Interview

Warum Charles Aznavour seinen 90. Geburtstag in Berlin feiert

Er ist einer der beliebtesten Chansonniers – und armenischer Diplomat. Nun geht der fast 90-jährige Charles Aznavour wieder auf Tournee. Ein Gespräch über Identitäten und das Weitermachen.

Foto: EMI

Eine Suite im Hotel Sofitel hoch über dem alten Hafen von Marseille. Charles Aznavour hat gerade zu Mittag gegessen und betritt das Zimmer mit schwungvollem Schritt. „Ich habe Sie doch irgendwo schon einmal gesehen“, sagt er zur Begrüßung. Sechs Jahre zuvor hatten wir bereits einmal miteinander in Paris gesprochen. „Namen und Orte vergesse ich inzwischen, aber Gesichter eigentlich nie“, sagt der noch 89-Jährige, der ungefähr zwanzig Jahre jünger wirkt. Unweit von Marseille, bei Moriès in den Alpilles, besitzt Aznavour ein Anwesen, wo er auf 40 Hektar Olivenöl anbaut. 1200 Olivenbäume geben dort die Früchte für ein Öl, das, wie er anmerkt, „das beste in Frankreich ist.“ Es hält offenbar jung.

Berliner Illustrirte Zeitung: Monsieur Aznavour, Sie werden Ihren 90. Geburtstag in Deutschland feiern – am 22. Mai 2014 auf der Bühne der Berliner O2-Arena. Hätten Sie diesen Tag nicht lieber woanders verbracht?

Charles Aznavour: Nein. Ich bin unglaublich glücklich, wenn ich auf der Bühne stehe. Mir macht es immer noch genauso viel Freude, da oben zu stehen, wie früher, als ich jünger war. Ich glaube auch, dass meine Zuschauer das spüren.

Früher haben Sie viele Chansons auf Deutsch gesungen. Werden Sie das bei Ihren Konzerten in Berlin und Frankfurt wiederholen?

Nein. Ich kann heute leider nicht mehr auf Deutsch singen. Ich schaffe es einfach nicht mehr, die deutschen Texte auswendig zu lernen. Das ist zu schwierig. Dabei waren die meisten deutschen Übersetzungen wirklich gut. Ich hatte jahrelang mit einem sehr guten deutschen Autor zusammengearbeitet, Ernst Bader hieß er. Leider lebt er nicht mehr. Ich habe ihn und seinen Hund sehr gemocht. Die haben mir beide sehr geholfen.

Auch der Hund?

Der Hund war halt immer dabei, wenn Ernst zu mir nach Hause kam. Ich griff dann mein deutsches Wörterbuch und wir diskutierten über jedes Wort. „Das ist besser, nein: doch lieber das andere“. Bader hat meine besten deutschen Liedtexte verfasst. Danach gab es zwar auch ein paar gute. Aber die waren nicht wirklich „aznavourien“, wie ich es nenne.

Sie blicken auf eine mehr als 70 Jahre lange Karriere zurück. Welche Phase Ihres Lebens hat sich Ihnen besonders eingeprägt?

Der Zweite Weltkrieg, auch wenn ich selbst gar nicht beim Militär war. Man musste überleben, nur gab es nichts, das einem das Überleben sicherte. Das prägt einen. Und dann die unmittelbare Nachkriegszeit. Wir mussten alle wieder aufstehen, in einem Land, das vollkommen am Boden lag. Wir waren zu jung, um etwas anderes als den Krieg zu kennen. Wir befanden uns in einer Art Niemandsland. Das war zugleich sehr aufregend. Alles musste wieder aufgebaut werden. Ich meine nicht die Gebäude, denn in Paris war ja nichts zerstört. Wir mussten uns selbst wieder aufbauen.

Sie haben den Krieg und die Nazi-Besatzung in Paris erlebt. Stimmt die Legende, wonach Sie Ihre charakteristische Stimme beim Brüllen während des Zeitungsverkaufs auf der Straße gegerbt haben?

Ach, das hab ich mal erzählt. So nach dem Motto: So klingt eine Stimme halt, wenn man ständig schreiend Zeitungen verkauft. Ich habe aber auch erzählt, ich hätte meine Stimme durch übermäßigen Alkoholkonsum trainiert. Ich hatte schon immer eine nette Art zu lügen. Ich log allerdings nur, wenn es um unwichtige Dinge ging. Bei wichtigen Dingen habe ich nie gelogen.

Woher nahmen Sie unmittelbar nach dem Krieg den Mut, Ihr Glück als Künstler und Sänger zu versuchen?

Sehen Sie, ich bin der Sohn von Immigranten.

Ihre Eltern sind armenisch-stämmig. Nach dem Völkermord an den Armeniern während des Ersten Weltkriegs flohen sie nach Paris.

Ja, ich bin in Paris zur Welt gekommen. Aber ich war kein Kind von Franzosen. Mir war es damals relativ egal, dass die Nazis das Elsass und Lothringen besetzten.

Das war Ihnen egal?

Mich hat während des Krieges vor allem eines beschäftigt, dass ich etwas zu Essen bekam! Eine schlimme Zeit. Davon mal abgesehen, haben Kindern von Einwanderern in Frankreich oft große Karrieren gemacht. George Brassens oder Édith Piaf beispielsweise, von der viele oft vergessen, dass sie aus der Kabylei in Algerien stammt. Viele hatten Erfolg, weil sie besser sein mussten, als die gebürtigen Franzosen. Wir mussten die Franzosen gewissermaßen auf ihrem eigenen Terrain besiegen und uns deshalb besonders anstrengen.

Gerade in einem Land wie Frankreich mit seiner großen Tradition in der Dichtung und dem Chanson ist das doch ziemlich kühn, oder?

