Gorki Theater

Armin Petras: „Man soll sich an uns erinnern“

Gorki-Intendant Armin Petras verabschiedet sich nach sieben Jahren mit seinem Ensemble aus Berlin. Schuld ist die Kulturpolitik. Das ist schon ziemlich traurig – zumindest für die Stadt.

Foto: Marijan Murat / dpa

Jetzt ist auch das Gorki eine Baustelle: Von den Linden kommt man kaum zum Eingang, der Vorplatz ist durch Zäune abgesperrt. Aber es gibt Hoffnung: Wenn heute Abend das Abschlussfestival „5 Tage im Juni“ mit insgesamt 17 Premieren startet, dürfte alles wieder zugänglich sein. Gespielt wird an allen möglichen Orten in und um das Theater.

Mit dem bis Sonntag laufenden Spektakel verabschieden sich Intendant Armin Petras, seine Regisseure und das Ensemble nach sieben Jahren vom Berliner Publikum. Viele gehen mit dem Chef ans Staatsschauspiel Stuttgart. Lediglich eine Schauspielerin bleibt im Gorki-Ensemble, die Wiedereröffnung unter der Leitung von Shermin Langhoff und Jens Hillje ist für Mitte November vorgesehen.

„Rummelplatz“ zum Schluss

„Ich fand diese unglaubliche Energie, die er versprüht, auffällig und toll, ich habe mich damals bei ihm beworben“, erzählt Jan Bosse, einer der Wegbegleiter von Armin Petras am Maxim Gorki Theater im soeben im Verlag Theater der Zeit erschienen Bilanzbuch mit dem Titel „Offene Rechnungen“. Bosse brachte „Die Leiden des jungen Werthers“ auf die Bühne, eine von zahlreichen Eröffnungsinszenierungen im Herbst 2006, auch damals ging es mit einem Spektakel los. Zehn Produktionen zum Thema „Spurensuche“.

Klar, dass es jetzt zum Schluss noch ein paar mehr sind, das passt zu Armin Petras. „Man soll sich an uns erinnern, ein Mythos muss hergestellt werden“, sagt er mit leichter Ironie im Gespräch in seinem Büro, an er Wand lehnt ein Rennrad, zwei Tage vor Festivalstart. Wenn er mit Kollegen zusammensitzt, ziehen die ihn schon mal damit auf, dass er doch schon überall inszeniert hat, vom Nordkap bis nach Sizilien. Seine Schlagzahl ist beachtlich, die Überforderung Programm. Daneben ist der 49-Jährige auch als Dramatiker anerkannt, unter dem Pseudonym Fritz Kater. Unter seiner Intendanz kamen am Gorki über 200 Inszenierungen heraus, davon 86 allein am großen Haus. Seine Intendanz, von dieser Zeitung anfangs skeptisch beäugt, war eine Erfolgsgeschichte.

Keine Lust auf Superlative

Bei der Frage nach der Lieblingsinszenierung windet er sich ein wenig, nennt Arbeiten von Kollegen wie Bosse und Antú Romero Nunes, also einschränken, nur die eigenen. „Das ist sehr schwer zu sagen: nicht ohne Grund spielen wir am letzten Tag ,Rummelplatz’, die Inszenierung, die uns am meisten zusammengeschmiedet hat.“ Die Auseinandersetzung mit der jüngeren deutschen Geschichte war ein zentrales Thema seiner Intendanz, in „Rummelplatz“ nach dem Roman von Werner Bräunig geht es um den Gründungsmythos der DDR, der schon am 17. Juni 1953 zu bröckeln beginnt; Proteste gibt damals nicht nur in Berlin.

Petras zählt zu den regieführenden Intendanten, die Superlative nicht mögen und keine Angst vor interner Konkurrenz haben. Die Hausregisseure haben ihre eigene, starke Handschrift, „mir ist durch ihre Kraft damit viel abgenommen“, sagt Petras. „Jeder wusste, es geht nur miteinander, geht nur als Gruppe.“ Stolz schimmert durch, wenn er von dem tollen Ensemble spricht, das sich tatsächlich entwickelt hat, und dabei aufzählt, wer in diesem Sommer an welche großen Häuser wechselt von denen, die nicht mit ihm nach Baden-Württemberg ziehen.

„Ein bisschen mutiger“

Natürlich waren bei so einem Output auch Aufführungen dabei, an die man sich lieber nicht erinnern möchte. Für Petras steht im Rückblick fest, dass er „noch ein bisschen mutiger hätte sein können hier in Berlin“, mitunter zu viel an die Quote gedacht hätte. Eine Inszenierung war dabei, die lief nur einmal, das „tat weh“. Nach Protesten von Teresa Enke, der Witwe des 2009 gestorbenen Fußball-Nationaltorhüters Robert Enke, wurde „Demenz, Depression und Revolution“ nach der Premiere Anfang 2013 nicht mehr gespielt. „Wir haben juristisch Recht, aber nicht moralisch“, sagt Petras.

Der Union-Schal kommt mit

Eigentlich möchte der scheidende Intendant nicht zurückblicken, sondern voraus. Im Oktober eröffnet er seine Spielzeit in Stuttgart und hofft, dass die Arbeiten am Theater bis dahin beendet sind. Die haben sich unerwartet hingezogen, sein Vorgänger Hasko Weber konnte seine Intendanz nicht im angestammten Haus beenden. Baustellen, die nicht fertig werden, gibt es also nicht nur in der Hauptstadt, auch Schwaben bekommen nicht alles pünktlich auf die Reihe.

Dass der VfB, der örtliche Bundesliga-Verein, ähnliche Farben hat wie Union freut Petras, der schon als Kind Fan der Eisernen war, „da kann ich meinen Schal mitnehmen“. Wo der hinkommt, steht noch nicht fest, weil Petras noch keine Wohnung in Stuttgart hat. Er hatte eine, hat sie aber einer Schauspielerin mit Kind weitervermittelt. „Ab Donnerstag“, also den Tag nach seiner letzten Gorki-Premiere, „kümmere ich mich drum“.

Kulturpolitische Misstöne

Ein Grund, warum Petras Berlin vorzeitig verlässt (der Vertrag lief noch bis 2016) war kulturpolitischer Natur, es gab ein paar Misstöne: Das Gorki gilt als unterfinanziert, 400.000 Euro mehr hatte Petras gefordert. Er bekam sie nicht und konnte deshalb das Studio, die kleine Spielstätte, nur noch sporadisch bespielen. Kommt denn Kultursenator Klaus Wowereit oder Kulturstaatssekretär André Schmitz am Sonntag zur letzten Vorstellung oder zum anschließenden Sommerfest? „Ich weiß es nicht, aber die Herren sind natürlich eingeladen.“ Schwer vorstellbar, dass man den Intendanten eines Staatstheaters einfach so ziehen lässt. Was würde Petras der Kulturpolitik denn ins Stammbuch schreiben? „Dass Kultur Berlins wichtigste Waffe ist, dass man sich extrem darum kümmern muss und es verantwortungsvoll tun sollte.“