Klassik

Philharmoniker Pahud ist Berliner und Weltenbürger zugleich

Claudio Abbado holte ihn vor 22 Jahren zu den Berliner Philharmonikern. Heute wird der Flötist Emmanuel Pahud auf den internationalen Bühnen als Solist gefeiert. Doch seinem Orchester bleibt er treu.

Foto: Christian Kielmann

„Alles liegt doch auf dem gleichen Planeten, oder?“, wiegelt er zunächst ab, als man ihn nach seiner Heimat fragt. Doch dann sagt Emmanuel Pahud: „Ich bin ein Berliner“ – und meint das wohl auch so. „Seit 20 Jahren bin ich hier zu Hause.“ Allerdings: Netto gerechnet, hält sich der Star-Flötist jährlich nur rund fünf Monate in seiner Wilmersdorfer Wohnung auf. Ansonsten ist der 44-Jährige unterwegs, sowohl als Mitglied der Berliner Philharmoniker als auch als Solist.

Der Blick in seinen Termin-Kalender dürfte bei Menschen, die einen geregelten Tagesablauf schätzen, Angstschweiß auslösen: Seoul, Sapporo, Tokio, Osaka, Kumanoto, Shanghai, Szombathely, Budapest, Sevilla und Sao Paolo lauten die Fernreiseziele bis Ende Mai, abgesehen von einem guten Dutzend Konzerten in deutschsprachigen Städten und natürlich den Heimspielen in Berlin. „Ich kann mich im Flugzeug gut erholen“, kommentiert Pahud cool dieses Pensum.

Und auch mit seinem etwas komplizierten Familienleben scheint der enorme Spielplan kompatibel. Eine Geigerin der Philharmoniker, den Namen will er aus der Öffentlichkeit heraushalten, ist seit zehn Jahren Pahuds Lebenspartnerin. Aus einer früheren Beziehung hat er zudem zwei Söhne, 15 und 17 Jahre alt, die im französischen Toulouse leben. Auch sie besucht er öfters, oder die Söhne kommen zu ihm nach Berlin. „Der eine interessiert sich sehr für Garten- und Landschaftsarchitektur, der andere hat Talent zum Schauspieler“, so der Vater. „Sie müssen nicht in meine Fußstapfen treten. Ich selbst war schließlich auch nicht familiär vorbelastet, was die Musik betrifft.“

Immer wieder musste Pahud umziehen

Emmanuel Pahud, den Nachnamen spricht man korrekt „Pa:ü“ aus, stammt aus der französischsprachigen Schweiz: „Eigentlich bin ich zu einem Viertel Schweizer und zu drei Vierteln Franzose.“ Geboren wurde er 1970 in Genf, aber es hätte auch ein anderer Ort sein können, so oft zog die Familie in dieser Zeit um, denn der Vater war Ingenieur. Neben Bagdad, Damaskus, Beirut, Paris und Madrid zählte Rom zu den Wohnorten der Pahuds.

Und in Rom gab es eine musikalische Nachbarsfamilie, deren vier Kinder den ganzen Tag übten, was man durch die Wand hören konnte. „Damals fingen mein Bruder und ich an, uns für Musik zu begeistern.“ Der Bruder für die Geige: Er ist heute in der Digitalvermarktung für Luxusprodukte tätig. Emmanuel für die Flöte: mit nachhaltigen Konsequenzen für den Musikbetrieb. Nach der Ausbildung in Rom, Brüssel und am Conservatoire de Paris, nach zahlreichen internationalen Preisen sowie Anstellungen bei Orchestern in Basel und München holte Claudio Abbado den damals 22-Jährigen nach Berlin. Pahud war der jüngste Musiker bei den Philharmonikern.

Philharmoniker als Bezugspunkt

Als der große Dirigent Abbado vor wenigen Wochen starb, habe Pahud erst einmal einige Tage gebraucht, um zur Normalität zurückzukehren: „Unter ihm als Chefdirigent habe ich zehn Jahre die Welt der Musik erst richtig kennengelernt.“ In den 90ern, so räumt er ein, habe auch ein wenig Glück seine Laufbahn begünstigt. „Große Flötisten wie Jean-Pierre Rampal oder Auréle Nicolet zogen sich gerade von der Bühne zurück, und ich bekam viele Angebote für Konzerte oder Plattenaufnahmen.“

So wurde Pahud zu einem der international gefragtesten Flötisten. Er könnte sich durchaus auf seine Solokarriere konzentrieren. Doch bis auf eine anderthalbjährige Auszeit ist er bis heute den Philharmonikern treu geblieben. „Ich brauche das Orchester, es ist ein Bezugspunkt im Leben, meine musikalische Familie, die künstlerische Herz-Lungen-Maschine!“ So manche Einspielung mit den Berliner Philharmonikern, wie Mozarts Konzert für Flöte und Harfe unter Abbado, zählt zu seinen wichtigsten Aufnahmen.

