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„Lachen, bangen, aufatmen“ – Theater Jaro ist Familiensache

Eltern und Kinder sitzen im Schmargendorfer Theater Jaro nicht nur auf den Zuschauerplätzen: Auch auf der Bühne stehen Vater, Mutter und Tochter – ein Portrait des Theaters und Familienunternehmens.

Foto: Reto Klar

Ein Familientheater wollen sie sein und meinen damit eigentlich: Theater für die ganze Familie. Aber wenn Vater Martin, Mutter Katja und die älteste Tochter Camilla im Theater Jaro in Schmargendorf (Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf) zusammen auf der Bühne stehen, bekommt das Wort noch eine ganz andere Bedeutung.

Die Familie ist das Theater, gemeinsam schreiben und inszenieren sie ihre Stücke, spielen selbst und bringen die Puppen zum Sprechen, machen Musik und singen mit den Zuschauern. Und übernehmen auch die Verwaltungsaufgaben, von denen auf der Bühne nichts zu merken ist, ohne die es das Theater Jaro aber gar nicht geben würde.

Dass das Theater bei Familie Pölzer im Mittelpunkt stehen würde, war von Anfang an klar: Katja Behounek und Martin Pölzer haben sich sogar beim Theaterspielen kennengelernt, in den 80er-Jahren auf der Theaterschule in Bochum. Sie stammt aus einer Künstlerfamilie, ihr Vater war ein tschechischer Musiker, Katja zog es ebenfalls auf die Bühne. Martin Pölzer hatte ein Pädagogikstudium hinter sich, aber längst gemerkt, dass die Theatergruppen, in denen er sich bewegte, viel eher seine Welt waren.

Vorreiter der Dino-Welle

Als ihre Ausbildung in Bochum beendet war, wollten sie zusammen bleiben – und weiter Theater machen. Als sie einen tschechischen Künstler kennen lernten, mit dem sie gemeinsam ein deutsch-tschechisches Stück machten, spielten sie ihre Produktion in Prag, und zogen schließlich nach West-Berlin, „weil von dort aus die Wege nach Prag kürzer waren“, erzählt Katja Behounek-Pölzer. Auf einer der vielen Fahrten zwischen Prag und Berlin habe sie den Namen für das Theater gefunden: „Jaro heißt auf Tschechisch Frühling, das hat uns gefallen.“ Mit dem Theater Jaro stiegen sie in Berlins freie Theaterszene ein, „dann ergab sich das mit dem Charlottchen“: Von 1990 war Martin Pölzer für das Programm in dem Theater und Restaurant an der Charlottenburger Droysenstraße verantwortlich. Und trat dort regelmäßig mit seinem eigenen Theater auf.

Viele Stücke, die in dieser Zeit entstanden, haben Martin Pölzer, inzwischen 55 Jahre alt, und seine drei Jahre jüngere Frau noch heute im Programm. Der Dinosaurier zum Beispiel gehört seit mehr als 20 Jahren dazu. Als Luzi, die Nichte des Forschers Professor Roman, ihn 1991 zum ersten Mal im Kühlschrank entdeckte, interessierte sich außer Professor Romans Dinosaurier-Forscherkollegen kaum jemand für die Urzeit-Tiere. „Dann kam Jurassic Park“, sagt Katja Behounek-Pölzer.

Der Film über einen Abenteuerpark, für den die ausgestorbenen Tyrannosaurus Rex, Velociraptor oder Dilophosaurus mit Hilfe der Gentechnik wieder zum Leben erweckt wurden, löste 1993 eine Dino-Welle aus, „und wir schwammen mit unserem Theater mit.“ Längst gibt es ein zweites Stück, in dem der Dinosaurier aus dem Kühlschrank mit Luzi in die Schule geht, ein weiteres, in dem er beim Weihnachtsfest dabei ist, und natürlich steht „Der Dino im Kühlschrank“ bis heute auf dem Programm. Inzwischen immer häufiger mit Tochter Camilla als Luzi – die heute 19-Jährige war noch nicht einmal geboren, als ihre Eltern das Stück erstmals auf die Bühne brachten.

Für Kinder ab drei Jahren, in einigen Stücken sogar schon ab zwei Jahren, spielen die Pölzers, „und das funktioniert“, versichern sie. Manchmal seien die Eltern selbst überrascht, wie lange ihre Kinder im Zuschauerraum dabei bleiben, zuhören und mitmachen. „Für die ganz Kleinen verlangsamen wir die Stücke“, erklärt Martin Pölzer, „Animationsfilme zum Beispiel sind für kleine Kinder viel zu schnell, da kommen sie nicht hinterher.“ Im Theater Jaro dagegen verstehen sie, warum Kalle Clown nach der Kleckerei mit den Eierkuchen in die Wanne steigt oder Pinguin Patti sich bei einem Ausflug in den heißen Süden im Eiswagen verstecken muss.

Kindertheater: „Mühseliges Geschäft“

Viele Kitas, vor allem aus der näheren Umgebung, kommen regelmäßig mit den Kindern ins Theater. Sie stellen bei den Vorstellungen in der Woche vormittags das Stammpublikum, am Wochenende kommen Einzelbesucher aus der ganzen Stadt. Und auch da gibt es treue Zuschauer: „Einige haben schon jedes unserer 15 Stücke gesehen“, sagt Katja Behounek-Pölzer. Trotzdem sei das Geschäft mühselig, es müssten auch schon mal Vorstellungen wegen Zuschauermangels ausfallen. Wer aber einmal da war, komme wieder, bis die Zuschauer mit zehn, elf Jahren irgendwann aus dem Programm herausgewachsen sind.

Manche Zuschauer sind sozusagen mitgezogen, als das Theater Jaro aus dem Charlottchen aus- und vor drei Jahren in die neuen Räume in Schmargendorf einzog. Ein Jaro-Freund, der sich im Newsletter über neue Produktionen und sonstige Nachrichten aus dem Theater informieren lassen wollte, hatte die Räume in der Schlangenbader Straße entdeckt. „Einige Leute haben uns abgeraten, unser Theater an diesem Ort zu eröffnen“, sagt Martin Pölzer, „hier wohnten nur alte Leute.

Aber wir haben uns gedacht: Eben! Die haben nämlich Enkel.“ Mit denen sie ganz bequem um die Ecke ins Theater gehen und sich dort auch noch selbst amüsieren können. Martin Pölzer und Katja Behounek-Pölzer „wollen alle mitnehmen, alle sollen lachen, alles sollen bangen, alle sollen erleichtert aufatmen“, die Kinder ebenso wie die Erwachsenen.

Während die jüngeren Zuschauer einfach nur lachen müssen, wenn bei „Anton macht Urlaub“ am Strand der Sand aus dem Rucksack rieselt, denken die Erwachsenen an Ballast, der abfällt. Jedes Stück hat eine Botschaft für Kleine und für Große, sagt Katja Behounek-Pölzer und zeigt den Gästebuch-Eintrag einer Kita-Leiterin: Die Stücke seien kindgerecht, schreibt sie, aber „auf einer tieferen seelischen Ebene auch für Erwachsene ein Genuss“. Familientheater eben. Von einer Familie, für Familien.