Metal-Pop-Crossover

Knorkator im Frannz Club - wie eine irre Küchenparty

Knorkator bleiben das Schrillste und Schrägste, was die Berliner Musikszene in den vergangenen 20 Jahren hervorgebracht hat. Im Frannz Club wirkten sie auf sympathische Weise handzahm.

Foto: Jazz Archiv/Christian Fischer / picture alliance / Jazzarchiv

Sie sind auf eine erfrischende Weise unangepasst. Sie nehmen mit anarchischer Lust die Riten und Rituale des Musikgeschäfts auseinander. Sie sind frech und aufmüpfig wie ein Haufen pubertierender Kinder. Aber wenn es um ihre Musik geht, sind die Köpenicker Faxenmacher ernsthaft bei der Sache.

Bevor sie Ende des Monats auf große Tournee gehen, die Mitte Mai ihren Höhepunkt mit zwei Konzerten in der Columbiahalle finden wird, luden Knorkator am Donnerstagabend in den Knaack Club ein, um das Erscheinen ihrer neuen CD „We Want Mohr!“ gebührend zu feiern.

Knorkator ist das Schrillste und Schrägste, was die Berliner Musikszene in den vergangenen 20 Jahren hervorgebracht hat. Eine verschworene Gemeinschaft, die der Biederbürgerlichkeit lustvoll vors Schienbein tritt und jede Menger Spaß dabei hat. Dabei wirken sie an diesem Abend auf sympathische Weise handzahm. Sänger Stumpen und Gitarrist Buzz Dee erscheinen zunächst im Duo, um das ausverkaufte Haus ein wenig anzuwärmen und vorzubereiten auf die neuen Lieder, die sie später aufführen wollen. „Get Back“ von den Beatles spielen sie und singen „Gebäck, Gebäck, Gebäck stört in den Zähnen sehr“.

Man kommt sich ein bisschen vor wie auf einer Party, bei der einer in der Küche die Gitarre hervorgekramt hat und eingedeutschte Dinge wie „The Lady Is A Tramp“ oder „Sunny“ zur Freude der angejuxten Gäste von sich gibt. Zweites Schmankerl des Abends ist die Damenkapelle, die zuletzt schon beim Spandauer Zitadellen-Konzert für Freude sorgte und nun wieder Knorkator-Klassiker wie „Der ultimative Mann“ oder „Ich hasse Musik“ mit satten Bläsersätzen mal in ein Tango-, mal im Rumba-Arrangement verpackt. Wobei Gero Ivers alias Stumpen stets in bunt-großkariertem Outfit auf der Bühne sitzt, als Conférencier sozusagen, der sich durch diesen bunten Abend plaudert.

Hardrock, Schlager, Volkslied verquirlt

Auf einer Videowand werden alte Filmchen hervorgekramt. Da kann man Gitarrist Sebastian Baur alias Buzz Dee mit der Ostrock-Band MCT beim Open-Air-Konzert erleben, wie er Motörheads „Ace of Spades“ ins Mikrofon röhrt. Oder einen englisch radebrechenden Stumpen, der Ende der 80er-Jahre noch mit feuerrotem Haarschopf Sänger der Ostband Funkreich war. Die Musiker haben schon jede Menge durchgemacht, bevor sie 1994 als Knorkator zueinander fanden. Und diesen so herzlichen wie rauen, so unkonventionellen wie virtuosen Sound erschaffen haben.

Knorkator-Musik ist ein aufwühlendes Gemisch aus schwermetallenen Gitarren-Riffs, soundtrackhaften Keyboardsounds und barocker Melodieseligkeit. Sie verquirlen Hardrock, Schlager, Balladen, Volkslied oder Kirchenchoräle zu musikalischen Höhenflügen, die von den mal satirischen, mal albernen, mal vulgären Texten konterkariert werden. Das machen sie mit bewundernswerter Perfektion. Und das ist bei den Songs des neuen Albums nicht anders.

Großflächige Tattoos und pinkfarbenes Höschen

Es ist schon spät geworden, da stoßen endlich Keyboarder und Komponist Alf Ator, Bassist Rajko Gohlke und Schlagzeuger Sebastian Meyer zu Stumpen und Buzz Dee und machen Knorkator komplett. Mit dem älteren Stück „An meine Fans“, dieser hochkomischen Schmährede auf ein überaltertes, dickbäuchiges und bärtiges Publikum eröffnen sie ihr Konzert, bevor einige der neuen Lieder ihre Live-Premiere feiern. „Hymne“ beispielsweise, eine ironisch selbstverliebte Ballade. Oder „L“, ein Stück, in dem alles vorkommt, nur das Wort Liebe bleibt Stumpen als L im Halse stecken: „Leider bin ich inner Hardcore Band, und da ist das verboten, wir singen nur von Panzern‚ Rittern, Aliens und Toten“, singt er da und: „erlaubt ist einfach alles, aber L… ist tabu.“

Irgendwann, man erwartet es nicht anders, reißt sich Stumpen die bunten Kleider vom Leib, stellt seine großflächigen Tattoos auf gestähltem Leib zur Schau und trägt nur noch ein unbequemes pinkfarbenes Höschen. Im hart rockenden „Zoo“ besteht der Text einzig aus einer endlosen Aneinanderreihung von Tiernamen. Denselben Spaß erlauben sie sich auch bei "Fortschritt", in dem eine lange Liste von Haushaltsartikel den Text bestimmt.

„Struwwelpeter“ wie geschaffen für die irre Welt von Knorkator

Und sie haben sich dreier Texte aus Heinrich Hoffmanns „Struwwelpeter“ angenommen, Texten aus dem 19. Jahrhundert, die wie geschaffen sind für die irre Welt von Knorkator. Als Live-Kostprobe gibt es „Konrad“, in dem die Geschichte vom Daumenlutscher und dem flinken Schneider mit der Schere rabiat ausgekostet wird und die Geschichte vom fliegenden „Robert“.

Auf der gerade erschienenen, ganz im Zeichenstil Heinrich Hoffmanns gestalteten Platte findet sich noch „Die Geschichte vom bösen Friedrich“. Aber überraschender Weise auch zwei englisch gesungene neue Stücke sowie eine balladeske Coverversion von Judas Priests „Breaking The Law“. Die bleiben bei diesem Klubkonzert im Frannz unerhört, dafür gibt es zum Finale die unheildräuende Hymne „Wir werden alle sterben“. Ein Klassiker. Zum Mitsingen.