Museum

Der Bühnenmetropole Berlin fehlt das Gedächtnis

Bis 1945 gab es ein Theatermuseum im Schloss. Ein Verein wirbt mit einer Ausstellung dafür, es wieder einzurichten. Allerdings nicht in Mitte, sondern in Karlshorst.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Klaus Wichmann brennt für die Bühnenkunst. Angesichts der Brände, die zahlreiche Theater- und Opernhäuser in den vergangenen Jahrhunderten zerstört haben, scheint das ein unpassendes Bild zu sein. Aber die Zeit der verheerenden Feuer ist vorbei, weil heute weder Kerzen noch Gaslicht (ein berüchtigter Brandverursacher) für die Beleuchtung verwendet werden und es in jedem Theater einen Eisernen Vorhang gibt, der zwar gelegentlich Teil einer Inszenierung ist, aber eigentlich eine Brandschutzmaßnahme darstellt, weil er verhindert, dass Flammen von der Bühne auf den Zuschauerraum übergreifen.

Der 72-Jährige hat sein Berufsleben in Theatern verbracht, er kennt die Schaubühne und das Berliner Ensemble ebenso wie das Theater des Westens und die Staatsoper, wo er die letzten 15 Jahre bis zu seiner Pensionierung als technischer Direktor gearbeitet hat. Wer mit Klaus Wichmann durch die Ausstellung "Faszination des Theaters" geht, die bei freiem Eintritt noch bis zum 11. Januar in der Marheineke Markthalle in Kreuzberg zu sehen ist, wird von seiner Begeisterung für die Exponate und die Geschichte angesteckt. Und findet den Gedanken bestechend, in Berlin ein Theatermuseum zu gründen. Schließlich ist die Hauptstadt eine Bühnenmetropole, aber ihr fehlt das Gedächtnis.

Staatsoper steht im Mittelpunkt

Die Ausstellung soll dafür werben, sie wird vom Verein "Initiative Theatermuseum Berlin" präsentiert, dessen Vorsitzender Wichmann ist. Anhand der 275-jährigen Geschichte der Staatsoper Unter den Linden zeigt sie "exemplarisch die Bedeutung der Bühnen für unsere Gesellschaft". Deutschland verfügt über eine einzigartige Theaterlandschaft und der deutschsprachige Raum über die meisten Bühnen weltweit, was der Kleinstaaterei der Vergangenheit geschuldet ist, denn zu einem Fürstentum gehörte ein Theater.

Auch die heutige Staatsoper wurde auf Initiative von Friedrich dem Großen errichtet. Die königliche Hofoper, im Dezember 1742 auf Drängen des Königs vorzeitig eröffnet, wurde durch Feuer und Bomben zerstört und zeitgeistmäßig mehrfach umgestaltet. Die Ausstellung dokumentiert die Umbauen bis hin zur aktuellen Sanierung, die viel länger dauert als geplant. Auch die heftige kulturpolitische Debatte um eine Neugestaltung des Zuschauerraums, die schließlich verworfen wurde, ist abgebildet.

Nachbau einer Regenkiste

Im zweiten Teil der Ausstellung geht es gegenständlicher zu, neben einem barocken Bühnenmodell werden sogenannte Effektmaschinen präsentiert. Das sind Geräte, die dazu dienen, Donner oder Windgeräusche zu produzieren. Oder Niederschlag. Klaus Wichmann steht an einem Nachbau einer Regenkiste und schüttelt oben Erbsen rein, die das gewünschte Geräusch erzeugen. So überzeugend, dass man gleich einen Schirm aufspannen möchte.

Die Ausstellung in Kreuzberg bildet den Grundstock der Exponate, die in einem künftigem Museum gezeigt werden könnten. Schließlich gab es mal eine entsprechende Sammlung, die von 1931 bis 1945 im Berliner Stadtschloss gezeigt wurde. Da waren unter anderem Regiebücher von Iffland, "Räuber"-Kostüme und Modelle ausgestellt, die mittlerweile der Stiftung Stadtmuseum gehören. Vor Jahren wurde ein Teil in einer Sonderausstellung präsentiert, jetzt liegen die Exponate wieder im Archiv in Spandau – sie könnten als Leihgabe in einem Theatermuseum gezeigt werden.

Frau Kollo hatte Interesse

Ins Stadtschloss will Wichmann aber nicht zurück, er hat einen anderen Wunschstandort: das Theater in Karlshorst. "Ein tolles Haus", dass er "gern aus dem Dornröschenschlaf wecken" würde, denn es steht seit Jahren leer. Es wurde 1948/49 von den Sowjets im Stil des stalinistischen Neoklassizismus errichtetet. Bis zum Abzug der Roten Armee wurde es genutzt.

Das denkmalgeschützte Theater gehört der städtischen Wohnungsbaugesellschaft Howoge, die es teilweise saniert hat. Von außen sieht es prächtig aus, die Innenräume sind verschlossen, Bühne und Saal gelten als renovierungsbedürftig. Es gab in den vergangenen Jahren verschiedene Versuche, einen Betreiber für das Haus zu finden, unter anderem hatte Marguerite Kollo, die Enkelin des legendären Operettenkomponisten Walter und Schwester des Sängers René Kollo, Interesse an einer Bespielung signalisiert. Sie wollte dort das Familienerbe pflegen, reichte ein Konzept ein, konnte sich aber nicht durchsetzen. Auch andere Wiederbelebungsversuche scheiterten, unter anderem weil für einen Theaterbetrieb notwendige Funktionsräume von der Howoge an die städtische Musikschule vermietet wurden.

Ab in den Container

Wichmann schwebt trotzdem neben der musealen Nutzung (Ausstellungen in den Foyers, Modelle auf der Bühne, die bei Aufführungen weggeräumt werden) auch eine Bespielung vor. Er spricht von gemeinsamen Projekten mit der Musikschulen, und ist optimistisch, durch seine Kontakte zur Staatsoper Sänger oder Dirigenten davon zu überzeugen, einmal in Karlshorst aufzutreten. Bei der Howoge stießen diese Nutzungspläne auf Interesse, erzählt Wichmann, die Wohnungsbaugesellschaft habe eine vergleichsweise günstige Miete signalisiert.

Das reicht aber nicht. Der Verein rechnet mit 2,5 bis drei Millionen Euro für die Ersteinrichtung und jährlichen Betriebskosten in Höhe von 500.000 Euro. Ohne öffentliche Unterstützung oder Sponsoren lassen sich die Pläne nicht umsetzen. Dann wandern die in Kreuzberg ausgestellten Exponate wieder in den Container. Und das wäre schade.

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.