Fernsehen

Jan-Josef Liefers im Salon der Treuhandleichen

Das ZDF zeigt die zweite Verfilmung eines Krimis der Berliner Autorin Elisabeth Herrmann. In „Die letzte Instanz“ stolpert Jan-Josef Liefers durch die Seitentür in einen Salon voller Leichen.

Foto: ZDF/Stefan Erhard

Was wären wir bloß ohne unsere Geschichte? Ohne Nazis, Stasis vor allem. Wir könnten das mit den Oscars zum Beispiel komplett vergessen. Oder die Idee, auch nur eine Buchlizenz ins Ausland zu verkaufen. Und müssten wieder von Liebe und Tod erzählen. Diktaturen, nicht nur, aber vor allem wenn man sie hinter sich hat, beleben das Geschäft mit Geschichten enorm. Ob es die Geschichten selbst wirklich belebt, ist durchaus zweifelhaft.

Joachim Vernau – die Berliner Schriftstellerin, Drehbuchautorin und Journalistin Elisabeth Herrmann hat ihn erfunden – zum Beispiel hat eine ziemlich seltsame Eigenschaft. Er stolpert durch die Seitentür in eine Geschichte hinein, die sich dann wiederum als ein Salon voller Leichen aus der deutschen Geschichte erweist.

„Das Kindermädchen“ hieß sein erster Fall. Da war er Hand in Hand mit seiner adligen Verlobten im Nazimorast gelandet, als der sich die Geschichte ihrer Familie herausstellte. Das Debüt war ein Erfolg. Den Fernsehfilm wollten 6,7 Millionen Zuschauer sehen.

Irdische Gerechtigkeit

Jetzt, in seinem neuen Fall „Die letzte Instanz“, steht Jan-Josef Liefers als Vernau zufällig nicht weit weg, als im Schneefall vor dem Moabiter Gerichtspalast eine wackelige Oma versucht, einen obdachlosen Opa mittels einer Pistole, die sie zitternd aus ihrer Handtasche gezogen hatte, ins Jenseits zu schießen.

Und als Vernau alles beinahe schon Standeswidrige tut, um die Oma am Krankenbett dazu zu bringen, sich von ihm verteidigen zu lassen, ist er wieder durch die Seitentür. Diesmal in Görlitz. Das darf mal ausnahmsweise sich selbst spielen, nachdem es zuletzt für Dreharbeiten von Hollywoodfilmen auf Prag und – für Wes Andersons „The Grand Budapest Hotel“ – Budapest umgeschminkt worden war.

Daher kommt Margarethe Altenburg, die alte und bald tote Dame. Dahin fährt Vernau im Bus, umgeben von den aufrechten Leuten des Görlitzer Bibelkreises. Die klären ihn über ihr Racheverständnis auf (alttestamentarisch). Da könnte man schon merken, wo der verschneite Fall hinläuft. Dass Schuld ein Gewicht hat, das messbar ist, glauben die Görlitzer. Ihr Gottvertrauen in die letzte Instanz der irdischen Gerechtigkeit ist endenwollend.

Vernaus Salon, der diesmal besonders voller Leichen ist, befindet sich diesmal nicht in den Wirren von Krieg und Diktatur. Er steht geschichtlich gesehen diesseits kurz hinter der Grenze zur DDR-Zeit. Die Leichen, die ihn füllen, hat die Treuhand zu verantworten, diese deutsch-deutsche Übergangseinrichtung zur Kapitalisierung der DDR-Wirtschaft.

Rolf Hoppe spielt den Riesen aus Görlitz

Die Türöffnerin in den Salon der Treuhandleichen ist schön und schlank und hört auf den Namen Salome. Das hätte Vernau schon stutzig machen können, schließlich macht er selbst einen Scherz über die biblische Dame, die den Kopf ihrer Geliebten mit Vorliebe auf dem Silbertablett geliefert bekommt.

In diesem Fall ist Salome (Katharina Müller-Elmau) Staatsanwältin, hat eine Reihe höchst merkwürdiger Urteile zu verantworten. Das zum Beispiel des von Udo Samel herrlich verhuscht gespielten Obdachlosen, der mal Lkw-Fahrer war und ein Mädchen tot fuhr. Der liegt irgendwann vor einer Dependance der Heilsarmee, erfroren in seinem Erbrochenen.

Er wurde ermordet. Ein geisterhafter großer grauer Mann hat ihn verfolgt. Rolf Hoppe spielt den Riesen aus Görlitz. Er war mal Betriebsarzt.

Das war zum Schluss kein Spaß mehr, als die feine Stofffabrik abgewickelt, für einen Euro verhökert und ganz Görlitz arbeitslos wurde. „Zum Schluss“, sagt er Vernau, der sich wie alle nicht mehr so an die Hochzeit der Treuhand erinnert, „hab ich nur noch Psychopharmaka verschrieben und eine Menge falscher Totenscheine ausgestellt – Herzinfarkt, Schlaganfall, klingt doch für die Versicherung besser als erhängt, oder?“

Wie ein Ariadnefaden hält die Geschichte der Salome die vielen kleinen Subgeschichten zusammen, alles hängt irgendwie an allem und alles spinnt sich über dem Sumpf, in den das Einreiten der Treuhand in den industriell ruinierten Osten Görlitz verwandelte.

Hin und wieder packt Elisabeth Herrmann die Moralkeule aus und es kommt zu eher unschönen Textausbrüchen. Jan-Josef Liefers, der es in Görlitz schafft ,schlanker, intelligenter zu spielen als zuletzt an den Tatorten von Münster, und der ganze Rest des exquisiten Personals schaffen es, die Geschichte vielleicht besser aussehen zu lassen als sie ist.

Eine in allen Farben des Grau schillernde Reise in die Vergangenheit und in eine faszinierende Stadt ist dieser Film. Spannend, aufklärend, unterhaltsam. Wer jetzt noch an seinem Fernseher den Knopf findet, mit dem er die furchtbar fette Musiksauce wegklicken kann, der wird wirklich glücklich.

Die letzte Instanz: heute (20. Januar 2014), ZDF, 20.15 Uhr