Klassik

In Badehose zum Open-Air-Starkonzert in Berlin

Der August steht ganz im Zeichen der Open-Air-Starkonzerte: Ob mit Picknickkorb, in der Badehose oder zum Mitmachen. Morgen post Online verrät Ihnen sieben Möglichkeiten, Klassik mal ganz anders zu erleben.

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Musiker tragen Frack. Konzerte finden traditionell abends im Konzertsaal statt. Menschen in Shorts sind da nicht so gern gesehen. Ein bisschen steif geht es zu. Und wehe, wenn jemand mitsummt. Muss das alles so sein? Noch vor zehn Jahren war die Konzertroutine festgefahren. Jetzt grassiert in Berliner Ensembles die Experimentierlust. Immer neue Abenteuerspielplätze werden eröffnet. Neugierige Musiker erfinden Klassik ohne Anzug und Etikette. Sieben Möglichkeiten, klassische Konzerte anders zu erleben.

An erstaunlichen Orten

Das sind zum Beispiel Orte, an die der Zuhörer einen Picknickkorb mitnehmen kann. Aber auch da gibt es längst feine Unterschiede: Bei Sasha Waltz' Tanzopern-Projekt „Dido & Aeneas“ am 27. August in der Waldbühne werden vegetarische Picknickkörbe angeboten. In der Waldbühne wird es im August eine Häufung atemberaubender Open-air-Konzerte geben – mit Anna Netrebko, Daniel Barenboim, den Berliner Philharmonikern und Sasha Waltz, die in ihrer Inszenierung sogar ein Schwimmbassin auf die Bühne stellen wird. Anderswo, bei Schwimmbadkonzerten, kann das Konzertpublikum in Badekleidung erscheinen und die Ohren ins Wasser tauchen, während die Musiker am Beckenrand spielen. Am 27. August laden Due Musici die Badenden zum Konzert mit Gesang und Gitarre im Barbereich des Liquidrom ein. Auch das Badeschiff veranstaltet hin und wieder klassische Konzerte. An den unterschiedlichsten Orten fühlen sich Musiker wohl: in Museen, im Botanischen Garten, Botschaften, Schlössern, im Kraftwerk, Aquarium, Zoo, Autohaus, Lagerhalle oder Wasserturm.

Klassik im Club

Loungekonzerte sind eine zündende Idee, die die Deutsche Grammophon vor zehn Jahren entwickelt hat. Klassik in Clubatmosphäre mit DJs und Live-Acts zählt inzwischen zu den durchgesetzten neuen Formaten. Die traditionelle Barriere zwischen Bühne und Saal wird aufgehoben. DJs legen etwa im Berghain, Cookies oder Watergate klassische Musik auf. Sie schaffen raffinierte Übergänge zwischen Stilen und Epochen. Von Bach bis Rihm kann alles zum Hörerlebnis werden. Höhepunkte sind Auftritte von Künstlern wie Daniel Hope, Albrecht Mayer, Hilary Hahn oder dem Emerson String Quartet. Im Radialsystem V gibt es die Barock Lounge mit Barockorchester und DJs, die barocke Klänge in Elektrotracks verwandeln. Das Deutsche Symphonie-Orchester lädt zur „After Concert Lounge“ in den Club 40seconds ein. Die Musiker und ihr Publikum lassen den Abend bei einem Glas Wein gemeinsam ausklingen.

Leger und moderiert

Die „Casual Concerts“ des Deutschen Symphonie-Orchesters starten in die fünfte Saison – ein kleines Jubiläum! Die einstündigen Konzerte finden in betont lockerer, entspannter Atmosphäre statt. Musiker und Zuhörer tragen Hemden und Pullis. Der Dirigent plaudert mit dem Publikum. „Grenzwege“ lautet das Motto ab dem 26. September. Beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin sorgt Herbert Feuerstein mit ironischer Distanz für launige Gesprächskonzerte. „Feuerstein führt Klassik ein“ heißt die Reihe wider den klassischen Ernst. Für die Berliner Philharmoniker entführt Moderator Roger Willemsen das Publikum in fremde Regionen. Seine Weltmusik-Reihe „Unterwegs“ führt zu den Nomaden der mongolischen Steppe und in die westafrikanische Sahara. Mönche, Obertonsänger und eine Band aus Mali sind zu erleben. Philharmoniker spielen mit afghanischen Musikern. Die Sopranistin Annette Dasch hat vor gut drei Jahren ihr eigenes originelles Format zwischen Liederabend und Talkshow mit spannenden Gästen entwickelt: „Annettes DaschSalon“ im Radialsystem V.

