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Blondie - Warum Nacktheit manchen Projekten gut tut

Debbie Harry und Chris Stein haben vor 40 Jahren die Band Blondie gegründet. Jetzt sind sie mit neuem Album unterwegs und sprechen über das Texten im Waschsalon, nackte Frauen und das Älterwerden.

Foto: Getty Images

Vor 40 Jahren gründeten Debbie Harry und Chris Stein Blondie, die wohl verführerischste Band, die New Wave zu bieten hatte. Deborah Harry und Chris Stein spielen – mit einer Unterbrechung von 15 Jahren – seit 1974 zusammen in der Band und waren einst ein Paar. „Ghosts Of Download“ ist ihr zehntes Studioalbum, an dem sie seit der Veröffentlichung ihres weithin unterschätzten Comeback-Werks, „Panic Of Girls“(2011), mit der Energie von Mittzwanzigern gearbeitet haben.

Berliner Morgenpost: Auf „Ghosts Of Download“ klingen Sie wie immer: gut gelaunt, jung und scharf …

Debbie Harry: Danke, ich habe großartige Produzenten! Und mein Freund hier zaubert viel mit dem Tonhöhenregler … Es kommt also alles aus der Technik.

Chris Stein: So viel nun auch wieder nicht.

Harry: Inzwischen praktiziere ich ein bisschen Gesangstraining, das nützt vielleicht etwas. Ich versuche daran zu denken, beim Singen den Körper mitzunehmen, die Stimme oberhalb des Kehlkopfes anzusiedeln.

In vielen Texten spiegelt sich Ihre langjährige Freundschaft wider.

Harry: Wir sind eben einfach älter! Früher waren unsere Beziehungen kurzlebiger, ob Freundschaften oder Partnerschaften.

Wie geht der Schreibprozess vonstatten?

Stein: Debbie schreibt fast alle Texte, ich die Musik. Den Text für „Backroom“ habe ich aber mit meiner Frau zusammen geschrieben.

Harry: Chris hat oft schon Ideen, Wörter, Formulierungen, die vorkommen könnten. Und ich frage immer, woran er gedacht hat, als er den Song gemacht hat.

Stein: Bei der neuen Platte entstanden die Songs eher aus Rhythmen, weniger aus Melodien.

Harry: Früher habe ich oft im Waschsalon geschrieben, weil mich der Rhythmus der Waschautomaten inspirierte. Ich hörte der Schleuder zu und schrieb zum Beispiel „Platinum Blonde“.

Stein: Kennt Ihr „Leader Of The Laundromat“, eine Parodie auf „Leader Of The Pack“? Das wurde 1963 kurze Zeit mal sehr bekannt …

Harry: Und es gibt diesen herrlichen Film: „Mein wunderbarer Waschsalon“.

Waschsalon ist wichtig für die Popkultur?

Harry: Ja! Und man darf nicht vergessen, wie viele Menschen sich im Waschsalon kennengelernt haben. Zu sauberen Rhythmen, haha. Die neuen Waschmaschinen sind leider alle zu leise, meine ist glücklicherweise alt, groß und laut wie ein Monster.

Ein paar der Songs, wie „A Rose By Any Name“, sind Club-Tunes. Tanzen Sie zu so etwas?

Harry: Ja, ich liebe Club-Sounds. Auch die Latin-Note, die Chris reinbringt. Das passt zu New York.

Stein: Musik sollte sowieso stets Bewegung suggerieren.

Wie oft gehen Sie tanzen?

Stein: Ich nicht so oft, sie geht öfter …

Harry: Ich kann meine Jugend einfach nicht abschütteln! Ich treffe meine Freunde regelmäßig zu Drinks und zum Tanzen, vor allem meine DJ-Freunde.

Kennen Sie auch Menschen, die nicht mehr ausgehen, weil sie sich zu alt fühlen?

Harry: Ja, aber fast noch trauriger finde ich es, wenn mir Freunde erzählen, es gäbe ja ohnehin keine gute Musik mehr. Ich kann dann nur denken: Du Armer.

Im letzten Jahr haben sich ein paar Musikerinnen über die Bildsprache von Miley Cyrus aufgeregt, wegen einer angeblichen Sexualisierung der Gesellschaft. Gab es gegen Blondie je ähnliche Vorwürfe?

Stein: Ja, die gab es, Debbie hat man das Gleiche vorgeworfen, obwohl es sicher relativ unschuldig war.

Können Sie denn verstehen, warum es so viel Kritik gab?

Stein: Das Ganze hätte kaum Aufmerksamkeit erregt, wenn statt Miley ein Mann sexy herumgeturnt wäre. Von Prince oder Michael Jackson hat nie jemand behauptet, sie seien zu sexy, auch nicht, als Prince seine Gitarre bestieg.

Harry: Aber als Madonna Ähnliches getan hat, haben sich alle darüber aufgeregt. Für Frauen ist es eben schwieriger. Ich fand das „Wrecking Ball“-Video übrigens fantastisch! Sie sah aus wie eine kleine, gemalte Elfe, sehr niedlich! Und irgendwie unschuldig.

Stein: Mein Problem mit „Wrecking Ball“ ist auch eher, dass der Refrain absolut nicht zur Strophe passt. Die Strophe und die Bridge sind gut, aber der Refrain …

Harry: Ich kann mir aber nicht vorstellen, wie es ist, als Kind in diesem Business aufzuwachsen, so wie Miley. Dafür ist sie doch sogar noch einigermaßen heil herausgekommen, auch wenn sie nackt auf einer Abrissbirne sitzt.

Nacktsein wird heutzutage für politische Zwecke benutzt, in der Femen-Bewegung zum Beispiel. Ist das sinnvoll?

Harry: Das gab es doch schon immer. In den Sechzigern haben Frauen ihre BHs verbrannt, und Charlotte Moorman hat nackt Cello gespielt. Ich glaube, dass für manche Zwecke jede Art von Aufmerksamkeit gut ist. Die USA sind immer noch zu radikal, zu religiös.

Gefällt Ihnen das Älterwerden?

Harry: Die Erfahrung ja, aber dass mein Körper mich immer mehr zurückhält, das gefällt mir nicht. Wenn ich jetzt eine gute Show machen will, muss ich wirklich mit meiner Kraft haushalten. Ich wünschte, ich hätte schon früher angefangen, meinen Körper richtig wertzuschätzen.

Stein: Ich denke immer, vielleicht muss ich ja irgendwann noch mal ins Gefängnis, da treibe ich dann ganz viel Sport.