„Unsere Mütter, unsere Väter“

Wie der Zweite Weltkrieg die Enkelgeneration beeinflusst

Die ZDF-Serie „Unsere Mütter, unsere Väter“ löst Debatten über die deutsche Vergangenheit aus - nicht nur bei direkt Beteiligten. Auch viele „Kriegsenkel“ leiden unter den Erfahrungen ihrer Eltern.

Foto: Massimo Rodari

Müssen diese alten Geschichten wirklich noch einmal erzählt werden? Der Zweite Weltkrieg – eine Weile schien es, als sei dazu alles gesagt. Doch der ZDF-Dreiteiler „Unsere Väter, unsere Mütter“ wühlt die Erinnerungen wieder auf – und weckt das Bedürfnis, zu reden. Nicht nur über die schrecklichen Erfahrungen jener Generation, die, mittlerweile Groß- oder Urgroßeltern, als Kinder und Jugendliche Krieg und Verfolgung, Flucht und Vertreibung selbst miterlebt haben.

Sondern auch über die Nachgeborenen, heute zwischen 40 und 55 Jahren alt. Sie sind mit den Kriegstraumata der Eltern und Großeltern aufgewachsen. Doch hatten die Kriegserlebnisse der Eltern Folgen für die Kinder? Wenn ja, welche?

Dieser Frage geht seit Oktober das „Erzählcafé Krieg und Frieden“ in Pankow nach, eine offene Gespächsgruppe, gegründet von der Kommunikationstrainerin Ines Koenen. Sie war eines Tages selbst überrascht von der Erkenntnis: „Ja, ich bin ein Kriegsenkel – und ich bin extrem froh, dass ich dies nun endlich weiß.“ Die 50-Jährige legt einen Stapel Fotos auf dem Tisch in dem gemütlichen Raum im Frauenzentrum Paula Panke in Pankow. Die Fotos zeigen ihre Familie, und die Gäste am Tisch greifen neugierig danach. Sie sind nicht miteinander verwandt, dennoch verbindet sie etwas „Geschwisterliches“, wie es eine Teilnehmerin formuliert. „Oft haben wir das Gefühl, die anderen erzählen uns unsere eigene Lebensgeschichte.“

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Ines Koenen fügt hinzu: Es gebe viele Menschen, die die Folgen der Kriegserfahrungen ihrer Eltern in sich spürten, wenn auch oft nur unbewusst. Auch deshalb sei das Erzählcafé ein so großer Erfolg. „Die Leute rennen uns die Bude ein“, sagt Ines Koenen und lacht. „Es ist jeder willkommen, der mitreden will.“ Meist kämen etwa 15 Menschen zur monatlichen Runde, erzählt werde oft bis spät in den Abend.

Aufwachsen als Kind von Kriegsüberlebenden

Was also macht die „Generation Kriegsenkel“ aus? Da sind natürlich die Biografien der Eltern. Väter, die als Jungen statt in die Schule in den Krieg ziehen mussten. Mütter, die ihre Kindheit in Luftschutzbunkern oder auf der Flucht verbrachten. Großmütter, die allein ihre Familien ernährten, die Firmen oder auch Bauernhöfe managten, weil die Männer fehlten. Die Fotos, die nun durch die Hände der Gruppe wandern, erzählen von den lebenden und toten Helden aus Ines Koenens Familie, die als Kommunisten verfolgt und in die Emigration getrieben wurden. Die Bilder lösen bei den Teilnehmern eigene Erinnerungen aus, die sich in vielem ähneln.

Da sind die „starken Frauen, die aber nie Gefühle zeigen oder jemand in den Arm nehmen konnten“, wie es Michael Gericke sagt. Der 52-Jährige ist Heilpraktiker und begegnet in seiner Praxis oft den typischen Problemen der Kriegsenkel. „Die Kinder derer, die den Krieg überlebt haben, sind oft unter emotional grausamen Bedingungen aufgewachsen“, sagt er. Oft würden Verluste und nicht gelebte Lieben der Elterngeneration in den Familien in einer Art Stellvertreterkrieg weitergegeben.

