Deutsches Theater

„Der Löwe im Winter“ gerät aus den Fugen

Sirrende Elektro-Beats und beeindruckende Bilderflut: Sebastian Hartmann hat „Der Löwe im Winter“ jetzt fürs Deutsche Theater inszeniert. Das Stück trägt schwer an der wuchtigen Interpretationswut.

Foto: Deutsches Theater/Arno Declair

Feine Familie: Da nennt der eine Bruder den anderen eine „widerliche, stinkende Ratte“ und der Vater wünscht seinen drei Söhnen, die sich um seinen Thron zanken, nichts weniger als „die Pest an den Hals“. Gut, es ist Weihnachten, da liegen schnell mal die Nerven blank. Bei der Sippe von Henry II., König von England, allerdings erzürnt sich der Zwist nicht am Festtagssbraten, er ist profunder: Es geht um den Hunger nach Macht und den nach Liebe. Von beidem ist zu wenig da als dass alle satt werden könnten. Am Ende bekommt keiner von beidem auch nur einen Happen.

Der amerikanische Autor und Drehbuchschreiber James Goldman entwickelte aus diesem Stoff unter dem Titel „Der Löwe im Winter“ 1965 eine mittelalterliche Familien-Soap mit historischem Personal aus dem 12. Jahrhundert. Am Broadway war sie nur mäßig erfolgreich, auf der Kinoleinwand dafür umso mehr, drei Oscars gab es 1969, einen für Katharine Hepburn in der Rolle der Königin.

Düster-monumentales Bühnenambiente

Auch Sebastian Hartmann, der das Stück jetzt fürs Deutsche Theater inszenierte, setzt auf die Herrschergattin als intriganten Nukleus und platziert sie in einem düster-monumentalen Bühnenambiente. Almut Zilcher ist seine Königin der Macht. Ihre Eleanor, nach zehn Jahren zur Feier des Tages aus dem Hausarrest beurlaubt, spielt sie grandios als diabolische Diva, die zwar das Muttertier mimt, aber zweifelsohne bereit ist, jeden ihrer Söhne, die sich ihr wechselnd in den Schoß werfen, für die eigenen Ziele zu opfern. Ihr Wunschkandidat für die Königsnachfolge ist Richard (Felix Goeser als kraftstrotzender Leder-Ritter).

Doch Gatte Henry (in erhabener, bühnenbeherrschender Machtbewusstheit: Michael Schweighöfer) bevorzugt John (bei Benjamin Lillie ein schwachbrüstiger Looser-Typ). Bleibt noch Geoffrey, der Mittlere. Er ist bei Peter Moltzen der taktierende Stratege, das Cleverle. Geladen zum Fest der Liebe sind außerdem Henrys Mätresse Alais (Natalia Belitski) und ihr Bruder Philip II., König von Frankreich, der mit dem Chef von England ein paar politische und private Dinge zu klären hat. Andreas Döhler macht aus diesem Philip, auf dessen homoerotische Ader enge weiße Hosen und rosa Ballerinas verweisen, mit ausgewogenem, immer aus der Figur heraus motiviertem Spiel das Beste, was diese Rolle zu bieten hat: die einzige, alles durchschauende Charakterkonstante des Abends.

Sirrende Elektro-Beats

Das ist auch nötig in dieser Inszenierung, die in seiner durchaus beeindruckenden Bilderflut ganz schön aus den Fugen gerät. Es schieben sich metallische Zinnen am vorderen Bühnenrand auf und nieder, gleißendes Licht dringt bisweilen durch ihre Gitter und zerreißt die Dunkelheit, in die der ganze Abend nebelumwoben eingehüllt ist. Dahinter, in der Mitte der Drehbühne, produzieren Musiker sirrende und krachende Elektro-Beats, um sie herum kreiselt ein riesiges Schaufelrad. An der Rückwand flackern Bilder von schwappenden Flüssigkeiten oder schroffem Gestein.

Die Darsteller spielen sich allesamt die Seele aus dem Leib, aber sie müssen dabei ständig die Haltung wechseln, mal soll’s heiter sein, mal tragisch, plötzlich gibt einer den Clown, man heult, man schreit, man kichert, man keucht. Es ist, also wollte Hartmann uns zeigen: Seht her, mit diesem Stück lässt sich wirklich viel anfangen.

So geht das drei Stunden lang und tatsächlich sind einige wunderbare Momente dabei, kraftvolle, intensive Bilder von Menschen zwischen Aufbegehren und Unterwerfung, aber der vielfache Wechsel der Zugriffe macht das Ganze streckenweise auch zu einer anstrengenden Angelegenheit, der man den Monumentalanspruch bisweilen allzu sehr ansieht. Man neigt zum gelegentlichen Ächzen während dieses Abends und wenn das Stück könnte, es würde vermutlich mittun, denn es trägt schwer an der wuchtigen Interpretationswut, die Sebastian Hartmann ihm angedeihen lässt.

Deutsches Theater Berlin, Schumannstraße 13a, Karten: 030/28 441 225.