Zum Mitmachen

Singfreudige Laien mischen sich unter die Profis. Das Open-Air-Mitsingfest „Singen@Spree“ steigt am 20. August um 15 Uhr im Radialsystem V. Der Rundfunkchor und der Ich-kann-nicht-singen-Chor begrüßen bei freiem Eintritt jeden, der schon immer im Chor singen wollte, sich aber nie getraut hat. Zum Hit im Kulturkalender haben sich die „Mitsingkonzerte“ des Rundfunkchors entwickelt. Aus ganz Europa kommen Chorsänger nach Berlin, um im April daran teilzunehmen. Chorchef Simon Halsey probt mit allen. Wegen der fantastischen Nachfrage hat er die „Liederbörse“ als zusätzliches Fest für jugendliche Mitsänger ins Leben gerufen. Etwas spezieller ist der Leader Chor Berlin des Rundfunkchors. Der viertägige Workshop im Oktober wendet sich an Berufstätige in leitenden Positionen.

Wer ein Instrument beherrscht, hat noch ganz andere Chancen. Auch Publikumskonzerte sprengen die Grenze zwischen Bühne und Auditorium. Musikliebhaber sitzen einmal auf dem Podium. Seit acht Jahren gibt es beim Deutschen Symphonie-Orchester ein Abonnentenorchester, das der stellvertretende Solotrompeter Heinz Radzischewski leitet. Einmal jährlich zum Tag der offenen Tür stellt auch das Konzerthausorchester ein Publikumsorchester zusammen.

Im Stehen oder Liegen

Zum Orchesterfest des Konzerthausorchesters werden die Stühle aus dem Saal geräumt. Das Publikum steht wie beim Rockkonzert. Gemütlicher geht es bei der „Nachtmusik“ im Radialsystem V zu. Man lauscht der Musik im Liegen auf Matten und Kissen. Vor der Nachtmusik am 26. August ist das Publikum zur einstimmenden Yogastunde eingeladen. Das entspannt und schärft die Sinne.

Konzerte zu Hause

Die Berliner Philharmoniker kann man live genießen, ohne aus dem Fernsehsessel aufzustehen. Der Live-Stream der Digital Concert Hall macht's möglich. Sechs ferngesteuerte HD-Kameras wurden dafür in der Philharmonie installiert. Für die kommende Saison sind wieder 30 Übertragungen geplant. Der virtuelle Konzertsaal öffnet am 26. August mit Mahlers Siebter Sinfonie.

Zu ungewohnter Stunde

Lunchkonzerte haben die Berliner Philharmoniker für die Mittagspause von Geschäftsleuten erfunden. Jeden Dienstag ab dem 6. September geht es um 13 Uhr mit Messer und Stimmgabel zur Sache. Im Foyer begleitet ein gutes Essen die kurzen Kammerkonzerte. Seit dem letzten Dezember bieten auch die Musiker des Deutschen Symphonie-Orchesters mittägliche Kammerkonzerte im Maison de France am Kudamm an. „La Bonne Heure“ findet ab September an jedem ersten und dritten Mittwoch im Monat statt. „Lunch & After Work“ heißt die neue Reihe des Kammerensembles Neue Musik Berlin. An ganz unterschiedlichen Orten stellt es mittags um 13 Uhr und zur Feierabendzeit um 17.30 Uhr Komponisten vor, die in Berlin leben und arbeiten. Die Konzerte dauern nur eine gute halbe Stunde, der Eintritt ist frei, Lunchpakete und Feierabendsnacks bringt sich jeder mit. Inzwischen experimentiert das Ensemble auch mit „after after work“-Konzerten um 19 Uhr. Die Komische Oper bietet kurze Nachtkonzerte mit Kammermusik um 22 Uhr. Noch eine halbe Stunde später beginnen die philharmonischen „Late Night“-Konzerte mit Neuer Musik.