Was den Briten Simon Halsey (55) mit seinem Landsmann und Musikerfreund Simon Rattle (58) verbindet, wird schnell klar: Beide sind lange Jahre als Chefdirigenten in Berlin ansässig, wollen aber öffentlich möglichst kein Deutsch reden. Schon gar nicht, wenn es um so persönliche Dinge wie den Abschied geht. Von einem Bein aufs andere tritt Simon Halsey am Dienstag in der Jahrespressekonferenz, als er begründet, warum er seinen Vertrag beim Rundfunkchor Berlin nicht mehr verlängern möchte.
In Birmingham verwurzelt
Die Entscheidung sei ihm nicht leicht gefallen, sagt Halsey. Etwas ähnliches hat auch Simon Rattle Anfang Januar gesagt, als er verkündete, 2018 aufzuhören. Simon Halseys Vertrag endet bereits 2016. Dann werde er fast 16 Jahre im Amt sein, sagt er: „Ich möchte rechtzeitig Platz machen für neue Impulse.“ Außerdem sei er zweieinhalb Jahrzehnte von der Heimat fort, erklärt er, und er möchte „wieder näher bei der Familie leben“. Halsey wie Rattle sind in Birmingham verwurzelt.
Ein Unterschied zu Rattle ist, dass der nicht über seinen Nachfolger mitentscheiden kann. Das machen die Berliner Philharmoniker ganz alleine. Halsey hingegen will den Rundfunkchor beraten. Was beide Chefdirigenten verbindet: Sie haben keine verbrannte Erde in Berlin hinterlassen, gelten irgendwie als Frohnaturen und werden von ihren Ensembles auch danach noch eingeladen. So heißt es. In Halseys Amtszeit hat der Spitzenchor dreimal den Grammy Award erhalten.
In Partnerschaft mit den Philharmonikern
Die „intensive Partnerschaft“ mit den Philharmonikern setzt der Rundfunkchor in der kommenden Saison mit sieben gemeinsamen Konzertprojekten fort. Gemeinsam feiern sie das 50-jährige Bestehen des Scharoun-Baus, also der Philharmonie, und des Kulturforums. Bei den Inszenierungen von Bachs Matthäus-Passion und der Johannes-Passion durch Peter Sellars ist der Chor dabei. Im Juni dirigiert Simon Rattle vor den Türen der Philharmonie Orffs „Carmina Burana“.
Aber natürlich ist der Profichor auch mit den anderen Orchestern der Stadt verbunden. Nach Vollendung von Marek Janowskis Wagner-Zyklus stehen jetzt fünf Konzertprogramme mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester an. Und auch bei Tugan Sokhievs Deutschem Symphonie-Orchester werden die Choristen wieder anzutreffen sein.
Kung-Fu mit Chorgesang
Das Bemerkenswerteste am Rundfunkchor ist, dass man ihn niemals mittelmäßig erlebt. Und niemanden kennt, der ihn jemals so erlebt hat. Das Niveau ist immer hoch, selbst wenn es um die wildesten Projekte geht. Die gehören zu Halseys Spielwiese, auf der er dem Chor die künstlichere Neugierde beigebracht hat. Als nächstes steht im April 2014 Christian Josts Musiktheaterstück „Lover“ für Chor und Schlagwerk an.
Die Uraufführung findet im Kraftwerk Mitte, einer Industriekathedrale, statt. Kooperationspartner ist das U-Theatre Taiwan, deren Leiterin Ruo-Yu Liu das Ganze inszeniert. Die Schlagwerker sind offensichtlich buddhistisch und in Kung-Fu geschult. Früher sollten solche Trommler böse Geister verscheuchen, heute nennt man das interdisziplinäre Kunst.



