Konzert in Berlin

Udo Jürgens und der Urknall des deutschen Schlagers

Am 15. November trat der am Sonntag verstorbene Sänger und Komponist Udo Jürgens ein letztes Mal in Berlin auf. Lesen Sie hier die Kritik eines umjubelten Konzerts in der ausverkauften O2 World.

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Er habe eine Bitte, sagt Udo Jürgens kurz nach 22 Uhr. Er wisse ja, dass nun die Zeit gekommen sei, in der manche langsam unruhig werden und nach vorne Richtung Bühne kommen wollten. "Lasst uns bitte noch zwei Lieder in Ruhe spielen", sagt er und setzt sich an das Klavier. Seine Ansage funktioniert, zumindest gilt das für das erste Lied. Doch als die ersten Töne von "Griechischer Wein" erklingen, ist es vorbei mit der Sitzordnung. Das Lied ist das Signal, die Menschen strömen nach vorne. Und sie werden bis zum Ende den Platz an der Bühne nicht mehr verlassen.

Der Augenblick ist gut gewählt. "Griechischer Wein" war ein Urknall für den deutschen Schlager. Vor dreißig Jahren veröffentlicht, zeigte das Lied, dass Schlager nicht automatisch seicht, liebesduselig und belanglos sein müssen. "Und wenn ich dann traurig werde, liegt es daran, dass ich immer träume von daheim, Du musst verzeih'n." Er fing die Sehnsucht der Menschen ein, die damals Gastarbeiter genannt wurden. Udo Jürgens war weltoffen, ohne Dünkel, meinungsstark und lässig.

Das alles ist er noch immer, mit 80 Jahren, was ohnehin das Resultat irgendeiner fehlerhaften Berechnung sein muss. Er ist alterslos, seine Stimme kräftig, sein Hüftschwung intakt, und auf eine interessante Weise gleicht sich sein Äußeres immer stärker Bryan Ferry an. Oder umgekehrt.

Ein außergewöhnlicher Abend

Dass ein außergewöhnlicher Abend bevorsteht, ist nach den ersten Minuten zu spüren. Nach dem ersten Lied gibt es stehenden Applaus für den Sänger. Auf der Videoleinwand erscheint Feuerwerk über dem Brandenburger Tor. Die Berliner bejubeln Udo Jürgens und ein bisschen auch sich selbst. Er habe Respekt vor der Stadt, sagt er, ein nachträglicher Glückwunsch zum Mauerfalljubiläum.

Der Abend ist zweigeteilt, die Gassenhauer kommen nach der Pause, zuvor spielt er überwiegend neuere Lieder. Er singt gegen den gläsernen Menschen und gegen die Geheimdienste an, die die Daten sammeln. Er verurteilt die Gier, die dazu führt, dass die Menschen den Planeten ausbeuten. Er sagt dann solche Sachen wie "wir haben keine zweite Erde". Er sorgt sich, dass der Mensch sich als Krönung der Schöpfung sieht. Man kann von dieser leicht apokalyptischen Weltsicht halten, was man will, aber zumindest ist es eine andere, nachdenklichere Ansage als "Ich will Euch benutzen", wie es drei Tage zuvor an der selben Stelle, auch in der O2 Word, zu vernehmen war.

Von acht bis achtzig Jahren

Nach Helene Fischer ist es jedenfalls der zweite Auftritt eines Superstars binnen Kürze in der Stadt. Ausverkauft ist auch er, und "tous Berlin" ist da, tatsächlich von acht bis achtzig Jahren reicht das Altersspektrum. Den Versuch das Publikum zu klassifizieren, kann man sich schenken. Udo Jürgens ist insofern Volkssänger, weil er alle Schichten anspricht. Und so fehlt die Prominenz auch nicht: Christian Berkel, Campino, Meret und Ben Becker sind unter den Gästen.

Es gilt, einen Profi bei der Arbeit zu bewundern. Udo Jürgens singt jedes Lied mit einer Begeisterung, als täte er dies das erste Mal. Er sagt, wie dankbar er sei, hier auf der Bühne zu stehen. Und sein Publikum lässt keinen Zweifel, wie dankbar es ist, ihn erleben zu dürfen. Er singt "Ich war noch niemals in New York" mit einer Melancholie und Lebensfreude, die zu seinem Markenzeichen geworden ist. Ein Mann, der noch einmal das Haus verlässt, in dem es "nach Bohnerwachs und Spießigkeit" riecht, um Zigaretten zu holen, und der sich überlegt, "wenn das jetzt ein Aufbruch wär, er müsse einfach geh'n für alle Zeit". Es klingt wie die Vertonung von John Updikes Rabbit-Romanen, in denen Harry es auch nie schafft, aus seinem Vorstadtleben auszubrechen. Je nach Gemüts- und Lebenslage kann man mitschaukeln oder anfangen zu heulen.

Mit großem Charme stellt er die meisten Musiker seines 20-köpfigen Orchesters vor. Er führt es wie ein echter Chef, mit Charisma und mit Wertschätzung für ihre Leistung. Er dominiert naturgemäß den Abend und begreift sich dennoch als Teil des Ganzen. Er hat die Band im Griff, er hat sich im Griff, er hat das Publikum im Griff. Er zeigt das, was man ihm vom erwartet: eine gewaltige und energiegeladene Show, die nie unpersönlich wirkt. Vielleicht sollte man an dieser Stelle eine kleine Lanze für die O2 World brechen. Der Sound ist makellos, genau wie die optische Umsetzung auf der Videoleinwand. Das Sicherheitspersonal, das an diesem Ort dazu neigt, sich wie bei einem Hochsicherheitsspiel aufzuführen, hält sich zurück. Irgendwann ist es halt ein bestuhltes Konzert, bei dem die meisten Menschen stehen.

Das obligatorische Lied im Bademantel

Am Ende vergisst Udo Jürgens - ganz die alte Schule - die Blumen nicht, die ihm die Damen während des Konzerts gereicht haben. Sie liegen auf dem Klavier, Udo Jürgens hat seinen schwarzen Dreireiher gegen Jeans und weißes Hemd ausgewechselt, das obligatorische Lied im Bademantel hat er bereits hinter sich. "Merci, Chérie", mit dem er 1966 seinen Durchbruch schaffte, spielt er leider nicht. Alles kann man nicht bekommen. Aber auf "17 Jahr, blondes Haar", "Immer wieder geht die Sonne auf", "Ehrenwertes Haus" und "Ich wünsch dir Liebe ohne Leiden" wartet man nicht vergebens. Seine Lieder sind nicht nur als Sprichworte in den Wortschatz eingegangen, sie sind auch zeitlos und eine Erklärung, warum so viele, die in den 70er-Jahren als Schlagerstars galten, vergessen sind. Und er nicht.

Eine Abschiedstour habe er nicht vor, hat er vor ein paar Jahren in einem Interview erzählt, er wisse nicht, was das Schicksal noch mit ihm vorhabe. "Irgendwann fällt mir die Feder aus der Hand, und ich sage: Freunde, das war's, das war gestern mein letztes Konzert." 2014 ist er immer noch da, ein Chansonier, ein Charmeur, ein Herzensbrecher, der uns Liebe ohne Leiden wünscht.

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