Vladimir Malakhov auf jedem Foto, seitenlang: Das Programmheft zur letzten Gala „Malakhov & Friends – The Final“ feiert den scheidenden Startänzer mit einem bunten Bilderreigen aus den vergangenen zehn Jahren. Künstlerbiographien wie „Caravaggio” und „Tschaikowsky”, die Ballettklassiker „Schwanensee” und „Les Sylphides”, seine Eigenkreationen „Dornröschen” und „Die Bayadere” – das Programmheft ist ein illustriertes Werkverzeichnis, das der ukrainische Ballerino als Bewerbung an seinen künftigen Wirkungsorten vorlegen könnte. Zur kommenden Spielzeit geht er erst einmal als Künstlerischer Berater ans Tokyo Ballet, nachdem er in Berlin dazu gedrängt wurde, seinen Intendantenvertrag aufzulösen und das Staatsballett zum Ende der Spielzeit verlässt.
Wie das Programmheft ist auch die Gala auf Malakhov zugeschnitten. Vier Auftritte hat er sich reserviert beim bunten Finale mit Tänzergästen befreundeter Compagnien und seinen eigenen Ensemblespitzen. Darunter ist auch die Uraufführung „Icarus”, die der im zeitgenössischen Tanz hoch gehandelte Sidi Larbi Cherkaoui eigens für ihn schuf. Die Miniatur wirkt eher wie eine Improvisation, in verschwommener Erinnerung bleiben hektisches Armrudern, wackelige Ballettposen und der Malakhovsche Sehnsuchtsblick gen Bühnenhimmel.
Ballett, Zirkus und Sport
Der Auftritt offenbart einmal mehr, dass der „Jahrhunderttänzer” Vladimir Malakhov mit seinen 46 Jahren längst nicht mehr zur tänzerischen Weltspitze zählt. Peinsam gerät der Ausschnitt aus „Les Sylphides”, mit dem Malakhov und seine künftige Tokioter Kollegin Mika Yoshioka den Abend eröffnen. Malakhov scheint am Boden zu haften und Posen wie Schritte nur anzudeuten. Angemessen verhalten ist denn auch der Applaus. Ebenso quälend ist das Pas de deux „Leda und der Schwan”. Malakhov wirkt mehr auf die Bewältigung seines Pensums konzentriert als auf seine Partnerin Nadja Saidakova.
Malakhov bestreitet die dreistündige Gala natürlich nicht alleine. Leuchtender Stern des Galaabends ist Lucia Lacarra mit ihrem Partner Marlon Dino, beide Erste Solisten am Bayerischen Staatsballett in München. Ihre Abschiedsszene aus der „Kameliendame” von John Neumeier ist ein Glanzpunkt dramatischen Balletts, höchste Tanz- wie Schauspielkunst: Ihre Körper scheinen ineinanderzufließen, eine organische Verbindung einzugehen, die vom Trennungsschmerz immer wieder gewaltvoll zerrissen wird. Dass Lacarra auch andere Register beherrscht und extrem wandlungsfähig ist, zeigt das zweite Galastück, das sie mit Dino präsentiert, „Light Rain” von Gerald Arpino. Wie ein Schlangenmensch biegt sie sich in immer neuen akrobatischen Posen um Dino herum, keck lächelnd und so lässig bewegt wie der jazzige Fusionsoundtrack des Komponisten Douglas Adams.
Die Schnittstellen vom Ballett zu Zirkus und Sport loten auch die Gäste vom Petersburger Mikhailovsky Theater aus, Irina Perren und Marat Shemiunov. An Eiskunstlauf erinnert Assaf Messerers „Spring Waters”. Twyla Tharps beschwingte Ballroom-Hommage „Sinatra Suite” zeigen Julie Kent und Sascha Radetsky vom American Ballet Theatre, ebenso wie das blasse Duett „The Leaves Are Fading” von Antony Tudor. Die Berliner Iana Salenko und Dinu Tamazlacaru sowie Vladislav Marinov nehmen mit dem technisch brillanten „Don Quixote”-Pas de deux und Eric Gauthiers humoristischem „Ballet 101” Glanznummern der Ballettgala aus dem vergangenen September wieder auf. Überzeugend präsentieren sich auch die sehr gegensätzlichen Berliner Ballerinen Nadja Saidakova und Elisa Carrillo Cabrera im verschmockten „Duetto Inoffensivo” von Mauro Bigonzetti. Eine nicht unbedingt erstklassige Technik hingegen stellen die Tokioter Damen Mizuka Ueno und Mika Yoshioka in „Schwanensee” oder der biederen „Delibes Suite” von José Martinez zur Schau.
Abrechnung auf offener Bühne
Vladimir Malakhov zeigt zum Abschluss das selbstironische „The Old Man And Me”, das Hans van Manen 1996 für Tänzer am Ende ihrer Laufbahn choreographierte. In der Rolle des alternden Beau verabschiedet er sich von seinem begeisterten Publikum, im melancholisch-verspielten Duett mit der nur wenig jüngeren, aber nach wie vor eleganten und vor Esprit sprühenden Beatrice Knop. Das Publikum feiert Malakhov mit Standing Ovations. Alle Höhen und Tiefen seiner zehnjährigen Intendanz kann man am Galaabend noch einmal mitfühlen.
Am Ende darf Malakhov seinem Lebenslauf nicht nur das Solo von Cherkaoui hinzufügen, sondern auch die überraschende Ernennung zum Berliner Kammertänzer. Der Ehrentitel wird vom Berliner Senat für hervorragende künstlerische Leistungen verliehen und setzt eine mindestens fünfjährige ununterbrochene Zugehörigkeit zu einem Theater voraus. Es sei eine seltene Ehre, verkündet Kulturstaatssekretär André Schmitz in seiner Kurzlaudatio. Malakhov verneigt sich, bedankt sich beim Publikum und seinen Tänzern – aber nicht beim Senat. Ungegrüßt verschwindet Schmitz in den Kulissen und Malakhov lässt sich mit den Tänzern feiern. Es ist eine Abrechnung auf offener Bühne: Malakhov quittierte ein vergiftetes Präsent mit Missachtung, hatte doch der Senat, der ihm nun einen Titel verleiht, dem Intendanten die Vertragsauflösung nahe gelegt. „Malakhov & Friends – The Final”, dessen Titel an Boxen statt Ballett erinnert, endet mit einer kämpferischen Inszenierung Vladimir Malakhovs.




