Musik

Marla Blumenblatt und die zweideutige Abendunterhaltung

Wehende Röcke, süßlicher Sound: Seit zwei Jahren ist Marla Blumenblatt in Berlin und spielt eine seltsame Mischung aus Schlager und Rockabilly, den Sound kurz vor der sexuellen Revolution.

Foto: David Heerde

Natürlich kommt sie im Rock. Auf dem weißen Stoff des Polohemds genau über der linken Brust galoppiert einer auf einem Pferd. Ihre Lippen sind rot. Herzchen stecken in den Ohrlöchern. Ein rotes Bandana, mit einer Schleife zusammengebunden, hält das Haar. Die 28-jährige Sängerin Marla Blumenblatt gibt einem die volle Frauen-Breitseite. Irgendwann kamen diese Rockabilly-Mädchen auch in Deutschland an und schmiegten sich zunächst nur an harte Tätowierte, und sie machten auch keine eigene Musik, sondern hörten nur den Punk und den Rock’n’Roll der Männer. Gerade hat Marla Blumenblatt mit „Immer die Boys“ ihr Debüt veröffentlicht und kokettiert darauf mit verspieltem Über-die-Lippen-leck-Pop im Stile der 60er.

Sie spricht so herrlich wienerisch, eine Melange bestellt sie leider nicht. Milchkaffee ist auch okay. Fast zwei Jahre wohnt Marla Blumenblatt nun in Berlin. Im November 2011 zog sie mit ihrem damaligen Freund nach Charlottenburg. Inzwischen wohnt sie unweit der Schönhauser Allee. Ihre Eltern kommen in den Siebzigerjahren als Gastarbeiter vom Balkan nach Österreich. Aus winzigen Dörfern. Ihre Mutter aus Grožnjan in Kroatien. 164 Einwohner zählte der Ort. Marla geht in Wien zur Schule. Ihr älterer Bruder tanzt damals schon Ballett. Ihre Karriere beginnt sie mit neun.

Zweideutige Abendunterhaltung

„Man muss sich unterwerfen und das wollen. Man muss sehr viele Tränen und Schmerz aushalten“, erinnert sie sich daran. Sie schafft es aufs Konservatorium. Der Bruder tanzt inzwischen beim Cirque du Soleil. Ein Stipendium ermöglicht Blumenblatt einen Amerika-Aufenthalt, sie geht nach New York. Vielleicht hat sie da ihren Sound gefunden, diesen 60er-Jahre-Sound, dieser Sound kurz vor der sexuellen Revolution.

Von New York geht Marla nach Paris. Crazy Horse. Das Varieté mit den nackten Ladys. Der Laden, in dem Dita von Teese auftrat. Dort verliert sich die Sängerin endgültig in zweideutiger Abendunterhaltung. Das Ballett war Blumenblatt zu streng. „Ich wollte frei sein, im klassischen Ballett gibt es keine Abweichung, keine Differenz. Du musst immer Kopie sein. Außerdem gibt es im Ballett überhaupt keine Frauen. Das sind Elfen. Elfen haben keine Brüste.“ Im Crazy Horse bekommt sie auch ihren Namen. Nach einer vierwöchigen Probezeit werden die Tänzerinnen von der Showmanagerin benannt. Sie heißt jetzt Marla Blumenblatt. Eine Weile tanzt sie dort. Den Streik um die schlechte Bezahlung der Mädels im Crazy Horse 2012 verpasst sie. Anfang 2011 tritt sie in Wien auf. Es sind schon die alten Surf-Gitarren-Songs, die an Dick Dale erinnern, es sind Krächz-Kreisch-Rockabilly-Nummern, wie sie Wanda Jackson sang. Marla Blumenblatt singt damals noch Englisch. Als sie im November nach Berlin kommt, wechselt sie auf Deutsch.

Wir sehen sich drehende Petticoats und Marla Blumenblatt, sie singt zur Orgel, zur Twang-Gitarre, sie kiekst, die Stimme übersteuert. „Ich hätt’ so gerne ein Cornetto, Ich brauch sofort ’n kaltes Eis./ Bei Boys in coolen Badehosen, wird mir immer so schnell heiß.“ Schlagertexte sind das fast. Cartoonhaft überzeichnete Collagen, die sich träumerisch in die Vergangenheit wünschen. Natürlich soll’s heiß hergehen, aber es wird nie pornografisch. Ihre Texte sind gewissermaßen in Worte übertragenes Burlesque. Man sieht zwar was, aber nicht alles, und anfassen ist sowieso nicht drin.

Hyperaktive Tanzflächen-Schunkler

Sie kam ganz naiv in die Stadt mit ihrem Freund. „Vielleicht kann ich ja mal irgendwo auftreten?“, fragt sie sich nach ihrer Ankunft. Sie spielt also im Bassy in diesem Rockabilly-Laden am Senefelder Platz. Sie bekommt einen Plattenvertrag. Vom März 2012 bis zum Februar 2013 braucht sie, um „Immer die Boys“ aufzunehmen.

Dreizehn Stücke sind darauf. Hyperaktive Tanzflächen-Schunkler. Blumenblatt redet so schnell, wie sie singt. Sie sitzt da auf dem grünen Sofa. Die roten Nägel sausen durch die Luft. Sie fährt sich durch die Haare. Dann mit der Zunge über die Lippen. Dann wieder durch die Haare. Erst jetzt merkt man, dass der Laden „Zuckerstück“ heißt. Und dass das wieder so eine Doppeldeutigkeit ist, wie in Blumenblatts Texten. Diese Mischung aus naiv und durchtrieben. In „Gartenpavillon“ singt sie: „Komm zu mir in meinen Gartenpavillon, wo uns niemand, wirklich niemand sieht/ In meinem Garten steht ne rosarote Badewanne/ Darin liege ich und wart auf Dich/ Denk jetzt bloß nichts Falsches, doch an solchen Sonntagen/ muss man doch zusammen Sonnenbaden“.

Im Video dazu tanzt sie durch die Reuterstraße in Neukölln. An einem Tag im Juni haben sie das Video gedreht. Die Choreografie hat sie natürlich selbst gemacht. Ihre tänzerische Vergangenheit war doch für etwas gut. Im Crazy Horse musste sie die Choreografien von allen dreißig Positionen lernen. Jetzt müssen andere nach ihrer Pfeife tanzen Da fahren Typen auf minzfarbenen Pick-ups vor. Sie schlagen Räder und Rückwärtssalti. Frauen fahren nur auf dem Hinterrad ihrer Fahrräder hinter Blumenblatt hinterher. Sie dreht sich so schnell, dass der Saum des Kleides bis über die Hüften schwingt. Neukölln sieht auf diesen Bildern aus wie der Prenzlauer Berg. Die Blätter sind grün, die Sonne scheint, und der Himmel ist blau. Auf den Straßen sitzen Menschen. In ihren Gesichtern sieht man die Freude der Sorglosigkeit, der Unbeschwertheit. „Die Metropole wird zur Kleinstadt“, sagt Blumenblatt. „Berlin hat so eine Leichtigkeit. Plötzlich kennst du alle in kleinen Läden um dich herum. Ich fühl mich heimisch hier.“

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