Kammermusiksaal

Berlins Philharmoniker spielen die Violinen der Hoffnung

Geigenbauer Amnon Weinstein sammelt die Instrumente von Überlebenden des Holocaust. Sie sind jetzt in einer neuen Ausstellung im Berliner Kammermusiksaal zu sehen.

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„Violinen der Hoffnung“ heißt die neue Ausstellung im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie. Sie zeigt bis zum 22. Februar Streichinstrumente, die jüdischen Musikern im Deutschland der 1920er und -30er Jahre gehörten. Zum 70. Gedenktag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz spielen die Berliner Philharmoniker am heutigen Dienstag um 20 Uhr diese „Violinen der Hoffnung“ in einem Gedenkkonzert.

Eine Ahnung von Leid und Tod liegt immer im Adagietto aus Gustav Mahlers Symphonie Nr. 5, doch bei dieser Probe der Berliner Philharmoniker ist der Schmerz darum fast physisch spürbar. Die Geiger halten „Violins of Hope“ in Händen. Instrumente, die ihre jüdischen Spieler dem Geigenbauer Moshe Weinstein in Tel Aviv verkauften, als die Ausmaße des Holocaust der Welt bekannt wurden. Wer sein Instrument aus Deutschland nicht zerschlug, der wollte es doch nie wieder anfassen.

Die erste Geige, die Weinstein erwarb, war ein 1775 gebautes Instrument des Geigenbauers Benedict Wagner aus Ellwangen, das ihm ein Mitglied des Palestine Orchestra billig angeboten hatte, weil er nicht länger auf einem deutschen Instrument spielen wollte. Über 50 Jahre waren die Violinen unter Verschluss. Die Familie Weinstein hatte selbst mehr als 300 Verwandte und Freunde in deutschen Konzentrationslagern verloren. Doch der Sohn des Geigenbauers, der das Handwerk fortführte, begann, die Instrumente zu restaurieren und nach ihrer Geschichte zu forschen. Er nannte sie „Violinen der Hoffnung“. Dass sie heute von den Berliner Philharmonikern gespielt werden, ist für Amnon Weinstein höchstes Glück und Triumph. „Die Nationalsozialisten wollten nicht nur Menschen töten, sie wollten die jüdische Kultur auslöschen. Und diese Geigen sagen: Wir sind hier. Für immer!“

Gespielt im Lagerorchester von Auschwitz

Guy Braunstein, ehemaliger Konzertmeister der Berliner Philharmoniker, kennt Amnon Weinstein, seit er ein Kind war. Etwa 25 der Geigen habe er zur Vorbereitung des Konzertes in Berlin bei Weinstein in seiner Heimat Tel Aviv ausprobiert. Das Instrument, das er heute Abend spielen wird, habe ihm schon mit seinen ersten Tönen Gänsehaut verursacht. Es wurde im Lagerorchester von Auschwitz gespielt. „Welches Leid muss sein Geiger gesehen haben, während er jeden Tag für die Menschen spielen musste, die zur Zwangsarbeit gingen“, sagt Amnon Weinstein. Der Besitzer dieser Geiger überlebte, weil die Deutschen ihn „brauchen konnten“.

Unbekannt ist, wie der Mann hieß, dem die Geige einst gehörte. Er tauschte sie nach Kriegsende gegen etwas zu Essen ein. Ein jüdischer Soldat aus der Ukraine kaufte sie, über dessen Enkel gelangte das Instrument schließlich zu Amnon Weinstein. Seinen Originalklang könne man heute nicht mehr erahnen, sagt Guy Braunstein. „Die Musiker im Lagerorchester von Auschwitz mussten sehr oft draußen spielen, bei minus 20 Grad! Der Zustand des Instrumentes war bestimmt katastrophal nach dem Krieg.“ Dass die Geige aber auch heute noch eine Geschichte in sich trägt, davon sind alle Interpreten und der Restaurator überzeugt.

Geigen erzählten ihre Geschichte nicht in Worten, sagt Amnon Weinstein. Aber sie hätten eine Art Klanggedächtnis. Der Musiker hole den Klang aus einer Geige – einem Profimusiker wie einem Berliner Philharmoniker gelinge es sogar, auch die kleinsten Nuancen ihrer noch so traurigen Geschichte hervorzulocken. Auch Simon Rattle ist davon überzeugt: „Ich glaube nicht an Mystik und daran, dass Gegenstände Gefühle haben. Und doch wissen wir alle, dass ein Instrument ein beseeltes Objekt ist. Wir wissen, dass sie lebendig sind und sprechen, so wie Musik in den Mauern von Konzertsälen verbleibt.“ Violins of Hope sei ein treffender und zutiefst bewegender Titel. Denn wo Musik sei, da sei immer auch Hoffnung.