Konzert im Postbahnhof

Jan Josef Liefers auf neuer Rock-Exkursion mit „Radio Doria“

Viele kennen ihn vor allem als „Tatort“-Rechtsmediziner Boerne. Doch Liefers tourt auch regelmäßig mit seiner Band. Nun hat er ein neues Album und Programm. Dabei zitiert er aus der Berliner Morgenpost.

Foto: Susannah V. Vergau / picture alliance / dpa

Man kann das Publikum im an diesem Sonntagabend ausverkauften Postbahnhof grob in zwei Kategogien einteilen. Die Wissenden und die Neugierigen. Die, für die es längst selbstverständlich ist, dass der Schauspieler da oben auf der Bühne heute mal wieder ein Rockmusiker ist. Und die, denen Jan Josef Liefers bisher vor allem als Münsteraner „Tatort“-Rechtsmediziner Boerne ein Begriff war.

Nach diesem mehr als zweistündigen Konzertabend sind sich alle einig: dieser Typ steht auch als Entertainer auf der Konzertbühne seinen Mann.

Nun ist man zunächst immer ein bisschen skeptisch, wenn Schauspieler zu Musikanten werden. Liefers allerdings hat bereits 2003 sein erstes, noch englisch gesungenes Album „Oblivion“ veröffentlicht. Und Oblivion heißt nun auch seine Band, mit der er seit 2006 regelmäßig auf Tour geht.

Im biografischen Programm „Soundtrack meiner Jugend“ erinnerte er sich an seine frühen Jahre in der DDR und sang sich entsprechend durch den Ostrock-Katalog von Lift über Silly bis zu Karat. Für das neue Programm „Radio Doria“ haben er und seine Musiker nun erstmals sämtliche Songs selbst getextet und komponiert, wobei die Vorbilder von Lift über Silly bis zu Karat nicht zu überhören sind.

Schlaflosigkeit, große Liebe und große Gefühle

Macht aber gar nichts. Diese Band spielt aus einem Guss, ist hoch motiviert und bestens aufeinander eingespielt. Der Sound ist eine energiegeladene Mixtur aus Progrock und Popmusik, die auf treibendem Beat, kraftvollen Gitarren und pointiertem Keyboardseinsatz schwebt. Nach einer instrumentalen Ouvertüre erscheint ein lässig-legerer Liefers und gibt mit dem Titelsong des kommenden Albums „Radio Doria – die freie Stimme der Schlaflosigkeit“ das Motto des Abends vor. Einen fiktiven Radiosender haben sie erfunden, samt eigenem, selbstproduziertem Jingle. Und großem Logo auf der Leinwand im Bühnenhintergrund.

Es geht einmal mehr um Erinnerung. Um Schlaflosigkeit und lange Nächte, um große Liebe und große Gefühle, um das Suchen nach einem Platz im Leben. Und um heimliches Lang- und Kurzwelle hören unter der Bettdecke, das Abenteuer, aufregende Musik zu entdecken und in einer mondhellen Nacht einmal um die ganze Welt zu reisen. Liefers outet sich als bekennenden Radiohörer und begrüßt sein Publikum mit einer nüchternen Feststellung: „Eins ist schon mal klar: ‚Tatort‘ mit Til Schweiger guckt ihr heute nicht.“

Viele neue Stücke gibt es zu hören. „Pralles Leben“ beispielsweise, mit skandiertem Sprechgesang in den Strophen und eingängigem Mitsingrefrain. Und natürlich ist der Schauspieler immer präsent. Liefers stimmt mit Texten, Szenen und Geschichten auf die Lieder ein. Mal mit der klassischen mathematischen Knobelaufgabe vom Bauern, der seinen drei Söhnen 17 Pferde vermacht. Er rezitiert den Text wie ein Jahrhunderte altes Märchen. Ein andermal plaudert er über seine seiner Jugend in Dresden.

Zitat von Ehefrau Anna Loos in der Morgenpost

Vor dem neuen Stück „Eine gute Nachricht“ blättert er durch Schlagzeilen aus Berliner Tageszeitungen. Er findet in der Berliner Morgenpost ein Zitat seiner Ehefrau Anna Loos und gibt es genüsslich weiter: „Im Gegensatz zu meinem Mann liebe ich Putzen und Aufräumen. Der weiß, wo die Mülltonnen stehen – aber dass man den Müll irgendwann auch da reinwerfen muss, ist nicht so sein Ding.“ Was später noch zu einem komödiantischen Telefonat mit der Gattin führen wird.

Ein wenig wirkt dieser Abend freilich noch wie eine Versuchsanordnung, ein Experimentieren mit der richtigen Konzertdramaturgie. So rezitiert Liefers mit „Drei Teile Gold“ ein musikalisch untermaltes Gedicht von Antek Krönung, zu dem eine spanische Ballerina auf einer Hinterbühne tanzt. Das hübsch anzusehen, wirkt aber ein wenig wie ein Fremdkörper, bringt den Fluss dieses Abends etwas ins Stocken. Doch mit einem irrwitzig arrangierten „Garten der Liebe“ nimmt die Band wieder Fahrt auf.

Abschied vom Publikum per Handschlag

Und dann stimmt der 49-Jährige das Stück „Es geht doch nichts über ein gemeinsam gesungenes Lied“ an. Ein Stück aus dem Repertoire seines „Tatort“-Kollegen Axel Prahl, der ihm in der Krimireihe als prolliger Kriminalhauptkommissar Thiel zur Seite steht. Auch Prahl hat sich längst ein zweites Standbein als Musiker geschaffen. Und steht nun plötzlich auf der Bühne, um gemeinsam mit Liefers „Summertime“ zu singen. „Dabei fällt mit ein“, sagt Liefers danach ins Publikum: „Jetzt seid ihr ja doch noch zum ‚Tatort‘ gekommen.“

Jan Josef Liefers kann sich bei seinen Rock-Exkursionen auf eine großartige Band verlassen: Johann Weiß und Jens Nickel (Gitarren) gehören dazu, Christian Adameit (Bass), Gunter Papperitz (Keyboards) sowie Timon Fenner (Schlagzeug). Sie geben dem Abend Halt, sie stärken dem versierten Sänger den Rücken bei Liedern wie „Unbeschreiblich“, „Diebesgut“ oder „Frühling“. Am Ende steigt Jan Josef Liefers von der Bühne und singt die wehmütige Ballade „Kleine Kreise“. Und verabschiedet sich geschafft und glücklich per Handschlag von seinem Publikum.