Konzert für „CPE“ Bach

Fragt man, welche seiner vielen Platten für ihn am bedeutsamsten sei, antwortet er lächelnd: „Die nächste!“ Trotzdem gibt es einige CDs, die aus seiner Diskographie herausragen. „Flötenkönig“, ein Doppelalbum mit 32 Stücken zum 300. Geburtstag Friedrichs des Großen vor zwei Jahren, gehört zweifelsohne dazu.

Mit dem Team von damals, der Kammerakademie Potsdam und dem Dirigenten und Cembalo-Spieler Trevor Pinnock, würdigt Pahud am 28. März im Kammermusiksaal der Philharmonie den berühmtesten Bach-Sohn Carl Philipp Emanuel Bach zu dessen 300. Geburtstag. Gleich drei Konzerte von „CPE“ wird Pahud dann vortragen, ein kleiner Marathon. „Dieser Komponist hat es verdient. Er steht immer noch im Schatten seines berühmten Vaters, dabei hat er Flötenkonzerte erst wirklich bekannt gemacht.“

Ausflüge in Jazz und Weltmusik

Normalerweise mag Pahud keine Jubiläen. „Im Mozart-Jahr 2006 hab ich keinen Mozart aufgeführt, sondern lieber drei Neukompositionen in Auftrag gegeben.“ Im Vergleich zu Geige oder Klavier ist das klassische Repertoire für die Flöte relativ bescheiden. Auch deswegen überschreitet Pahud immer wieder die Genre-Grenzen. So trat er auf dem Album „Around the World“ mit dem Gitarristen Christian Rivet eine musikalische Reise an, die über Rumänien und Indien bis nach Argentinien reichte. Mit dem Jazzmusiker Jacky Terrasson interpretierte der Flötenstar auf „Into The Blue“ unter anderem Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ als Swing oder Mozarts „Alla Turca“ im Reggae-Rhythmus.

„Multi-Tasking“, das ist etwas, das man Pahud bei der Arbeit immer wieder abverlangt. „Mit zunehmendem Alter versuche ich aber, mich möglichst nur auf eine Sache zu konzentrieren.“ Auf die Frage, ob da nicht sehr viel Selbstdisziplin vonnöten sei, muss er schmunzeln. „Musiker essen und trinken gerne“, meint er dazu nur und führt als prominentes Beispiel Johann Sebastian Bachs sagenhafte Gasthaus-Rechnungen an. Dass dabei das Idealgewicht, man verzeihe den Ausdruck, flöten geht, ist auch Pahud nicht fremd. Als Ausgleich gibt es die Berge und das Skifahren. „Aber auf Auslandsreisen probiere ich sehr gerne die lokalen Spezialitäten.“

Zwischen Berlin und Provence

Wenn man so viel unterwegs ist, nimmt man dann die Umgebung überhaupt noch wahr? Eine Konzerttour sei keine Urlaubsreise, meint er. Aber: „Den Puls, den Rhythmus der Stadt, den spürt man sofort.“ Das wirke sich auch aufs Musizieren aus. „Man spielt auf Tournee in jeder Stadt anders.“

Als er in den 90er-Jahren in die Philharmonie zur Arbeit kam, habe er aus dem Garderobenfenster auf eine Brache geblickt. „Das war der Potsdamer Platz.“ Berlin mit seiner ständigen Veränderung sei immer eine spannende Metropole, und trotzdem sei der Umgang mit den vielen verschiedenen Menschen hier ziemlich entspannt: „Das sagt viel aus über die Qualität dieser Stadt.“

Einen größeren Kontrast zum Schloss in der Provence, wo er sich im Sommer wieder aufhalten wird, kann es kaum geben. Denn Emmanuel Pahud ist Mitbegründer des Kammermusikfestivals L’Emperi in Frankreich. Dieses Jahr soll es um das Thema „Liebe“ gehen. Und so muss Pahud auch als Programmgestalter die Ohren wieder in viele Richtungen offen halten. „Danke, dass Sie mich nicht nach meinem Lieblingskomponisten gefragt haben“, sagt er beim Abschied. „Ich wäre echt in Verlegenheit geraten!“

Kammermusiksaal der Philharmonie, 28. März, 20 Uhr

Kammerakademie Potsdam, Trevor Pinnock, Emmanuel Pahud: Werke von Carl Philipp Emanuel Bach und Johann Sebastian Bach