Theater des Westens

Wie ein Berliner Junge den Jürgens-Hit „Mit 66 Jahren“ singt

| Lesedauer: 7 Minuten
Anette Nayhauß

Foto: Reto Klar

Gianluca hat es geschafft: Er setzte sich im Casting gegen zahlreiche Konkurrenten durch und spielt eine der Hauptrollen in dem Udo-Jürgens-Musical „Ich war noch niemals in New York“.

„Wohoo, wohooo“, singt Gianluca. Shay Cohen am Klavier unterbricht ihn: „Nicht so klassisch! Du wirfst einen Ball und lässt los – woo-hoo!“ Dann greift der Pianist wieder in die Tasten, Gianluca legt von vorn los und singt: „Ihr werdet euch noch wundern, wenn ich erst Rentner bin ...“

Eigentlich hört der Zehnjährige lieber den Pandamasken-Rapper Cro als Udo Jürgens, „Mit 66 Jahren“ kann er trotzdem komplett auswendig. Ab März wird er das Lied schließlich auch mindestens einmal in der Woche singen, und das vor bis zu 1500 Zuschauern, die im Theater des Westens an der Kantstraße das Udo-Jürgens-Musical „Ich war noch niemals in New York“ sehen. Gianluca tritt dort in einer der Hauptrollen auf, er setzte sich im Casting gegen zahlreiche Konkurrenten durch.

Anfang Oktober hatte das Theater des Westens Jungen im Alter zwischen 9 und 13 Jahren gesucht, die in dem Musical als Florian singen, tanzen, schauspielern wollen. In den Tagen danach bekamen seine Eltern mehrere E-Mails von Freunden, die den Casting-Aufruf gelesen hatten. Der Tenor war immer derselbe: „Wäre das nicht etwas für Gianluca?“ Seit dreieinhalb Jahren singt der Charlottenburger im Staats- und Domchor, hatte Tanzunterricht und unterhielt Familie und Freunde schon mit selbst choreografierten Shows in seinem Kinderzimmer.

Proben statt draußen spielen

Seine Mutter war trotzdem erst einmal dagegen. Proben statt draußen spielen – davon hielt Sandra Posehn nicht allzu viel. Gianluca und sein Vater haben sie dann doch überreden können, eine Bewerbung zu schreiben. Mehr als 100 E-Mails kamen im Oktober bei Stage Entertainment an. Das Unternehmen hat „Ich war noch niemals in New York“ schon in Hamburg, Stuttgart und anderen Städten auf die Bühne gebracht, am 25. März hat es in Berlin Premiere.

30 Jungen wurden zum ersten Casting eingeladen. Singen können mussten sie und Spielfreude zeigen, um ins zweite Casting zu kommen. Nach dem dritten blieben schließlich zehn übrig – weil Kinder nur ein- bis zweimal wöchentlich auf die Bühne dürfen, das Musical aber sieben- bis achtmal wöchentlich gespielt wird, muss die Florian-Rolle mehrfach besetzt werden. „Mit 66 Jahren“ sang Gianluca schon beim ersten Casting, „außerdem mussten wir noch eine Szene spielen, das war eigentlich alles einfach“. Ein paar Tage später erfuhren sie, dass Gianluca eine Runde weiter ist, und seine Mutter begann, sich mit dem Gedanken auseinanderzusetzen, dass ihr Sohn in den nächsten Monaten möglicherweise ziemlich wenig Freizeit haben könnte. Denn auch nach dem zweiten Casting kam eine Mail, und nach dem dritten die Nachricht: Gianluca ist ein Florian.

Seit drei Wochen fährt sie ihn jetzt zwei- bis drei Mal in der Woche zum Theater des Westens und holt ihn dort gut zwei Stunden später wieder ab. Zwei Stunden, in denen Gianluca singt und schauspielert und zwischendurch kaum eine Pause hat. In Zweiergruppen bereiten sich die Kinder vor. Wann sie proben, richtet sich nach dem Stundenplan, „die sagen hier immer, dass die Schule vorgeht“, sagt der Fünftklässler. Hausaufgaben haben Vorrang, sogar eine Woche Probenpause für die Klassenfahrt hat das Theater ihm freigeräumt. Nur der Chor muss jetzt für ein paar Monate auf Gianluca verzichten. Für alles reicht die Zeit nicht, außerdem hat er ja bei den Proben auch so eine Art Gesangsunterricht.

