Film

Sönke Wortmann - ein Erfolgsregisseur bangt um sein Gespür

Er war der Garant für Millionenfilme, ob für „Der bewegte Mann“ oder „Deutschland. Ein Sommermärchen“. Dann kamen zwei Flops hintereinander. Mit seinem neuen Film will er zurück auf die Erfolgsspur.

Foto: Constantin Film

Sönke Wortmann hat „Frau Müller muss weg“ schon einmal inszeniert. 2012, für das Berliner Grips-Theater. Es war seine dritte Regiearbeit fürs Theater überhaupt. Warum er es in Berlin und nicht in „seiner“ kölnischen Heimat gemacht hat, erklärt er ganz simpel: weil man ihn nun mal in der Hauptstadt gefragt habe. Das Stück hat ihn so fasziniert, dass er es auch verfilmt hat. Mit Stars wie Anke Engelke, Ken Duken, Justus von Dohnanyi und Gabriela Maria Schmeide. Am 15. Januar kommt der Film ins Kino. Nun sitzt der Filmemacher wieder in Berlin, in einer Suite im Sofitel-Hotel, und erzählt über eigene Elternabende. Und seine jüngsten Filme, die am Kino floppten. Was den Erfolgsregisseur („Der bewegte Mann“, „Das Wunder von Bern“) empfindlich getroffen hat.

Berliner Morgenpost: Herr Wortmann, Sie sind selbst Vater dreier Kinder. Gehen Sie zu deren Elternabenden oder macht das Ihre Frau?

Sönke Wortmann: Interessante Fragestellung, entweder oder. Wir gehen tatsächlich beide, möglichst zusammen.

Und ist das Zeitverschwendung, Pflichtbesuch oder Notwendigkeit?

Es gibt natürlich spannendere Abende im Leben. Aber ein- oder zweimal im Jahr kann man da schon mal hingehen. Und es könnte ja auch interessant werden, und dann will ich mich auch äußern können. Insgesamt dauert es gerne mal länger als es müsste, aber man überlebt es.

Ist ein Filmregisseur der Alptraum für Kinder? Weil der Papa ständig auf Wochen bei Dreharbeiten ist?

Klar, wenn ich drehe, bin ich nicht zuhause. Das sind aber nur so sechs Wochen im Jahr. Aber wenn der Papa nicht dreht, also meistens, ist er mehr zuhause als andere Väter. Mein bester Freund ist Rechtsanwalt, der fängt morgens um sieben an und kommt abends um halb zehn zuhause. Und das jeden Tag außer sonntags. „Quality time“ ist das Zauberwort: Da kann ich sogar mehr bieten als andere Väter.

Ihre Frau war Schauspielerin, hat aber den Beruf aufgegeben. Weil ein Elternteil ganz für die Kinder da sein muss?

Sie hat sich bewusst dafür entschieden. Sie bekommt heute noch Angebote, hat damit aber abgeschlossen. Weil sie lieber Mutter ist. Sie wollte nicht, dass wir beide viel unterwegs wären und die Kinder dann über Dritte erzogen werden müssten. Wenn meine Frau mal einen Schlussstrich zieht, dann ist sie auch sehr konsequent.

Sind Sie denn auch so Helikopter-Eltern oder mehr so Laissez-faire-Eltern?

Wir sind schon sehr dafür, die Kinder machen zu lassen. Andererseits: Fragen Sie doch mal Helikopter-Eltern, ob sie sich für Helikopter-Eltern halten. Die würden das natürlich leidenschaftlich in Abrede stellen. Sie werden keinen finden, der sagt: Klar, dazu stehe ich, ständig hinter meinem Kind herzulaufen und es noch zu füttern, wenn es zehn ist. Ich habe da eine sehr lockere Einstellung. Wir haben auch das Glück, dass unsere Kinder sich in der Schule nicht so blöd anstellen, dass wir so hinterher sein müssen. Ich weiß aber nicht, was zuerst da war, das Huhn oder das Ei. Vielleicht stellen die sich genau deswegen nicht so blöd an, weil wir sie machen lassen.

Ihr neuer Film „Frau Müller ist weg“ ist ein einziger, langer Elternabend. Genauer ein Elternnachmittag, der sich bis in die Nacht zieht. Eine bittersüße Abrechnung mit dem deutschen Bildungssystem. Wie ist es denn Ihrer Meinung nach um unser Bildungssystem bestellt?

Es ist nicht so schlimm, wie es oft dargestellt wird, aber auch nicht so gut, wie es sein könnte. Bildung und Schule sind ja Ländersache, und als Nordrhein-Westfale kann ich sagen, dass wir hier insgesamt auf dem richtigen Weg sind. Die Frage ist ja, wie lange soll man in die Grundschule gehen, bevor man sich für die weitere Schule entscheidet. Viele Eltern und Regierungen sind der Meinung, vier ist richtig. Bei Ihnen in Berlin und in Brandenburg sind es sechs. Und viele Untersuchungen belegen: Je länger, desto besser. Beim großen Pisa-Sieger Finnland lernen die Kinder neun Jahre zusammen, ehe sie auseinandergehen. Das andere große Thema ist, dass das Gymnasium nicht mehr neun Jahre dauert, sondern nur noch acht. Das war ein Fehler, das weiß man mittlerweile auch. Aber das wieder rückgängig zu machen, wäre ein so irrsinniger Akt, dass in NRW bald dazu übergegangen wird, das achtjährige Schulsystem zu verbessern, indem man z.B. den Lehrplan nicht mehr so vollstopft. Das finde ich gut. Bei uns in NRW gibt es auch eine Gymnasium-Empfehlung und keinen Numerus Clausus wie in Bayern.

