Columbiahalle

Knorkator - ein Riesenspaß ohne Verschnaufpause

Mit virtuosem Spielwitz und derber Ironie formen Knorkator einen Mix aus Schlager, Kunstlied und Metal - und das nach fast zwei Jahrzenten noch immer höchst überzeugend, wie am Freitag in Berlin.

Foto: Jazz Archiv/Christian Fischer / picture alliance / Jazzarchiv

Sie nehmen sich nicht all zu ernst. Ihre Musik dafür umso mehr. Sie provozieren Kopfschütteln. Bei den einen, weil die partout nichts mit diesem fröhlich-pubertären Lärm anfangen können. Bei den anderen, weil sie sich wild im Konzertsaal tanzend die Haare um die Ohren peitschen. Diese Band polarisiert, und das ist kein Wunder. Es war ein Glücksfall, dass der Keyboarder und Komponist Alf Ator, der Sänger Gero „Stumpen“ Ivers und der der Gitarrist Bastian „Buzz Dee“ Baur in den Berliner Nachwendejahren die Band Knorkator ausgeheckt haben. Eine so hochmusikalische wie vorsätzlich pubertäre Combo, die angetreten ist, die Rockmusik ordentlich zu zerlegen, um sie mit virtuosem Spielwitz und derber Ironie zu einem überkandidelten Mix aus Schlager, Kunstlied und Heavy Metal neu zu formen.

Das gelingt ihnen auch bald 20 Jahre später noch immer höchst überzeugend. „We Want Mohr!“ heißt ihr neues Album, das mit einer „Hymne“ auf das hörige Publikum beginnt. Diese „Hymne“ steht am Freitagabend auch am Anfang des ersten von zwei ausverkauften Konzerten in der Columbiahalle. „Für Knorkator mein Herz, für Knorkator mein Geld, Ihr seit das Kerzenlicht, dass meinen Weg erhellt“, heißt es da im Refrain und Stumpen, anfangs im grellen Ganzkörper-Latexdress, singt die Zeilen in hellstem Kastratenton, nur um gleich darauf den dreieinhalb Tausend eingeschworenen Fans ein derb-donnerndes „Schwanzlich willkommen“ in die Menge zu grölen.

Kaum Verschnaufpausen

Die neue Show ist von atemlosem Tempo. Verschnaufpausen gibt es nur, wenn Stumpen die Besucher auf seine herzliche Weise verbal knuddelt und anraunzt. Wirkliche Überraschungen gibt es keine. Einige frühe Stücke, die sie zuletzt selten gespielt haben, gehören zum Liveprogramm und auch einige ganz neue, die aber jetzt schon höchst vertraut klingen. Bassist Rajko Gohlke ist dabei und hinter dem Schlagzeug sitzt in Berlin wieder Nicolai Gogow, der Knorkator verlassen hatte, um beim Berliner Rocktrio Pothead einzusteigen. Später wird noch die Gitarristin Jen Majura dazustoßen.

Der Sound ist von exzellenter Brillanz, sauber, klar und laut. Man versteht nahezu jedes Wort – obwohl man mitunter gar nicht alles verstehen möchte. Und von Anfang an hat der halbseitig flächendeckend tätowierte Faxenmacher an vorderster Front das Publikum fest in der Hand. Längst hat er sich aus seinem Aufzug herausgepellt und erledigt den Rest des Abends im knappen pinkfarbenen Latexhöschen. Die Stimmung ist konsequent auf 100 bei Kraftrock-Brechern wie „Ding inne Schnauze“ oder „Du bist schuld“.

Lust an den Liedern

Knorkator sind auch Anhänger des Genres Listen-Lieder, von Songtexten also, die auf ellenlangen Aufzählungen basieren. „Zoo“ vom neuen Album ist so einer, bei dem sie wahllos Tiernamen aneinander reihen. „Fortschritt“ ist ein anderes. „Fortschritt, Wachstum, Wohlstand, Glück, Fernsehen, Telefon, Auto, Sprit“, heißt es da, bevor eine schier nicht enden wollende Liste von Wohlstandsgütern heruntergebetet wird. Ein großer Spaß.

Hier sind erstklassige Musiker am Werk, die merklich Lust an den Liedern haben, die sie da aufführen. Alle drei sind geschult an staatlichen Konservatorien der ehemaligen DDR und waren bereits in der Rockszene des Osten aktiv, spielten in populären Bands, die Monokel, Keks oder Funkreich hießen. Doch erst mit Knorkator konnten sie tun, was sie wirklich wollten. Und gaben dem Rock auf eine spätpubertäre, anarchische, vulgäre Weise die Sporen.

Da kommt dann so herrlicher Radau heraus wie „Refräng“, ein Stück, dessen Text nichts anderes als den Aufbau eines Liedes beschreibt. Oder der Klassiker „Ich hasse Musik“, in dem Stumpen seine ganze gespielte Abscheu gegenüber klassischer Bildung hochkomödiantisch zum Ausdruck bringt. Und die Speedmetal-Moritat von „Konrad“, dem Daumenlutscher aus Heinrich Hoffmanns streng belehrenden „Struwwelpeter“ klingt, als wäre sie nur für Knorkator geschrieben worden.

Stagedive-Purzelbaum vom Trampolin

Die Zeiten, in denen diese Vollblut-Musikanten Instrumente, Verstärker oder Bühnenbilder kurz und klein schlugen sind freilich vorbei. Dafür macht Stumpen per Trampolin („Das hab ich in der Schule meiner Tochter ausgeliehen“) einen Stagedive-Purzelbaum mitten ins Publikum und wird auf Händen getragen. Mit der Judas-Priest-Coverversion von „Breaking The Law“ hat es sogar – neben dem bewegenden „Weg nach unten“ – eine Ballade ins Programm geschafft. Das gibt zumindest ein bisschen Zeit zum Verschnaufen. Mit dem düsteren Gesang „Wir werden alle sterben“ geht die Band schließlich ins Finale. Der Applaus ist ohrenbetäubend.

Im Zugabenblock, der mit der aus lateinischen Worten zusammengestückelten „Absolution“ eröffnet wird, steht der Bodybuilding-Sänger Rummelsnuff, der bereits das Vorprogramm besorgt hatte, in einem Käfig auf der Bühne. Gemeinsam mit Alf Ator grunzt er die furiose Metal-Parodie „Böse“, während Stumpen im Innern eines gigantischen Ballons unter Jubel über das Publikums walzt. Die Freude in der Halle ist groß. Mit dem Boney-M.-Cover „Ma Baker“ verabschieden sich Knorkator endgültig von ihren so aufgewühlten wie glücklichen Fans. Manche können gar nicht genug davon bekommen. Und haben die Karten für das Konzert am Sonnabend schon in der Tasche.