Eröffnungskonzert

Barenboim und Dudamel - ein Miteinander voller Überraschungen

Mit Brahms im Doppelpack haben Daniel Barenboim am Klavier und Dirigent Gustavo Dudamel das 10. Berliner Musikfest eröffnet. Dabei dominierte Barenboim zunächst den Saal - bis zur Pause.

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Daniel Barenboim, der Unersättliche: Mit schier übermenschlichem Appetit stürzt er sich auf die zwei Klavierkonzerte von Johannes Brahms. Im Doppelpack an einem Abend. Es sind Gipfelwerke von monumentalen Ausmaßen, von unendlichen lyrischen Weiten. Selbst für den wundersamen Alleskönner Barenboim eine Herausforderung. Zumal er bald seinen 72. Geburtstag begeht. Doch was Barenboim in seinem Leben einmal in den Fingern hatte, das scheint er nicht wieder zu vergessen. Ja mehr noch: Es reift stetig an seinen unaufhörlich wachsenden musikalischen Einsichten.

Nachsinnend steigt Barenboim in Brahms’ d-Moll-Konzert op. 15 ein. Klassisch klar thront sein Ton. Unangefochten glänzt sich Barenboim in den Vordergrund. Seine Staatskapelle folgt ihm in bedächtiger Ehrfurcht. Gedimmte Streicher, behutsame Holzbläser. Dirigent Gustavo Dudamel bleibt blass in den ersten beiden Sätzen. Auch er steht ganz unter Barenboims Bann. Doch wen wundert es? Was Barenboim an pianistischen Kostbarkeiten ausbreitet, was er mit sendungsbewusster Inbrunst aus den Tasten hebt – das lässt alles andere zur Nebensache werden. Im Adagio setzt der Pianist Raum und Zeit außer Kraft. Orchester und Publikum sinken in Trance.

180-Grad-Wende nach der Pause

Auch wenn die Staatskapelle im Schlussrondo deutlich munterer und mutiger aufspielt: Alles dreht sich um Barenboim. Er dominiert und triumphiert. Er badet schon zur Pause in tosendem Beifall. Mit sich selbst wirkt Barenboim durchaus zufrieden, mit dem Orchester nicht. In der Kabine muss er seinen Musikern danach heftig eingeheizt haben. Wie sonst wäre die 180-Grad-Drehung im nachfolgenden B-Dur-Konzert zu erklären? Die Staatskapelle sprüht vor Angriffslust.

Gustavo Dudamel sitzt nun fest im Sattel, gestaltet kraftvoll mit. Eigenwillig herb wirkt das Werk unter Barenboims Zugriff. Viel forscher und grimmiger als gewohnt. Sturm und Drang herrschen über epischer Lyrik und kolossalen Klanggebirgen. Selbst in der kammermusikalischen Intimität des langsamen Satzes waltet ein unwiderstehlicher Zug. Das Publikum hält vor Spannung den Atem an. Nur zwischen den Sätzen wagt es zu husten.

Der Solist stampft herrisch aufs Pedal

Bemerkenswert, wie Barenboim das Moderne in dieser Musik sucht und findet. Er schreckt dabei auch nicht vor hässlichen Tönen zurück. Am Ende stampft er in herrischer Gebärde auf das Pedal ein – es ist seine Art, das Orchesterfortissimo zu übertönen. Langanhaltende Publikumsbegeisterung hinterher.

Ein denkwürdiger Abend in der Philharmonie, ein grandioser Machtbeweis Barenboims. Und nicht zuletzt: ein spektakulärer Auftakt des diesjährigen Musikfestes. Brahms ist der Ausgangspunkt der luxuriösen Konzertreihe, die sich über drei Wochen in der Philharmonie erstreckt. Illustre Klangkörper, Dirigenten und Solisten geben sich die Klinke in die Hand, darunter das Concertgebouw Orchester mit Mariss Jansons, Gidon Kremer und Christian Thielemann.