Scott McCloud ist in Berlin. Wir treffen den 54-Jährigen Comic-Forscher und -Künstler zum Interview im Haus der Berliner Festspiele in Wilmersdorf. Ab 20 Uhr präsentiert er sein Buch „Der Bildhauer“. Eingeladen hat ihn das Internationale Literaturfestival Berlin. Jetzt sitzt er backstage und streicht über das Cover der deutschen Ausgabe vom Carlsen Verlag.
„Ein sehr schönes Buch“, sagt er. Das Hardcover ist hochgeprägt und trägt Spotlack. Man spürt was beim Anfassen.
Taktiles Erleben ist einer der Vorteile, die Scott McCloud an Papierausgaben von Comics schätzt - gerade er, der vor Jahren als Pionier ins Internet ging, um die Möglichkeiten der digitalen Welt für Comics auszuschöpfen. Doch Papier habe unbestrittene Vorteile.
Scott McCloud zeichnet Tempo, Töne und Gerüche
„Ich liebe die Beschränkung“, sagt der Amerikaner. „Auf Papier besteht die Herausforderung darin, Töne und Gerüche, Zeit und Geschwindigkeit darzustellen.“ Das Riechen, Hören und Rasen - McCloud weiß genau, wie man das zeichnet. Er hat auch dazu schon einen Comic verfasst.
Wie lange hat er denn an dem Buch gearbeitet - und wann: nachts, tagsüber? Zuhause, im Büro? „Ich habe fünf Jahre daran gesessen. In meinem Studio: jeden Tag elf Stunden. Ich habe nur einen Tag und zwei halbe unterbrochen, als Ivy und ich unseren 25sten Hochzeitstag gefeiert haben.“
Comics seien ein langsames Medium, sagt der 54-Jährige. „Ich habe zwei Jahre lang das Buch vorbereitet, bevor ich richtig zu zeichnen begann. Ich musste die Geschichte, wie der Bildhauer David Smith einen Pakt mit dem Teufel schließt, entwickeln und die Seitenaufteilung planen und für jedes einzelne Bild überlegen, was drauf kommt. Ein Gesicht und zwei Bäume oder zwei Bäume und ein Gesicht - so in etwa.“
Blau bringt Form, lila ist zu emotional, grün zu hipster
Kürzer fiel die Wahl der Farbe aus. Denn es gibt nur eine: ein Blau namens "Pantone 653". „Es ist genau richtig“, sagt McCloud. „Es macht es leichter, die Form zu sehen zwischen schwarz und weiß. Mehr lila wäre zu emotional. Mehr grün zu hipster und retro. Dieses Blau wirkt ein bisschen traurig und ein bisschen kalt. Dafür strahlen die Charaktere Wärme aus.“
Drei Jahre hat er gezeichnet, vier Mal hat er die Geschichte geändert und ganz zum Schluss die ersten 50 Seiten nochmal umgeschrieben. Jetzt also trifft der 24 Jahre alte David in einer Lebenskrise den Teufel, hat danach 200 Tage Zeit, mit seinen Händen jede Idee zu verwirklichen, die er hat, findet dabei seine große Liebe Meg - und das Drama, die Liebesgeschichte und die Debatte darüber, was Kunst ist, nehmen ihren Lauf.
Scott McCloud schaut seine Ehefrau Ivy an. Sie begleitet ihn auf seiner Europatournee. Und macht zwei Einwände. „Das stimmt nicht ganz. Du hast im letzten Jahr 13 Stunden täglich gearbeitet.“ McCloud grinst: „Stimmt. da hatten wir noch weniger Zeit füreinander. Aber jetzt können wir endlich wieder zusammen reisen.“
Die Töchter sind inzwischen aus dem Haus
In den vergangenen zwanzig Jahren war das nicht so einfach. Während Scott McCloud drei Comics darüber zeichnete, wie man Comics versteht, neu erfindet und macht – die zu Standardwerken wurden – war Ivy die meiste Zeit damit beschäftigt, die beiden Töchter zur 100 Meilen entfernten Schule zu fahren. Doch inzwischen haben die „Kinder“, sie sind 19 und 21 Jahre alt, das Haus verlassen und studieren - ihre Eltern sehen sich nun öfter.
Was besonders schön ist für Scott. „Ich habe mich während der Arbeit an “Der Bildhauer“ neu in meine eigene Frau verliebt.“ Neu – und schon wieder. Vor dreißig Jahren hatte er schon eine spezielle Phase, sie dauerte sieben Jahre. „Und ich konnte ihr die ganze Zeit nicht sagen, dass ich in sie verliebt war. Ivy hatte schon so viele Freunde“, sagt er verschmitzt. Ivy schaut ihn nachdenklich an. „Und ich dachte damals, er könne mich nicht leiden.“
Die eigene Ehefrau als “role model“, als Vorbild
Diese Liebes- und Vorgeschichte ist wichtig, weil Ivy Modell stand für Meg, die weibliche Hauptperson in McClouds „Der Bildhauer“. „Nur eines hat Scott nicht hinbekommen: Meg ist größer als ich“, sagt Ivy streng. Die beiden stehen auf, Ivy reicht Scott bis zum Kinn, Meg im Buch reicht David immerhin bis zur Nase, „Das musste so sein“, erklärt Scott, „sonst wäre sie in jedem Close-Up Dialog nicht im Bild gewesen“. Ivy kontert: „Du bist so talentiert, Scott, das hättest Du schon schaffen können.“ Beide grinsen so, wie es Menschen tun, die sich schon sehr lange und sehr gut kennen - und trotzdem noch sehr mögen.
Überhaupt taucht sehr viel Familie in dem Schmöker auf. So ist der Onkel des Bildhauers Ivys Vater nachempfunden. Er starb wenige Tage, bevor das Buch in den USA herauskam. „Ich habe bis heute noch nicht geweint“, sagt Ivy. Sie erwähnt das, weil McCloud in dem Buch ihre eigene Krankheit – Depressionen publik macht. „Viele Leute sagen jetzt, wow, ihr geht an die Öffentlichkeit. Aber das war im Freundeskreis nie eine Geheimnis“, erklärt McCloud. Ivy nimmt inzwischen Medikamente, um ihre schlechten Zeiten zu überstehen.
Doch der Berlin-Trip ist für beide eine gute Zeit. „Wir werden zwar nicht viel von der Stadt sehen, aber wir sind einfach gerne unterwegs“, sagt McCloud.