Sie haben 2012 „Frau Müller ist weg“ im Grips-Theater inszeniert. Das war erst Ihre dritte Theaterarbeit überhaupt. Wie kam es dazu? Und wie kommt es nun ins Kino?

Das Grips-Theater hat bei mir angefragt. Mir war nach dem ersten Lesen des Stückes klar, das will ich gerne machen. Und beim zweiten Lesen wusste ich, das will ich auch verfilmen. Aber bis so ein Drehbuch geschrieben und der Film finanziert ist, dauert das einfach ein bisschen.

Wenn man für den Film solche Schauspieler wie Anke Engelke oder Ken Duken hat, inszeniert sich das dann quasi von selbst? Oder sieht das nur so leicht aus und ist in Wirklichkeit ganz anstrengend, so starke Egos unter einen Hut zu bringen?

Es war eine ziemlich leichte Arbeit, die haben nämlich gar nicht so große Egos. Meine Erfahrung ist ja immer, dass die wirklich guten Leute große Teamplayer sind. Weil sie es gar nicht nötig haben, auf dicke Hose zu machen. Die wissen, was sie können, und die wissen auch, was sie nicht können. Da gab es keinen, der das Gefühl hatte, er müsste sich in den Vordergrund zu spielen. Wichtig ist immer eine gute Vorarbeit. Ich hatte ja schon die Theaterarbeit hinter mir, es ist also live schon erprobt worden, da weiß man genau, was wie funktioniert. Vielleicht waren die Schauspieler anfangs etwas irritiert, dass der Regisseur genau wusste oder genau zu wissen glaubte, wie ein Satz gesprochen werden musste.

Ihr Name war immer ein Garant für ein Millionen-Publikum. Jetzt haben mit „Hochzeitsvideo“ und „Schoßgebete“ gleich zwei Filme hintereinander die Erwartungen nicht erfüllt. Schmerzt das?

Ja, schon. Aber ob nun Million oder nicht, das ist dabei gar nicht so wichtig. Es gibt Filme wie „Kleine Haie“, da bin ich auch mit einem Bruchteil davon zufrieden. „Die Päpstin“ hatte andererseits 2,6 Millionen Zuschauer, und trotzdem hatte ich aufgrund der beliebten Romanvorlage mehr erwartet. Ich habe schon gute Filme gemacht, die schlecht liefen, und schlechte Filme, die gut liefen. Aber es schmerzt natürlich, wenn man viel Arbeit, Energie und auch Herzblut in ein Projekt steckt und dann ist es nach zehn Tagen aus dem Kino raus, weil es die Leute nicht interessiert. Das hat also nicht unbedingt mit der Qualität eines Films zu tun.

Hat man da Angst, so ein bisschen das Gespür verloren zu haben?

Tatsächlich habe ich mir immer einen gewissen Instinkt zugute gehalten, dass ich ungefähr weiß, was die Leute sehen möchten. Den hatte ich in letzter Zeit offenbar nicht mehr, und das gibt mir schon zu denken. Meinen neuen Film sehe ich jetzt auch nicht in einer Millionen-Liga, aber wenn der so schlecht laufen sollte wie die beiden vorherigen, dann muss ich mir ernsthaft Gedanken machen, ob ich noch im richtigen Beruf bin.

Haben Sie sich auch deshalb entschieden, das Theaterstück zu verfilmen, das ja auf der Bühne gut gelaufen ist und dort auch schon zwei Publikumspreise bekommen hat?

Nein, gar nicht. „Frau Müller“ hatte im Februar 2012 Premiere, „Das Hochzeitsvideo“ kam drei Monate später raus. Und als „Schoßgebete“ anlief, war „Frau Müller“ auch schon abgedreht. Da sind die Zeitläufe einfach andere. Wenn dazwischen Flops kommen, kann man darauf auch nicht mehr reagieren.

Bei allen deutschen Filmen, die im Januar anlaufen, fragt man sich, ob die nicht vielleicht auch bei diesem einen großen deutschen Filmfestival im Februar laufen könnten.

Ich glaube nicht, dass „Frau Müller muss weg“ ein Film für die Berlinale wäre. Es wird darin doch sehr viel geredet und da kämen die Untertitel gar nicht schnell genug mit. Ich hatte auch immer das Gefühl, dass die Berlinale nicht unbedingt mein Festival ist.

Sie haben ein Bühnenstück verfilmt. Gerade gab es auch den umgekehrten Film, dass ein Film von Ihnen zum Bühnenstück, zum Musical wurde. „Das Wunder von Bern“ hatte im November in Hamburg Premiere. Wie fühlt sich das an? Und inwieweit waren Sie involviert?

Involviert war ich gar nicht. Man hat mich einfach gefragt, ob sie das machen dürfen, und sich dann sehr am Film orientiert. Ich bin, das geb ich gerne zu, ja nicht so der Musical-Fan, aber bei der Premiere war ich begeistert. Da freu ich mich, erst mal für die Macher. Aber auch für mich ist das nach zehn Jahren noch mal eine schöne Belohnung. Das war meine Idee damals, dafür haben die jetzt ein ganz neues Theater gebaut und verkaufen momentan 3.000 Tickets am Tag. Es scheint, meine erfolgreichsten Sachen sind im Moment die, die ich nicht selber mache.

Sie spielen jetzt natürlich auf die WM-Doku „Die Mannschaft“ an. Viele finden ja, das hätten Sie drehen müssen. Fanden Sie das auch?

Nein. Mit dem „Sommermärchen“ war dieser Bereich für mich auserzählt. Viel lieber hätte ich diesmal mitgespielt. Aber ich war ja leider nicht im Kader…