Es hat ein gutes Vierteljahrhundert gedauert, bis er als Künstler zu sich selbst gefunden hat. Er musste erst ganz hoch aufsteigen und ganz tief fallen, bevor er sich mit bewundernswerter Ausdauer und Zähigkeit wieder aufgerappelt hat. Vor gut 25 Jahren landete der blonde Hesse Matthias Reim mit dem rockigen Schlager „Verdammt ich lieb Dich“ einen Riesenhit und wurde über Nacht zum Star. Alle kannten dieses Lied und diesen Sänger, selbst die, die ihn gar nicht kennen wollten.
„Könnt ihr es noch hören?“ ruft Reim am Ende seines Konzerts am Montagabend in die O2 World. Als letzte Zugabe spielt er es, dieses verdammte Lied, das ihm immer noch ebenso sehr am Herzen liegt wie seinen textsicheren Fans. Es ist eine perfekt inszenierte, stimmig arrangierte und dramaturgisch klug aufgebaute Show, mit der Mattias Reim zurzeit durch die Hallen der Republik zieht. Im Gepäck sein aktuelles Album „Die Leichtigkeit des Seins“ und die Zuversicht, dass die dunklen Jahre endlich vorbei sind. Rund 5000 Besucher haben sich in der räumlich verkleinerten O2 World versammelt.
Eine mächtige LED-Bildwand dominiert das Bühnenbild. Nebel wabert, türkise Lichtfinger ragen in die Höhe, düster dräuende Keyboardsounds schweben durch den Raum, bis sich Reims raue Stimme zunächst mehr rezitierend als singend aus dem Dunkel meldet: „Du warst wie die Sonne und ich war wie der Mond, das klingt zwar ziemlich dämlich, doch das trifft die Sache schon“. Die beschwörende Atmosphäre löst sich auf und mit dem rockigen „Ich hab mich so auf dich gefreut“ eröffnen Reim und seine Band ein Konzert, das einen gereiften, konzentrierten, zum Erfolg entschlossenen Sänger präsentiert.
Da hat einer an sich gearbeitet. Da sind die richtigen Berater am Werk. Da ist eine Regie zu spüren, die weiß, wie eine an internationalen Standards orientierte Show auszusehen hat. Der 57-jährige Popmusiker stakst und hüpft nicht mehr so ungezügelt über die Bühne wie früher. Er hat sich die Posen des Entertainers raufgeschafft. Elegant, fast ein wenig statisch, steht er am Mikrofon mit Jackett und hautenger Hose an den spindeldürren Jagger-Beinen. „Bitte geht nie wieder weg“ sagt er ins Publikum. Es ist ihm ernst.
Falsche Freunde, falsche Berater, falsche Manager
Reim ging es Ende der 90er-Jahre wie vielen Shooting Stars des Pop: falsche Freunde, falsche Berater, falsche Manager. Plötzlich floppten seine Platten, die Konzerte blieben leer. Am Ende stand der Plattenmillionär vor dem Nichts. Hatte 13 Millionen Euro Schulden. Insolvenz. Reim war am Ende. Doch mit ungebrochenem Willen fing er noch einmal ganz von vorn an. Arbeitete sich Schritt für Schritt zurück in das Metier, das sein Leben ist. 2010 war er wieder schuldenfrei. Er hat aus den Fehlern gelernt.
Mit „Sowieso für dich das letzte“ folgt noch so ein Hardrock-Schlager mit eingängigem Mitsing-Refrain, eines seiner Markenzeichen. Doch er wird im Laufe dieses Konzerts noch überraschend andere Wege einschlagen. „Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie ich mich auf diesen Abend hier gefreut habe“ sagt er. Sein Comeback-Album „Unendlich“ von 2013 landete wieder auf Platz 1 der deutschen Charts, sein neues Album „Die Leichtigkeit des Seins“ schaffte es in diesem Jahr auf Platz 2. Er ist wieder da, wo er immer sein wollte. Auf dem Weg nach ganz oben.
Dabei geht es in seinen Liedern meist nur um das eine. Um die Liebe. Um gebrochene Herzen. Um zerstörtes Vertrauen. Um Einsamkeit. Reim ist kein großer Poet, er schreibt seine Lieder umgangssprachlich, mitunter mit ironischem Unterton und immer nah am Alltag der Menschen. Das erzeugt zwar eine gewisse Redundanz. Bleibt aber immer sehr persönlich. „Wer nie durch Scherben ging hat nie gelebt“ – Reim weiß, wovon er singt.
„Ganz egal“ im Reggaetrab
Immer wieder dankt er mit großer Geste. Reißt die Arme auseinander. Legt die Faust aufs Herz. Steht lächelnd mit verschränkten Armen da, wenn der ganze Saal seine Lieder singt. Stilistisch gibt er sich wandlungsreich. „Hexe“ beispielsweise beginnt getragen unheilschwanger wie Black Sabbaths „War Pigs“, um dann aber in einem Reim-typischen Mitklatsch-Refrain zu münden. Das neue Stück von der „Leichtigkeit des Seins“ wird von einer Geigerin veredelt. Zwei Gitarristen, einen Keyboarder, einen Bassist und einen Schlagzeuger hat er dabei. Und drei Chorsänger, die ihm die eine oder andere Passage abnehmen.
„Ganz egal“ kommt im Reggaetrab daher. Hardrock-, Pop- und Countryelemente fließen ein. Es gibt betörende Balladen wie „Allein, allein“ und natürlich die Hits. Mitunter in neuem Arrangement. Wie „Ich hab geträumt von Dir“ im Unplugged-Teil nach der Pause, das in dieser abgespeckten Fassung an Format gewinnt, den einen oder anderen Fan aber zunächst verstört, bis die Band beim Finale wieder mächtig aufdreht und ins gewohnte Arrangement zurückfällt.
Man muss die Leichtigkeit der Schlagerwelt des Matthias Reim nicht unbedingt mögen. Man kann ihm aber großen Respekt zollen für diese imponierende Show, der man anmerkt, wie hart alle Beteiligten daran gearbeitet haben. Im kommenden Jahr will er es endgültig wissen: am 5. September kommt er mit seinem Jubiläumskonzert „25 Jahre: Verdammt ich lieb dich“ in die Freilichtbühne an der Wuhlheide. Dieser Song bringt die 5000 Fans in der Mehrzweckhalle am Ende noch einmal so richtig in Fahrt. Alle singen und tanzen zu „Verdammt ich lieb dich“. Und ziehen danach glücklich und zufrieden in die eiskalte Berliner Nacht.




