Konzertkritik

Eine ruhige Fahrt mit José González

Am Dienstagabend spielte der schwedische Singer-Songwriter José González sein zweites komplett ausverkauftes Konzert im Neuköllner Heimathafen. Und nahm das Publikum mit auf eine ruhige Reise.

Ein Konzert, wenn es gelingt, dann macht es aus einem Publikum meist so ein mehrköpfiges, sich in Wogen bewegendes Ganzes. Ein José González Konzert aber macht das Publikum zu einer Mitfahrgelegenheit, alle sind hier allein unterwegs, schweigend sitzen sie in diesem Heimathafen-Vehikel, es ist ein älteres, ein größeres Auto, wahrscheinlich ist es ein Bully. Es ist schon nach zehn und schon dunkel, aber in der Ferne, da auf der Bühne, da leuchten blaue Berge. Ab und zu, so scheint es, kommen den Mitfahrern mal Autos entgegen. Die Scheinwerfer, große runde Lampen, freundlich warm-gelbes Licht, kein Xenon, nein, sie streifen die Publikumsaugen, mal dann und wann, während Klanghölzer aufeinander geschlagen werden. Es regnet, denkt man. Rhythmisch tropft der Regen in die Pfützen und auf das Autodach. Wenn die Klimaanlage des Heimathafens einen streift, dann denkt man, ah, das Fenster ist auf, man schaut raus, der Mond ist groß.

Der Mann auf der Bühne, dunkler Bart, Wuschellockenhaar, er sitzt vorn, auf dem Beifahrersitz. Er ist der freundliche Anhalter. „Guten Abend“, hat er zur Begrüßung gesagt, auf deutsch, und das obwohl er doch Schwede ist. Man hat ihn mitgenommen, weil er so etwas Lieb-Ruhiges im Gesicht hat. Man wusste, er wird keine Probleme bereiten, er ist so ein Entspannter, umsichtig, er wird nicht viel reden, aber er wird Gitarre spielen, und es wird fantastisch sein und dann, oh, beginnt er zu singen.

All of this will be gone someday, singt er zum Beispiel. „Afterglow“ heißt das Lied, es könnte von seinem gerade erschienen drittem Album „Vestiges & Claws“ sein, es könnte aber auch sein, dass ihm die Zeile gerade einfach eingefallen ist, so beiläufig während er an seiner Gitarre zupft und entlang streicht, denn er wiederholt die Zeile, immer und immer wieder, und der Mond scheint nun rot, die Berge auch, und er findet er eine andere Zeile „It’s in our nature“, immer wieder „It’s in our nature“. Sein Gitarrenspiel, ruhig, treibend, die Musik, es scheint sie verändert sich nicht groß, wie die Landschaft vor dem Fenster, wie die Berge, auf, ab, man fährt so dahin. In Gemeinschaft, aber eben doch allein mit seinen Gedanken, und dieser González mit seiner Seidenpapier-Stimme, die einen nur so ein bisschen berührt, und das weiß man doch, es sind diese so-ein-bisschen-Berührungen die Gänsehaut hinterlassen.

Bekannt durch „O.C. California“

Zum zweiten Mal hintereinander füllt José González an diesem Abend den Heimathafen. Er ist dieser Singer-Songwriter, dessen Namen man nicht unbedingt kennt, den man aber garantiert schon irgendwo gehört hat, weil seine so gerne unter Fernsehserien und Filme gelegt wird. Bekannt wurde er etwa durch „O.C. California“, damals Anfang der 2000er unterlegten „Crosses“ und „Stay in the Shade“ die Liebesirrungen und Wirrungen der jungen hübschen Kalifornier, das kam gut an. Und dann coverte González, der Meister des stimmungsvollen Hintergrunds , The Knife, „Heartbeats“. Es war fast besser als das Original. Sony nahm das Akkustikstück mit für einen Werbespot. Tausende Gummibälle sprangen zu González Stimme eine Straße hinab.

One night to be confused. One night to speed up truth. We had a promise made. Und er macht es. González singt das Cover auch im Heimathafen, es ist, als hätte jemand im Bully das Radio angemacht. Leise, über trockene Lippen flüsternd, singt das Publikum mit. Nicht zu laut. Vielleicht ist ja jemand, hinten, jemand auf der Rückbank, sanft, wohlig, grundentspannt eingeschlafen? Das soll keine Beleidigung sein. Das ist eine Leistung. Eine große. Wenn man abends in dieser wilden Stadt ausgeht, mit vielen in einem Raum steht, und am Ende einfach nur Ruhe fühlt.