Theater

Diese Berliner „Jedermann“-Festspiele sind die letzten

Die Schauspielerin und Regisseurin Brigitte Grothum verkündet das Aus der „Jedermann“-Festspiele. Die finden im Oktober zum letzten Mal im Berliner Dom statt. Schuld am Aus soll das Geld sein.

Foto: Stephanie Pilick / dpa

Es ist vollbracht. Zwar stammt dieses Zitat aus Goethes „Faust“, aber der ist nicht so weit weg vom „Jedermann“. In beiden Stücken geht es um Verführung und Genuss, auch tritt der Teufel jeweils leibhaftig auf – und außerdem passt das Zitat so schön zu Brigitte Grothum. Denn die Schauspielerin verkündete am Dienstag bei der „Jedermann“-Pressekonferenz im Berliner Dom ihren Rückzug.

Die 28. Ausgabe der „Jedermann“-Festspiele wird ihre, wird die letzte sein. Die Finanzierung des Theaterstücks sei von Jahr zu Jahr schwieriger geworden, begründete die 79 Jahre alte Produzentin, Schauspielerin und Regisseurin Brigitte Grothum („Drei Damen vom Grill“) ihre überraschende Entscheidung.

Bevor sie das tat, tat sie so, als ob gar nichts Außergewöhnliches anstünde. Sie stellte das neue Ensemble vor, bat ihre Kollegen mit sehr herzlichen Worten einzeln an den Tisch nach vorne, als sie da dann schließlich alle saßen, sah das schon fast wie eine Szene der Inszenierung aus. Die hat in diesem Jahr am 16. Oktober im Berliner Dom Premiere. Den Jedermann spielt Georg Preuße, viele werden den Travestiekünstler unter dem Namen Mary kennen, die Buhlschaft Barbara Wussow.

Achim Wolff gibt sein Debüt als Tod und Peter Sattmann ist erneut als Teufel zu sehen. Außerdem sind unter anderem Herbert Köfer, Ursula Karusseit und Ilja Richter dabei, der zwar eigentlich geschworen hatte, nicht mehr als Mammon aufzutreten, sich dann aber von Brigitte Grothum überzeugen ließ, zum Finale der Festspiele den Schwur zu brechen.

Bloß kein Regietheater

Brigitte Grothum ist ja überhaupt erst durch den „Jedermann“ zur Regie gekommen. Sie hatte Angst, dass ein anderer aus dem Mysterienspiel von Hugo von Hofmannsthal einen Regietheaterabend machen könnte, bei dem das Werk nur Mittel zum Zweck wäre. Deshalb hat sie sich selbst drangemacht, wie sie im Anschluss an die Pressekonferenz in einem Gespräch erzählt. Das war 1987. In Berlin stand die 750-Jahr-Feier an, in beiden Stadthälften.

Kreuzbergs damaliger Bezirksbürgermeister Wolfgang Krüger wünschte sich von Brigitte Grothum etwas, um den Bezirk aus den negativen Schlagzeilen als Hochburg der links-autonomen Szene herauszuholen. Die Schauspielerin dachte an einen Lyrik-Abend mit Gedichten von Brecht in einer Kirche, begleitet von ihrem Mann auf der Orgel.

Bei einem Ortstermin sollte Brigitte Grothum für eine Akustikprobe ein paar Sätze sprechen. Sie dachte nach, ihr fiel die erste Strophe ein, die Glaube im „Jedermann“ spricht, sie hatte diese Rolle mal gespielt: „Hast mich dein Leben lang verlacht / Und Gottes Wort für nichts geacht, / Geht nun in deiner Todesstund’ / Ein ander Red’ aus deinem Mund?“ – Der Bezirksbürgermeister war angetan, auch wenn er den Text nicht erkannte. Grothum erzählte von Salzburg und den dortigen „Jedermann“-Festspielen – und der Politiker wurde hellhörig. „Warum machen wir das nicht?“

Mit Gewinn gestartet

Das war die Geburtsstunde der Berliner Variante des Hofmannthalschen „Spiels vom Sterben des reichen Mannes“. Premiere hatte das Stück in der Kirche am Südstern, der Karstadt-Konzern übernahm eine Bürgschaft. Das private Engagement glückte, die ersten Festspiele „mit geliehenen Dekorationen und Kostümen“ warfen sogar einen Gewinn von 50.000 Mark ab, der an den Hauptsponsor Karstadt überwiesen wurde, worauf der Konzern sich auch als Unterstützer für das kommende Jahr anbot.

Der Erfolg sprach sich rum, die Miete sollte vervielfacht werden, deshalb zog Brigitte Grothum mit ihrem Ensemble in die Gedächtniskirche ins West-Berliner Zentrum, die Mauer stand noch. In den ersten Jahren waren die Rollen noch nicht so prominent besetzt wie heute, Brigitte Grothum sprach Darsteller an, die in Berlin lebten und im Falle eines Engagements „leicht verfügbar waren“. So spielte Monika Tabsch die erste Buhlschaft, auch Grothum selbst trat 1990 in dieser Rolle auf.

Die Buhlschaft ist ja gewissermaßen neben Jedermann das Zugpferd der Produktion. Brigitte Grothum umriss am Dienstag das Besetzungsprofil mit den Worten: „Schön, intelligent und ein Star.“

Prominente Buhlschaften

In diesem Jahr kehrt Barbara Wussow als Buhlschaft in den „Jedermann“ zurück, zuletzt war sie in dieser Rolle 2011 an der Seite von Winfried Glatzeder und 2012 gemeinsam mit Francis Fulton-Smith zu sehen. Im vergangenen Jahr gab Popsängerin Jeanette Biedermann ihr Debüt im feuerroten Abendkleid, es war der Beginn ihrer Theaterkarriere, es folgten Engagements in Düsseldorf und Dresden.

Den Promi-Buhlschaftsreigen bei den Berliner Jedermann-Festspielen haben, wenn man die Regisseurin außen vor lässt, Heidi Brühl und Iris Berben Anfang der 90er-Jahre eröffnet. Auch „Klimbim“-Ulknudel Ingrid Steeger und Sängerin Dunja Rajter traten in dieser Rolle auf, ebenso wie Jenny Elvers-Elbertzhagen und Barbara Becker. Und Sonja Kirchberger, die durch den Erotikfilm „Die Venusfalle“ bekannt wurde, verkörperte die Buhlschaft gleich drei Mal in Jahren 1996, 1997 und 2001.

Der Umzug von der Gedächtniskirche in den Dom 1993 war die große Zäsur bei den „Jedermann“-Festspielen. Der Raum war viel größer, die Produktionen wurden teurer, die Kostüme aufwendiger. Rund 1000 Plätze müssen jeden Abend gefüllt werden, das mit so einer nicht subventionierten Produktion verbundene finanzielle Risiko trägt letztlich die Schauspielerin und Regisseurin Brigitte Grothum. Dieser Belastung mochte sie sich nicht mehr aussetzen, schließlich sei sie auch nicht mehr die Jüngste. Jetzt wird aber erst Mal weiter geprobt, Zeit für Wehmut ist nach dem 26. Oktober, wenn die letzte Vorstellung gespielt ist.

Berliner Dom, Mitte, 16. bis 26. Oktober 2014, Karten: (030) 47 99 74 19

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