Kulturpolitik

Untersuchungsausschuss zur Staatsoper startet

Die Staatsoper wird erst 2017 fertig - und die Sanierung wird deutlich teurer. Ab heute will ein Untersuchungsausschuss klären, warum weder Kosten noch Termine im Plan geblieben sind.

Foto: Krauthoefer

Wie viele Baustellenbesichtigungen Regula Lüscher schon absolviert hat, weiß die Senatsbaudirektorin wohl selbst nicht so genau. Äußerlich nimmt sie auch die soundsovielte Frage zur Sanierung der Staatsoper gelassen, innerlich dürfte sie die Sanierung mehr als einmal verflucht haben. Denn das Projekt ist ziemlich aus dem Ruder gelaufen, es wird gern mit dem BER-Großflughafen oder der Elbphilharmonie in Hamburg verglichen. Am heutigen Freitag konstituiert sich im Abgeordnetenhaus der Untersuchungsausschuss "Staatsoper", der klären will, wie es zu den Zeitverzögerungen und der Kostenexplosion kommen konnte.

Regula Lüscher sind die Anfänge vertraut. Die Schweizerin, die in Zürich als Architektin und später als Stadtplanerin gearbeitet hat, wurde 2007 in Berlin Senatsbaudirektorin. Wenn es nach ihr gegangen wäre, wäre der Zuschauersaal der Staatsoper, der zwar historisch aussieht, aber von Richard Paulick in den 50er-Jahren nach den Kriegszerstörungen im Stil des DDR-Rokoko aufgebaut wurde, nicht renoviert worden. Lüscher saß seinerzeit in der Jury – und die sprach sich im Mai 2008 mehrheitlich dafür aus, einen modernen Saal nach dem Siegerentwurf des Berliner Architekten Klaus Roth zu realisieren.

Dazu kam es nicht. Es entbrannte eine heftige kulturpolitische Debatte, die die prominenten Gegner eines neuen Saales auf die griffige Formel brachten: "Sanieren oder demolieren?" Berlins damaliger Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hielt sich mit einer eigenen Position zurück, er wartete ab, wie sich die Diskussion entwickelte – und entschied dann, den Wettbewerb aufzuheben. Für manche der Sündenfall. Ein erster Eingriff in den Sanierungsplan, dem noch einige folgen sollten.

Ursprünglich war die Bauzeit mit drei Jahren veranschlagt worden, die Wiedereröffnung für den 3. Oktober 2013 vorgesehen. Ein Signal an Staatsopern-Generaldirektor Daniel Barenboim, der sich wegen der Akustik für einen modernen Saal ausgesprochen hatte und wenig begeistert von der Perspektive eines jahrelangen Ausweichquartiers war. Die Kosten für die Sanierung waren mit 239 Millionen Euro veranschlagt. Mittlerweile rechnet man mit knapp 400 Millionen Euro und einer Verzögerung von vier Jahren.

Sieben Jahre für eine Sanierung. Barenboim hat dafür wenig Verständnis. "Wie ist es möglich, im 21. Jahrhundert so ein Haus in zweieinhalb Jahren nicht fertig zu bekommen?", fragte er genervt.

Sorgen mit Kulturbauten

Möglicherweise findet der Untersuchungsausschuss Antworten. Man wolle sich die Arbeitsprozesse genauer anschauen, um "Handlungsempfehlungen für künftige Kulturbauten zu entwickeln, damit sich so ein Desaster wie bei der Staatsoper nicht wiederholt wie bei dem geplanten Neubau der Zentral- und Landesbibliothek", umreißt Sabine Bangert, die kulturpolitische Sprecherin der Grünen, das Ziel. Es geht natürlich auch um Michael Müller. Der heutige Regierende Bürgermeister war vorher Stadtentwicklungssenator und damit politisch verantwortlich.

Ausschussvorsitzender Wolfgang Brauer von der Linken spricht von einer "großen Aufgabe", die "Ursache des Debakels" herauszufinden. Es ist ja nicht das erste Mal, dass sich Berlin mit einem Kulturbau schwertut. Brauer verweist auf den Neubau der Akademie der Künste am Pariser Platz, da gab es unter anderem Streit wegen feuchter Archivräume und der Klimatisierung. Klingt alles irgendwie vertraut.

