Konzert in Berlin

Jens Friebe im BiNuu - Intellekt, Pathos und Selbstironie

Rocken und nuscheln: Jens Friebe ist nicht nur ein verdammt guter Songschreiber, Sänger und Gitarrist, sondern auch ein Entertainer. Am Donnerstag trat er im BiNuu am Schlesischen Tor auf.

Foto: Martin Athenstädt / dpa

Jens Friebe ist immer noch der Boy der Stunde, und das, obwohl er diese Tage bereits sein fünftes Album veröffentlicht. Das BiNuu am Schlesischen Tor ist rappelvoll: Friebe läuft nach der etwas durchwachsenen Vorgänger-Platte auf seinem neuen Album „Nackte Angst zieh dich an wir gehen aus“ (nur echt ohne Komma) wieder zu Hochform auf.

Und Friebe ist nicht nur ein verdammt guter Songschreiber, Sänger und Gitarrist, sondern auch ein Entertainer. Er hat er seinen langjährigen Partner in Crime dabei, den wunderbar irren Chris Imler an den Drums, gewandet in dunkle Plastikwindjacke, dazu Andi Hudl an den Keyboards. Der sieht mit schwarz-weißem Cowboyhemd und langer Mähne aus, als wär er eben aus einer Southern-Rock-Doku entlaufen.

Sie spielen vor allem Stücke der neuen Platte, die so opulent arrangiert ist, dass man sich im Vorfeld fragte, wie sie Friebe mit unter 30 Leuten angemessen auf die Bühne bringen will. Doch er schafft das, was vor allem Imler zu verdanken ist, der sein minimales Drumset virtuos im Stehen bedient, mal mit Sticks, mal mit Rasseln auf Becken und Elektro-Pads einhaut.

„Zahlen zusammen, gehen getrennt“

Auch Friebe rockt und nuschelt und croont, dass es eine Freude ist. Er reimt „rückwärts“ auf „Herz“ und singt Zeilen wie „Ich kann dich nicht verstehen, wenn du schweigst“, bricht ihre Innerlichkeits-Geste sofort auf mit Genre: „Ich kann kein Blut sehen wenn du’s mir nicht zeigst“.

Er singt ein Lied wie „Zahlen zusammen, gehen getrennt“, das fast schon Schlager ist, aber eben nicht ganz – oder so, wie Schlager sein könnte, wäre er mal gut: „Ein leiser Fernseher / lauter schlechte Kunst / und eine Kerze / zwischen uns. // Du machst sie an / aber du willst nicht, dass sie brennt. / Wir zahlen zusammen. / Wir gehen getrennt“. Wenn man sich da beim Mitsingen ertappt, versteht man: Das ist wieder einer dieser Friebe-Lieder mit dem „Kenn ich! Hätte ich aber nie so gut sagen können“-Effekt. Wie immer er den hinbekommt.

Es gibt durchaus ein paar Ausreißer nach unten im Programm, etwa „Sei mein Plus Eins“, einer dieser Lebensführungssongs von Friebes vorigem Album „Abändern“, bei dem der Retro-Disco-Sound einfach zu gut zum Text passt. Das Besingen der auch mal schalen Seite des Nachtlebens (Wer ist denn diesmal dein Partner auf der Gästeliste dieses Clubs namens „Paradies“?) hinterlässt selbst einen leicht schalen Geschmack im Zuhörer-Hirn.

„Und alles, was kaputt war, funktioniert“

Ganz anders „Schlaflied“, um das Friebe extra – ungewohnt uncool – um Ruhe im Saal bittet. Hoch poetisch kommt es daher. Und es breitet ein unschuldiges Pathos aus, so zerbrechlich wie man es Friebe, diesem ewigen Auskenner, kaum zugetraut hätte: „Kommt vom Feld, der Tag ist um. / Seht, das Glühwürmchen tanzt. / Das alte Planetarium / strahlt in neuem Glanz“.

Und es schwingt sich auf zu einer Melodie, wie sie neben Friebe hierzulande kaum jemand schreiben kann. Die muss man selbst hören, nur so funktioniert das Ganze, im Zusammenspiel von Text und Musik. Was er singt aber geht so: „Und alles, was verloren war, ist hier. / Und alles, was kaputt war, funktioniert. / Und alles, was uns irgendwann zerbrach / wird heil im Schlaf“.

Wenn die Herren im Anschluss noch hüftschwingend eine federnde, wie Friebe sagt, Burt-Bacharach-Version des alten Hits „Geheime Party“ spielen, muss man einmal mehr feststellen, dass Intellekt, Pathos und Selbstironie im deutschsprachigen Pop selten so sexy waren.

Und als Friebe dann noch allein am Klavier „Wenn man euch die Geräte zeigt“ spielt, diese Mischung aus Zeitdiagnose und B-Movie, und sehr viele im Publikum mitsingen, kann man ihn sich einen Moment lang im Glitzeranzug vor 20.000 Leuten auf der Waldbühne vorstellen. Dafür ist er aber vielleicht doch einen Tick zu intellektuell. Oder zu sexy. Oder beides.