Gemeinsam mit Mattis, ebenfalls zehn Jahre alt, sitzt Gianluca in einem Zimmer, in das nicht viel mehr hineinpasst als ein Klavier, ein Stuhl und ein Sofa, und singt. Shay Cohen, Dirigent und stellvertretender musikalischer Leiter des Musicals, übt mit den beiden das 66-Jahre-Solo. „Ich kauf’ mir ein Motorrad und ein Lederdress und fege durch die Gegend mit 110 PS“, singen Gianluca und Mattis, und schon wieder bricht Shay ab: „Ich hab’ überhaupt nichts verstanden“, ruft er. Und noch einmal: „Motorra-d“ singen die beiden und „Lederdre-sss“ und offenbar ist Shay zufrieden. „Das habt ihr ziemlich gut hinbekommen“, lobt er sie, bevor er sofort zum nächsten Lied übergeht.

„Aber bitte mit Sahne“ ist an der Reihe. Mattis blättert verzweifelt in seinem Textbuch: Wo ist nur die Seite mit dem Rap? Zum Glück kennen Fünftklässler das Problem aus der Schule, Gianluca und er gucken einfach gemeinsam ins Manuskript, während sie im Chor rappen: „Sachertorte, Apfelstrudel, Mohrenkopf und Schneckennudel ...“ So ganz glücklich ist Shay nicht mit dem Ergebnis, „ihr hört euch an, als würdet ihr das alles gar nicht mögen“, sagt er. Doch die Zeit ist knapp, sie müssen noch den Song vor dem großen Finale üben: „Heute beginnt der Rest deines Lebens“, heißt er, der Rest der Stunde reicht gerade, um ihn einmal durchzusingen. „Ende, Vorhang zu“, sagt Mattis. Aber nur im Musical. Für die Jungen ist der Vorhang an diesem Tag noch lange nicht zu.

Punktgenau den Einsatz treffen

Ein Stockwerk tiefer wartet schon Markus Brühl, künstlerischer Leiter am Theater des Westens. Gemeinsam mit Jana Nagy und Susanne Barz vom Kindermanagement probt er mit den Jungen die Szenen, in denen sie bei „Ich war noch niemals in New York“ auf der Bühne dabei sind. „Florian hat ja gar nicht so viel Text“, sagt Gianluca. Leichter macht das die Rolle nicht: Ihren Einsatz dürfen die Jungs trotz der langen Pausen nicht verpassen. Um das zu trainieren, lässt Markus Brühl sie Bälle, Kabel und Stühle hin- und hertragen, während die Erwachsenen skriptgemäß streiten: „Ihr müsst dabei die ganze Zeit zuhören“, mahnt er noch – aber dann verpasst Gianluca doch den Einsatz: Zwei Kabel haben sich verheddert, konzentriert sortiert er sie auseinander, während er sich eigentlich gerade zwei Meter weiter rechts über den Erziehungsstil seines Bühnenvaters beschweren sollte.

„Die Kinder müssen lernen, permanent aufmerksam zu sein“, sagt Markus Brühl. Was sie bei der letzten Probe gelernt haben, müssen sie bei der nächsten wiederholen können, „und es muss genauso frisch wirken“, so, als würden sie gerade zum ersten Mal bemerken, dass sie die arrogante Wichtigtuerin, die in dieser Szene auf die Bühne kommt, schon mal gesehen haben. „Die Tussi vom Fernsehen“, ruft Gianluca zum fünften Mal in dieser Probe, mindestens zehn Mal wiederholt er die Zeile „Chill mal, Alter!“, bis Markus Brühl nickt: „Das fand ich richtig gut jetzt.“

Gianluca freut sich auf seine Auftritte auf der großen Bühne, und damit alles auch wirklich gut klappt, hört die Familie jetzt im Auto immer die Songs von Udo Jürgens, sagt er. Sogar seine Mutter habe sich längst mit dem Gedanken angefreundet, dass er auf der Bühne stehen wird: „Mama ist inzwischen richtig glücklich.“