die Serie

Diese Detail-Verliebtheit bewundern auch Marion, 38, und Frank Müller, 45. Vor allem beeindrucken sie die Kostüme. Sie sind zwei sogenannte Cosplayer – Menschen, die sich wie ihre fiktiven Ikonen in Perfektion verkleiden. Zwar nicht im Alltag, aber eben auch nicht nur zum Fasching. Man könnte es Hobby nennen. Sie sehen sich aber eher als ehrenamtliche Botschafter für die Serie, die pro Staffel rund zehn Millionen Dollar kosten soll.

Fankult hat häufig etwas Befremdliches. Es ist das Teilhaben an einem öffentlichen Leben, an dem man in der Realität nicht partizipiert, oder das Leben in einer Welt, die noch nicht mal existiert. Für Björn Bornholdt aber ist das Konsumieren von Fantasy-Filmen eine Art Flucht aus der normalen Welt, sagt er. Der 37-Jährige benutzt dafür sogar den Begriff der Katharsis von Aristoteles – die seelische Reinigung. So liebenswürdig diese gemeinsame Freude an einer Serie auch ist, das klitzekleine Fragezeichen auf der Stirn wird mit solchen Sätzen noch ein klitzekleines bisschen größer. In diesem Sinne trotzdem: „Avy jorrāelan.“ Das ist Hoch-Valyrisch und heißt: „Ich liebe euch.”

Aufgepasst: Bis Sonntag ist die Ausstellung ausgebucht.