She She Pop

Nach den Vätern dürfen jetzt auch die Mütter ran

Die Berliner Performance-Gruppe She She Pop zeigt gewissermaßen als Gegenstück zu „Testament“ nun „Frühlingsopfer“ im Hebbel am Ufer. Jetzt werden die Mütter auf die Bühne geholt.

Foto: imago stock&people / imago/DRAMA-Berlin.de

Familie ist der Hort der wahrscheinlich kompliziertesten Beziehungen, die zwischen Menschen überhaupt möglich sind. Und damit ein dankbares Thema für die Psychologie – und die Kunst. Das Theaterkollektiv She She Pop hat darin so etwas wie ihr Leitthema gefunden: Schon 2008 blätterten sie in einer performativen Foto-Session im „Familienalbum“. Vor vier Jahren dann holten sie für die auch mit dem Friedrich-Luft-Preis der Berliner Morgenpost ausgezeichnete Inszenierung „Testament“ ihre leibhaftigen Väter auf die Bühne und befragen sie und sich mit Shakespeares König Lear im Nacken zu den Tauschgeschäften zwischen den Generationen. Jetzt sind die Mütter dran. „Frühlingsopfer“ heißt ihre neueste Produktion, die jetzt Premiere im Hebbel am Ufer (HAU) feierte.

Das Setting klingt zunächst ähnlich, wieder dient ein Klassiker als Folie, dieses Mal Igor Strawinskys „Le Sacre du Printemps“. Und doch ist alles ganz anders. Weil die Beziehung zu den Müttern eben eine andere ist. Die vier Mütter von Johanna Freiburg, Sebastian Bark, Ilia Papatheodorou und Berit Stumpf stehen nicht live auf der Bühne, sie werden per vorproduzierter Filmprojektion auf vier riesige Leinwandbahnen eingespielt. Ein symbolträchtiges Arrangement, das eine fast geisterhafte Unnahbarkeit vorführt und aufzeigt, wie mächtig ihr Einfluss ist, selbst wenn sie gar nicht in direkter Nähe ihrer inzwischen ja selbst längst erwachsenen Kinder sind.

Bilder von ikonischer Kraft

Um diese Leinwände herum legen die Kinder eine Art Opferkreis, denn darum geht es in Strawinskys Ballettkomposition: Um ein heidnisches Ritual, an dessen Ende eine Jungfrau sich den Göttern zum Opfer zu Tode tanzt. Nun ist dieses Aufopferungsthema zwischen Müttern und Kindern inzwischen ein ziemlich alter Hut und tatsächlich sagen die Mütter sehr erwartbar, sie hätten ihren Beruf geopfert oder ihre Kreativität. Und die Kinder, dass sie sich bisweilen als Opfer der von den Müttern auf sie übertragenen Erwartungen gefühlt hätten.

Viel spannender aber ist die Form, in der, jenseits des Opferthemas, das ganz generelle Mutter-Kind-Verhältnis seinen Ausdruck findet. Es erreicht dieser Abend nicht ganz die raue Zärtlichkeit, die „Testament“ so bestechend machte, aber es entstehen doch Bilder von enormer ikonischer Kraft: Wie die Kinder sich mit Überblendungstechnik etwa in die Gesichter ihrer Video-Mütter projizieren oder gar embryonal zusammengekrümmt auf ihren Schoß. Oder wie sie da unten die Tanzbewegungen von denen da oben nachahmen, wie sie die Bilder ihrer Mütter zu erhaschen suchen, das ist schon eine sehr treffliche und berührende Bebilderung der klassischen familiären Konfliktsituation zwischen Vereinnahmung und Abgrenzung.

Die zwei stärksten Mutterliebe-Momente dieser Produktion übrigens liegen außerhalb der eigentlichen Inszenierung. Der eine fand vorher statt, in dem starken Vertrauen der Mütter nämlich, sich überhaupt erst mal auf dieses bisweilen durchaus ja auch entblößende Projekt einzulassen. Und der zweite direkt danach, in der offenkundigen Dankbarkeit, mit der die Kinder ihre jetzt live auftretenden Mütter zum Schlussapplaus in ein Blumenmeer tauchen.