Eine Jubiläumsproduktion sollt es sein, dieser „Parsifal“ in der Neuinszenierung von Philipp Stölzl. Am Ende der Premiere sah sich der Regisseur ausgebuht, die Sänger und das Orchester unter Leitung von Generalmusikdirektor Donald Runnicles gefeiert.

Die Pflege des Werkes von Richard Wagner gehört zur 100-jährigen Tradition des Charlottenburger Opernhauses dazu und passt somit zum Jubiläumsprogramm.

Bereits 1914, kurz nach der urheberrechtlichen Freigabe der Oper, die bis dahin nur in Bayreuth gezeigt werden durfte, erlebte der „Parsifal“ in Charlottenburg seine erste Inszenierung.

Das mit zwei Pausen fast fünfeinhalbstündige Bühnenweihfestspiel ist mit Legenden, abendländisch-christlicher Symbolik und Ritualen auch jenseits des eigentlichen Stücks überfrachtet. Dazu gehört, dass es aus der Bayreuther „Parsifal“-Pflege heraus unüblich war zu klatschen, vor allem nach dem ersten Akt, der „Abendmahlsszene“.

Schwer zu sagen, ob das Berliner Premierenpublikum am Sonntag mit diesem Wissen nach dem ersten Akt so zurückhaltend reagierte oder ob es die Stölzl-Regie als zu schwere Kost empfand.

Der Regisseur lässt gleich zum Vorspiel Jesus Kreuzigung auf der Bühne vollziehen. Jesus stirbt, anschließend wird mit der Lanze sein Blut entnommen – die Menschen wollen die beiden Reliquien Gral und Lanze haben. Sie gieren danach. Worum, das wird von Stölzl im Laufe der Oper in mächtigen Bildern erzählt.

Parsifal als Erlöser

Er will vorführen, dass das Christentum mit seinem Leidensdogma ein deformiertes Machtinstrument ist. Auch Parsifal wird sich am Ende als Erlöser in Szene setzen – und man möchte ihm weder in den Bergen noch auf der Straße begegnen.

Bereits mit dem Einstieg auf dem Berg Golgatha hat Philipp Stölzl sofort sein Publikum gespalten. Die Kreuzigung Jesu mag für die einen nur ein wichtiges historisches Ereignis sein, für andere ist es eine Glaubensfrage. Dann ist sein Blut etwas Besonderes, Göttliches.

All jene werden sich mehr Oberammergau auf der Bühne der Deutschen Oper gewünscht haben. Aber Stölzl verweigert letztlich alles Weihehafte. Seine Gralsritter sind eine sadomasochistische Sekte, mit denen Parsifal, ein ungläubiger Mann von heute, zunächst nichts anfangen.

Klaus Florian Vogt ist ein wunderbar blauäugiger Parsifal, der in die Welt hineinstolpert und lernt, mit Schwert und Macht umzugehen. Sein leicht geführter Tenor spielt der Partie zu, wenngleich sie in Stölzls Deutung etwas mehr Finsternis am Ende vertragen würde.

Großartig ist Evelyn Herlitzius als Kundry, sie setzt sich dramatisch gekonnt in Szene, ohne all das Schneidige, was oft an dieser Sopranistin bemängelt wird. Vogt und Herlitzius passen wunderbar zusammen. Matti Salminen verleiht dem Gurnemanz altmännerhafte Sonorität. Chor und Orchester der Deutschen Oper sind bestens gestimmt, Donald Runnicles spielt am Pult seinen Sängern zu. Das Ganze ist ein Abend im Zeitlupentempo.