ZDF-Fernsehspiel

„Der Wagner-Clan“ - Am Schluss steht Hitler vor der Tür

Das ZDF beschäftigt sich mit dem Wagner-Clan. Doch das Fernsehspiel stößt an die Grenzen des Unterhaltungsgenre: Zu viele hindrapierte Sexszenen, zu viele Effekte und überzeichnete Figuren.

Foto: ZDF / Hannes Hubach / ZDF/Hannes Hubach

Richard Wagner ist ein Komponistengenie und ein Kotzbrocken. Er ist größenwahnsinnig, rücksichtslos gegenüber seinen Künstlerfreunden und er nimmt sich die Frauen, wie er sie braucht. All das wird in Rückblenden gezeigt, denn gleich zu Beginn des neuen Films „Der Wagner-Clan“ verstirbt der fast 70-Jährige in einem der 28 Zimmer, die die Wagners in ihrem venezianischen Palazzo bewohnen.

Es ist der 13. Februar 1883. Seine Witwe Cosima klammert sich an ihn und lässt die drei Kinder schwören, ihr Leben in den Dienst von Wagners Werk zu stellen. Es sei eine „heilige Pflicht“, ihn unsterblich zu machen, nach gut 110 Minuten Film weiß der Zuschauer, es ist auch ein Fluch.

Die Filmemacher nennen das Ganze eine Familiengeschichte. Genau genommen ist es eine deutsche Unternehmensgeschichte, nur dass diese Gründerfamilie nicht Autos oder Stahl produziert, sondern Wagners Opernwerk in einem Festspielbetrieb. 1872 war Richard Wagner mit seiner Familie nach Bayreuth gezogen, um sich den Traum eines eigenen Festspielhauses zu erfüllen. Vier Jahre später wurden die Bayreuther Festspiele in Anwesenheit des Kaisers mit dem „Ring des Nibelungen“ eröffnet. Nach Wagners Tod gelingt es Cosima, sich gegen den Willen der mächtigen Wagnerianer als neue Festspielleiterin durchzusetzen.

Tricks und Intrigen

Ihr Trick war, erklärt Nike Wagner, sich als Witwenikone einzuführen. Die Urenkelin Richard Wagners sagt das in einer dem Eventfilm folgenden Dokumentation. Diese Kombination Film und Doku ist ja auch längst eine Fernsehmode geworden. Wogegen nichts spricht. Es ist vergleichbar dem Programmheft in der Oper, wo hintergründig aufgeschrieben steht, was im Künstlerischen unausgesprochen bleibt. Denn natürlich will „Der Wagner-Clan“ zur besten Sendezeit zuallererst unterhalten.

Manche Erklärung, wie die der Witwenikone, tut dem Verständnis gut. In einer Szene wird etwa gezeigt, wie Cosima bei den Proben hinter einem Vorhang sitzt und per Zettelchen ihre Anweisungen gibt. Wie eine antike Priesterin, die göttliche Anweisungen weiter gibt, aber mit der kein Normalsterblicher kommunizieren darf. Das Ganze ist ein Machtspiel. Und das gibt es auch innerhalb der Familie, wenn es um die Nähe zur Macht geht. Von all den Ränkespielen handelt der Film.

Regisseurin Christiane Balthasar kann sich auf ein sehenswertes Schauspieler-Ensemble verlassen. Iris Berben verleiht der Cosima innere Schönheit und äußere Härte, sie zeichnet die Wagner-Matriarchin wunderbar zwischen Begehren, Verzicht und Besessenheit. Ihre Gegenspielerin ist Tochter Isolde, die eigentlich ihre ideale Nachfolgerin wäre. Das von Petra Schmidt-Schaller gespielte unscheinbare Blondchen, zerrissen zwischen Liebe und Loyalität, gewinnt zunehmend an Größe, Charakter und Mitgefühl.

Verheimlichte Homosexualität

Die selbstbewusste Isolde wird schließlich von der eigenen Mutter vor Gericht „entwagnert“, weil sie ja geboren wurde, als Cosima noch mit dem Wagner-Dirigenten Hans von Bülow verheiratet war. Als juristische Bülow-Tochter ist Isolde raus aus dem Rennen um die Wagner-Nachfolge in Bayreuth. Cosima träumt weiterhin davon, dass Sohn Siegfried, der in seiner verheimlichten Homosexualität berührend melancholisch gespielt wird von Lars Eidinger, die Thronfolge antritt. Es bleibt ein Film der starken Frauen.

Die Filmemacher mühen sich schon um eine historische Wahrheit. Der Versuch ist lobenswert. Er stößt aber schnell an die Grenzen des Unterhaltungsgenre. Es gibt schlichtweg zu viele hindrapierte Sexszenen, zu viele Effekte und die Figuren sind insgesamt überzeichnet. Irgendwann stellt sich eine gewisse Langeweile ein. Was genau soll uns heute eigentlich an den namentlich unbekannten, auch unbedeutenden Wagner-Erben interessieren? Die letztlich nicht anders sind wie die Erben anderer Unternehmerfamilien.

Kai Hafemeisters Drehbuch gibt keine übergreifende Deutung oder gar Weisheit her, die Richard Wagners Denkkosmos angemessen wäre. Dabei geht es anders. Was haben sich die Musikwissenschaftler in den 80er-Jahren über Milos Formans Film „Amadeus“ aufgeregt, weil der sich Mozarts Leben zurecht bog. Heraus kam ein Kunstwerk, das vorführte, warum Genies in einer Welt der Mittelmäßigen scheitern müssen. „Der Wagner-Clan“ offenbart nur, wie antisemitisch, sexgierig, machtbewusst die Familie damals war. Der Film endet damit, dass Hitler oder besser Onkel Wolf vor der Tür der Villa Wahnfried steht.

Die Fehde dauert bis heute an

Erst in der Dokumentation offenbart Nachfahrin Nike Wagner eine Deutungslinie, die die Filmemacher hätten stärker betonen können. Die Familiengeschichte erinnert schon stark an die biblischen Brüder Kain und Abel und die ewige Eifersucht, wer dem göttlichen Vater näher steht. Nike Wagner ist Tochter des Regisseurs Wieland Wagner, dem Erneuerer Bayreuths nach dem Zweiten Weltkrieg. Dessen Bruder Wolfgang war eher der Konservative. Nach Wielands Tod musste deren Familie Bayreuth verlassen.

Im Spielfilm über die Vorgänger-Generation konkurrieren die beiden Schwestern Isolde, die mit dem ehrgeizigen Dirigenten Franz Beidler (Felix Klare) verheiratet ist, und Eva (Eva Löbau), die den gealterten britischen Antisemiten Houston Chamberlain (Heino Ferch) in ihr Ehebett gelassen hat, um Wagners „heiliges“ Erbe.

Die Fehde der Wagner-Erben dauert übrigens bis heute an. Die beiden Halbschwestern Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier leiten seit Wolfgang Wagners Tod die Festspiele und werden dabei immer misstrauisch von den anderen Familienstämmen beäugt. Nike Wagner stellt in der Doku etwa die Frage: Warum müssen eigentlich immer Wagners die Festspiele leiten? In anderen Familienunternehmen säßen die Erben in den Aufsichträten, wohingegen kompetente Leute die Geschäfte führen. So elegant kann man eine scharfe Kritik formulieren.

ZDF, 23. Februar: „Wagner-Clan“ um 20.15 Uhr, Doku um 22.05 Uhr