Im Ausschuss wird es auch darum gehen, herauszubekommen, wer wann welche Veränderungen wollte und welche Kosten das verursacht hat. Es war ja nicht so, dass zum Zeitpunkt des Beginns der Bauarbeiten im Herbst 2010 alles durchgeplant war. Fest stand, dass die Decke des Innenraums um einige Meter angehoben werden muss, um das Raumvolumen deutlich zu erhöhen. Damit soll die von Barenboim gewünschte Nachhallzeit von 1,6 Sekunden realisiert werden.

Großer Kostenfaktor ist das sogenannte unterirdische Bauwerk, eine Art gewaltiger Tunnel, der tief im Untergrund das Opernhaus mit dem benachbarten Intendanzgebäude (auch das wird saniert) verbindet und durch den künftig Bühnenbilder transportiert werden sollen. Der Tunnel wurde mehrfach umgeplant, ein städtisches Wasserrohr quert ihn, es wird jetzt mit einer Art Aufzug überwunden.

Und dann gab es noch die vielen "unvorhersehbaren Dinge". Beim Befestigen der Stahlwanne in 16 Metern Tiefe stieß man auf alte Baumaschinen, die bei der großen Sanierung in den 20er-Jahren liegen geblieben waren. Man entdeckte einen Banktresor und historische Pfähle im Untergrund, fand morsche Deckenträger, marodes Mauerwerk und einiges mehr. Eine der Standardantworten der zuständigen Senatsverwaltung auf die zahlreichen schriftlichen Anfragen zum Komplex Baustelle Staatsoper lautet daher wie zuletzt am 11. Dezember 2014: "Bis zum Baubeginn waren die Gebäude der Staatsoper unter vollem Betrieb. Somit waren nicht alle Bauteile zu Untersuchungszwecken zugänglich."

Einer, der nur bedingt Verständnis für solche Antworten hat, ist Klaus Wichmann. Mittlerweile im Ruhestand, war er bis 2007 der langjährige technische Direktor der Staatsoper Unter den Linden. Wichmann kennt sein altes Haus. Er erzählt, dass nach einem TÜV-Gutachten aus dem Jahr 2002, das den Spielbetrieb an der Staatsoper wegen der nur eingeschränkt funktionierenden Ober- und Untermaschinerie als gefährlich einstufte, etliche Produktionen szenisch umgestaltet werden mussten, um die Inszenierungen überhaupt weiter spielen zu können.

Dass Teile der Materialien kontaminiert sind, überrascht ihn nicht. Den Tresor "hätte man kennen können, es gab ja eine Bank mit Keller. Und auf die Holzpfähle wäre gestoßen, wer einen Blick in alte Bauunterlagen geworfen hätte." Da sei alles dokumentiert. Die Baugrube war in den 20er-Jahren 16 Meter tief, die Pfähle wurden nicht herausgeholt, sondern tiefer in den Untergrund getrieben.

Wichmann erzählt, dass es schon 2001/2002 einen Aktenvermerk aus der Senatsbauverwaltung gab, in dem von einer Sanierungszeit von fünf bis sieben Jahren ausgegangen worden sei – nach Abschluss der Vorplanungen. Dass es dann schließlich innerhalb von drei Jahren gehen sollte, war dem politischen Druck geschuldet. Der scheint als Teil der Baugeschichte dazuzugehören. Die Oper wurde am 7. Dezember 1742 als unvollendetes Haus auf Drängen Friedrich des Großen eröffnet, der Innenausbau wurde erst 1743 vollständig abgeschlossen. In den folgenden knapp 300 Jahren brannte sie ab (1843), wurde zerbombt (1942 und 1945), mehrfach modernisiert und umgebaut.

Am 8. Juli 2016 soll der Abschlussbericht vorliegen. Dann verabschiedet sich das Parlament in die Sommerpause – danach beginnt der Wahlkampf.

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