Konzert

Babyshambles in Berlin - So schön schief singt Pete Doherty

Pete Doherty ist quicklebendig und wieder auf Tour. Am Dienstag hat er gemeinsam mit seiner Rockband Babyshambles in Huxleys Neue Welt den Zuhörern seine Liebe um die Ohren geworfen.

Foto: fh / Redferns via Getty Images

Die ganze Stadt versammelt sich also in Neukölln, um den Untergang eines Lebens zu verfolgen. Ein bisschen ist das wie Sternschnuppenschauen, nur härter und ein bisschen trauriger. Die Babyshambles spielen ein Konzert in Huxleys Neue Welt. Das ist eine Konzerthalle zwischen der Hasenheide und dem Hermannplatz. Casinos sind dort außen rum. Karten werden für hundertirgendwas vor der Halle verkauft. Lange schon ist dieser Abend ausverkauft. Wahrscheinlich sind die Babyshambles die letzte Rock'n'Roll-Band. Weil Peter Doherty der letzte Rock'n'Roller ist. Und ein Dichter natürlich.

Um halb zehn geht das also los. Mit eineinhalb Stunden Verspätung. Aber das kennen die Besucher von Babyshambles-Konzerten schon. Sie trinken also einfach mehr Bier. Rauchen heimlich, darf man ja in Konzertsälen nicht mehr. Wieder Bier. Kein Pfeifen. Kein Nerven. Warten in seiner schönsten Form.

„The Delivery“, was für ein krasser Rock-Song. Das ist wie „You really got me“ von den Kinks, nur zehn Mal härter, lauter, geiler. Peter Doherty ist eben nicht Ray Davies, sondern Peter Doherty, und deswegen erwarten jetzt alle schon beim ersten Song so was wie einen Selbstmord oder dass Doherty seine Gitarre zerschlägt.

Die Babyshambles bestehen aus Totenbeschwörern und Musikern

Mit seiner Band aber spielt er einfach nur. Perfekt. So auf den Punkt, wie man diese perfekten Junkie-Pop-Perlen eben spielen kann. Schwitzend. Nach Luft ringend. Taumelnd, aber melodiös. Die Babyshambles lassen sich in zwei Gruppen aufteilen. Auf der linken Seite stehen die zwei Totenbeschwörer. Das sind Doherty und der Gitarrist Mick Whitnall. Und rechts beziehungsweise hinten sind die beiden Musiker. Die Musiker sind der Bassist Drew McConnel und der Schlagzeuger Jamie Morrison.

Das ist so, weil sie nüchtern sind. McConnell trägt ein blitzsauberes Sakko, und sein Bassspiel ist genauso sauber. Er gibt auch Gitarrenunterricht. Zum Beispiel dem Sohn des berühmten britischen Künstlers Damien Hirst. Wer Kinder unterrichtet, kann nicht drauf sein, kann nicht fertig sein. Der ist einfach ein guter Musiker.

Die Babyshambles funktionieren nur als Band, weil beide Gruppen, also die Totenbeschwörer und die Musiker zusammenspielen. Whitnalls Kiefer macht, während er den Skinhead-Ska des alten Englands spielt, „I wish“, ruckartige Krampfbewegungen. Als der Reporter einmal für den „Rolling Stone“ ein Interview mit den Babyshambles führte, meinte Doherty noch, Whitnall nehme keine harten Drogen mehr. Nur noch ab und an eine Prise Kokain. Vermutlich kommen die Kieferkrämpfe daher.

Die Liebe fliegt einem um die Ohren

Die Band braucht die beiden Musiker, um die Songs zusammenzuhalten, und Doherty und Whitnall versuchen sie durch ihr Fertig-sein zu zerlegen. Deswegen sind die Babyshambles eine famose Band. Sie spielen einige der größten Pop-Songs, die Großbritannien jemals hervorgebracht hat. „Killimangiro“ könnte letztendlich so ohrenschmeichelnd sein wie „She Loves You“ von den Beatles. Aber weil Doherty tobt und schreit und kreischt und Whitnall auf die Gitarre einschlägt, wie einer der gerade damit in ein Land einfallen will, fliegt einem die Liebe um die Ohren, wie man es noch nie gespürt hat. „Why would you pay/ To see me in a cage/ It's all across the stage“ singt Doherty jetzt. Ja, das ist so, wir alle zahlen dafür, um ihn in diesem Käfig auf der Bühne zu begaffen.

Mit der Band The Libertines wurde Peter Doherty zur Hoffnung der britischen Schrammelmusik. Irgendwann kam Kate Moss. Er wurde zum Anti-Posterboy. Immer auf Droge. In den Knast. Wieder raus. Die ganze Welt hat auf seinen 27. Geburtstag gewartet und sich insgeheim gewünscht, er würde sterben, damit er unsterblich wird. Drei Alben hat er mit den Babyshambles veröffentlicht. Letztes Jahr erst „Sequel To The Prequel“. Er geht immer noch auf Tour, hat mehr als sieben Leben.

Dass er eineinhalb Stunden sein Konzert spielt, ist sein Triumph. Er liest zwischen den Songs mal aus einem Dostojewski-Buch auf Deutsch vor, in der neuen Übersetzung von Wolfgang Kasack, dann wirft er einen Becher Bier im hohen Bogen in die Luft, und dann singt er wieder. So schief-schön, wie es nur Doherty kann. Er trägt ein Ringel-Polo-Shirt, wie ein junger Maat. Aber Doherty ist an diesem Abend der Kapitän. Durch die tiefsten Stürme führt er sein Publikum und sich wieder in den Hafen der größten Gefühle. „Fuck Forever“ singt die ganze Halle.