Ich habe mir immer gesagt: Ich muss bessere Songs schreiben als die Franzosen. Das ist mir öfter gelungen. Wer sowas nicht schafft, wird in dieser Gesellschaft übergangen. Die französischen Kollegen sind nie so weit gegangen wie ich – und auch nicht so weit wie Brassens, der viele Missstände offen benannt hat. Kennen Sie sein Lied „Les deux oncles“?

Sicher, er beschreibt darin zwei französische Onkel, von denen der eine im Krieg für die Deutschen, der andere für die Engländer war.

Das kam bei den Franzosen gar nicht gut an und ist missverstanden worden. Brassens, ich und viele andere, wir hatten sehr gut verstanden, dass der Krieg zu Ende war. Jetzt mussten wir anfangen, die Welt auf eine andere Art zu betrachten.

Sie sind für diese andere Sichtweise zu Beginn Ihrer Karriere nicht gerade bejubelt worden – mussten sehr harte Verrisse einstecken. Mal waren Sie den Kritikern von der Statur her zu klein, mal wurde Ihre krächzende Stimme bemäkelt.

Ja, sie haben fürchterliche Dinge über mich geschrieben. Das war schwer zu ertragen. Die Medien waren genauso gegen mich wie die französischen Behörden. Vor allem das Finanzamt hatte mich regelrecht schikaniert. Deshalb bin ich ja in die Schweiz gegangen. Nicht um Steuern zu sparen, sondern weil sie mich gezwungen haben. Wenn ich nicht gegangen wäre, wären wir vor Hunger gestorben.

Jetzt übertreiben Sie. Das war 1972.

Was ich sagen will: Das Finanzamt hat diesen Skandal über meinen sogenannten Steuerbetrug erfunden. Okay, ich hatte einen Fehler gemacht, aber nur einen geringfügigen. Ich hatte ein Boot gekauft, das wir auf meinen Schwager zugelassen hatten. Der war Schwede, also wurde das Boot unter schwedischer Flagge geführt. Dafür hätte man mir eine Strafzahlung verpassen können, meinetwegen. Aber das Finanzamt ist viel weiter gegangen – es gab eine regelrechte Kampagne gegen mich. Erst 30 Jahre später sagte ein Minister, nachdem er die Akten eingesehen hatte: „An dieser Geschichte ist nichts dran, gebt Herrn Aznavour sein Geld zurück.“

Hatten Sie das Gefühl, Sie wurden angefeindet, weil Sie der Sohn von Einwanderern waren? Oder neidete man Ihnen den Erfolg?

Ich glaube, es war beides. Neid spielte sicher auch eine Rolle. Mir ist nur wichtig, dass ich vor den Behörden nicht eingeknickt bin. Ich habe die Finanzbeamten beschimpft: „Ihr seid ja wie die Gestapo.“ Das hat denen natürlich nicht gefallen. Man sollte sich besser nicht mit mir anlegen. Dabei bin ich eigentlich ein sehr freundlicher Zeitgenosse. Ich erzähle Ihnen mal, wie freundlich ich bin: Ich habe in meinem Leben ungefähr drei Millionen Dollar verliehen, hier und da. Ich habe dieses Geld nie zurück verlangt, weil ich weiß, dass diese Menschen es mir gar nicht zurück zahlen können. Geld muss ja zu etwas nütze sein. Nicht nur um zu essen. Undankbarkeit mag ich allerdings gar nicht. Ich habe immens viele Steuern in Frankreich bezahlt. Aber eines Tages bin ich gegangen. Es hat mir gereicht. Ich zahle meine Steuern noch, wenn ich in Frankreich arbeite. Wenn ich woanders arbeite, zahle ich eben dort.

In Frankreich gab es in jüngster Zeit Debatten über Reichensteuern. Hatten Sie da ein déjà-vu-Erlebnis?

Ach wissen Sie, bei der letzten Wahl habe ich mit meinem Namen Sarkozy unterstützt. Aber nur, weil ich das Gefühl hatte, dass er etwas bewegen kann. Hollande hat gewonnen. Also ist Hollande jetzt auch mein Präsident. Ich habe ein aufrichtiges Interesse daran, dass er Erfolg hat. Wenn er den nicht hat, geht es auch Frankreich nicht gut.

Klingt sehr pragmatisch.

Sagen wir so: Mein Standpunkt in der französischen Politik ist neutral. Ich werde Hollande sicher bald wieder sehen, wenn er nach Armenien reist. Er hat immer zwei Sekunden mehr für mich übrig als für die meisten anderen, wenn wir uns begegnen. Beim letzten Mal gab es ein Mittagessen im Élysée mit einigen armenischen Persönlichkeiten. Da hat er mich bis auf die Stufen vor der Tür begleitet. Das macht er sonst nur mit Staatsleuten. Ich schätze seine Art. Und ich hoffe weiterhin, dass er vielleicht doch noch Erfolg haben wird. Das wäre jedenfalls besser, als danach irgendeinen Wunderheiler zu suchen.

Sie leben inzwischen in der Schweiz, sind dort seit 2009 offizieller Botschafter Armeniens. Das hindert Sie nicht daran, weiterhin ein französischer Patriot zu bleiben?

Nein. Ich habe keinen anderen Pass als den französischen. Ich könnte längst einen Schweizer Pass haben oder andere, die mir angeboten wurden. Die habe ich nicht genommen. Frankreich hat meine Eltern aufgenommen. Trotz aller Schwierigkeiten waren sie dort glücklich. Sie haben das Land geliebt. Das bedeutet mir etwas. Das legt man nicht ab wie ein Hemd.