Elvis Costello

„Wenn ich solo auftrete, kann ich Extreme ausloten“

Elvis Costello gastiert im Admiralspalast. Welche Songs er dann singt, entscheidet er ganz spontan. Das verhindert, dass die Konzerte langweilig werden.

Foto: Urs Flueeler / pA/dpa

Elvis Costello, im August 60 Jahre alt geworden, ist einer der großen Singer-Songwriter der Gegenwart. Ende der 70er-Jahre begann er als intellektueller Angry Young Punk mit seiner Band The Attractions. Aber Costello kann alles: Rock’n’Roll, Funk, Blues, Jazz, Streichquartett, Piano-Balladen und Orchestersuiten für Shakespeare-Stücke. Kaum ein Pop-Musiker seiner Generation ist so vielseitig und hat zugleich eine so markante Handschrift und Stimme wie er. Die kann man erleben, wenn er am Donnerstag solo in den Admiralspalast kommt – nur Costello und Gitarre.

Berliner Morgenpost: Mr. Costello, Sie sind im August 60 Jahre alt geworden. Irgendwelche Tipps für all die jungen Rock ’n’ Roller da draußen, wie man im Pop-Business älter wird mit Würde und Stil?

Elvis Costello: Ich glaube, man kann nur versuchen, genau das zu tun, was sich richtig anfühlt für einen selbst. In meiner Arbeit hat Jugend nie eine allzu große Rolle gespielt. Die Leute haben schon, als ich zum ersten Mal in der Öffentlichkeit auftrat,, behauptet, ich würde lügen, wenn es um mein Alter ging – ich wäre 30, und ich war gerade mal 22. Seither habe ich das Ganze eher als Komödie betrachtet. Jedes Mal, wenn man einen dieser großen Geburtstage hat, rufen deine Freunde an und tun so, als ginge die Welt unter: Mein Gott, du wirst 21, 30, 40, 50! Aber ich bin immer noch da, überraschenderweise, und froh, am Leben zu sein. Und ich tue, was ich tue, so gut ich es kann.

Zum Geburtstag sind Sie unterwegs mit einer Solo-Tour. Was ist das Besondere daran, allein auf der Bühne zu stehen?

Wenn ich solo spiele, habe ich die größte Freiheit. Ich kann Rock ’n’ Roll spielen oder Balladen, ein brandneues Stück oder etwas, das ich geschrieben habe, als ich 17 war. Und ich spiele nicht die Aufnahmen nach. Ich spiele den rohen Sound der Komposition. Wenn ich solo auftrete, kann ich Extreme ausloten – von all den Krach, den ich mit einer E-Gitarre machen kann, zu etwas sehr Intimen, das man nur hinbekommt mit einem Instrument, einem Mikrofon und jemandem, der leise vor sich hin singt. Die Leute lehnen sich auf ihren Stühlen vor, ich lehne mich auf meinem Stuhl vor, und wir sind ganz nah beieinander. Das ist die Schönheit, diese Art Kontakt.

Sie spielen selten an zwei Abenden genau dieselben Songs. Wie bauen Sie Ihre Konzerte denn auf?

Eine Strategie ist, dass es in meinem Kopf eine Art Thema gibt, das einzelne Stücke verbindet. Ich schreibe kein Skript für meine Shows, aber am Nachmittag, wenn ich den Konzertsaal sehe, entscheide ich, was ich am Abend spielen werde. Kann sein, ich habe in einem alten Vaudeville-Theater das Gefühl, es wäre passend, Songs übers Reisen zu singen. Woanders scheint es vielleicht angemessener, Stücke über die verschiedenen Formen der Liebe zu spielen. Aber ich habe keine starre Methode. Ich versuche, das spontan zu halten. Wenn ich ein paar Songs singe, die gut zueinander passen, kommt es vor, dass ich noch fünf, sechs andere spiele, an die ich vorher überhaupt nicht gedacht habe. Neulich habe ich einige zum ersten Mal wieder gespielt, nach 35 Jahren.

Ist das, als würde man Coverversionen spielen von Stücken, die ein jüngeres Ich geschrieben hat?

Wenn ich meine alten Songs spielen will, behandle ich sie in der Regel so, als hätte ich sie gerade eben irgendwo gefunden und sie noch nie im Leben gesehen oder gehört – ein bisschen, als stammten sie von jemand anderem, ja. Und es ist gut für mich, Lieder auf diese Weise wiederzuentdecken, dann kann ich sie mit einem frischen Gefühl von Überraschung spielen.

Wie schaffen Sie es, so oft auf der Bühne zu stehen, ohne sich zu langweilen?

Hin und wieder nehme ich ein Stück, das in der Studioversion sehr üppig arrangiert ist, und spiele es so, wie ich es geschrieben habe – in meinem Schlafzimmer, morgens um drei. Man versteht jedes Wort, und vielleicht kommt dabei sogar etwas Tragisches zum Vorschein, das einem gar nicht aufgefallen war. Manchmal ist ein Lied laut und aggressiv zu spielen, eine Art Panzer um seine Emotionalität. Und man braucht eine Weile, bis man merkt, dass es etwas Leises, Anrührendes hat. Wenn man es in dieser nackten Form spielt, kann man das hörbar machen. Andersrum geht das aber auch: Hin und wieder nehme ich eine Ballade und kremple sie um, und sie bekommt eine Energie, die sie vorher nicht hatte. Das verhindert, dass die Konzerte zu vorhersehbar werden – für mich selbst, aber auch fürs Publikum.

Sie haben viel mit unterschiedlichen Musikern zusammengearbeitet, von Paul McCartney über Burt Bacharach, Chet Baker, das Brodsky Quartett, Anne Sofie von Otter bis zu The Roots. Was reizt Sie daran?

Ich bin einfach neugierig auf jede Form von Musik, habe auch Stücke für Tanzkompanien geschrieben und für Symphonieorchester. Aber diese Sachen waren nie wirklich geplant, sie sind einfach passiert. Die längste Zeit über habe ich mich gar nicht als jemanden betrachtet, der mit anderen zusammen Musik schreibt. Das fing erst in den späten 80er-Jahren an, als ich mit Paul McCartney arbeiten durfte. Ich meine, wer hätte sich vorstellen können, dass ich mal Songs schreiben würde mit Paul McCartney? Das wär doch völlig verrückt gewesen und auch arrogant, zu glauben, ich könnte sein Songwriting verbessern! (lacht) Aber er hat mich damals gefragt, und wir hatten eine Menge Spaß zusammen. Einige der Lieder habe ich neulich zum ersten Mal live gespielt, in der Carnegie Hall in New York. Berühmte Adresse. Und wissen Sie was – sie klangen großartig! Die Songs haben sich wirklich gut gehalten.

Verändern sich Lieder, die Sie für Andere geschrieben haben, wenn Sie sie selbst singen?

„For the Stars“ zum Beispiel habe ich für die klassische Sängerin Anne Sofie von Otter geschrieben. Es hat eine große, starke Melodie. Sehr emotionales Stück. Es geht darin um das, was ich mache: eine Beziehung zu finden zum eigenen musikalischen Talent. Wenn ich das selbst singe, wird es zu einem völlig anderen Song. Die Leute erkennen ihn in der Regel kaum. Aber so etwas kann auch passieren mit Stücken, die ich seit 1977 regelmäßig spiele. Die Fassung, die Sie hören werden, kann völlig anders klingen als jede andere Version zuvor.