Der Hunger nach Elternliebe

Alle Kriegsenkel haben schweigende Eltern und Großeltern erlebt, die nicht über den Krieg sprechen wollten oder konnten, wie es Ulrike* erzählt. Sie ist Malerin, 50 Jahre alt und auf dem Land bei Köln aufgewachsen. Das tragende Gefühl ihrer Kindheit, sagt sie, sei Hunger gewesen. Nicht, dass es nicht genug zu essen gegeben hätte. „Was mir fehlte, war Zuneigung und Aufmerksamkeit, mein Ersatz war das übermäßige Essen.“

An ihren Vater erinnert die Malerin sich als „kalten“ Menschen, der seiner Familie Wärme auch im Wortsinn vorenthielt - er rationierte Heizung und Strom. Erst kurz vor seinem Tod habe der Vater erstmals über seine traumatisches Erlebnis gesprochen, die Rückkehr als 17-Jähriger aus der Gefangenschaft. „Alles, was er zu Hause hörte, war: Was willst du denn hier? Jetzt müssen wir noch einen Hungrigen mehr versorgen.“

Die anderen nicken. Viele kennen ähnlich grausame Erfahrungen in ihren Familien. So gibt es gleich mehrere Großmütter, die nach Kriegsende von russischen Soldaten vergewaltigt wurden. Über Jahrzehnte trugen die Frauen ihre „Schande“ allein mit sich herum. Erst mit dem Abzug der sowjetischen Truppen nach der Wende oder dem Tod des Partners wagten die Frauen, sich ihren Kindern oder Enkeln zu offenbaren. Manchmal wurden dadurch zunächst weitere familiäre Krisen ausgelöst, in manchen Fällen gelang es, diese zu bewältigen.

In vielen Kriegsenkel-Geschichten geht es um das Gefühl, von den Eltern kurz gehalten worden zu sein. Oft stand das Materielle über dem Emotionalen. Da gibt es die Mutter, die über jede Mark Buch führte, die sie für die Kinder ausgab. Es gibt Eltern, die ihrer Tochter absichtlich die kleinen, aber sehnlichen Kinderwünsche nicht erfüllen, aus ideologischen Gründen, wie die Tochter glaubt, bis sie feststellt: Der „Liebesentzug“ der Eltern hat auch etwas mit deren eigener Kindheit zu tun, in der es ums Überleben ging, nicht ums Liebgehabtwerden.

Oder jene Mutter, die, selbst als Kind aus Dresden vor den Bomben geflohen, ihrer Tochter unbewusst das Lebensgefühl „vererbt“ hat, ständig auf der Flucht zu sein. „Ich besitze keine Wertsachen“, sagt die Tochter, „ich denke immer, ich darf nichts anhäufen, sondern muss immer in der Lage sein, schnell die Koffer zu packen und loszurennen“. Inzwischen wisse sie, dass viele Kinder von Eltern mit Fluchterfahrungen ähnlich leben.

„Ihr wisst gar nicht, wie gut es euch geht!“

Elisabeth ist 44, von Beruf Koordinatorin für Kulturprojekte. Als sie nun in tragikomischem Ton die Seufzer und Klagen ihre Mutter nachahmt: „Das Leben ist eines der schwersten“, müssen alle lachen. Jeder kennt diese Sprüche der Eltern, die sie aus der eigenen Kriegskindheit mitgebracht haben. „Stell dich nicht so an!“ oder: „Mit dem Essen spielt man nicht!“ Oder auch: „Ihr wisst gar nicht, wie gut es euch geht!“

Wie gut geht es den Kriegsenkeln? Im Erzählcafé, sagt Ines Koenen, gehe es nicht darum, sich über die Elterngeneration zu beklagen. Deren Lebensleistung und auch Elternliebe stelle niemand in Frage, im Gegenteil. „Sie waren nur so traumatisiert, dass sie uns keine Nestwärme geben konnten.“

Kriegsenkel auf der Suche nach sich selbst

Vielmehr wollen die Kriegsenkel herausfinden, wer sie selbst sind. „Zum Beispiel arbeiten überdurchschnittlich viele in kreativen Berufen, sind Journalisten oder Logopäden, haben mit Sprache und Ausdruck zu tun“, hat Ines Koenen bei ihren Teilnehmern beobachtet. Viele hätten gleich mehrere Berufe, „wir sind ziemlich leistungsfähig, aber das reicht uns nicht“. Denn viele lebten in dem ständigen Gefühl, nicht gut genug zu sein.

So wie Alexandra*, die über sich sagt: „Ich habe ständig ein schlechtes Gewissen.“ Mit 39 Jahren ist die Jüngste in der Runde, „aber meine Eltern haben beide den Krieg noch erlebt“, sagt sie. Auch sie kennt die Bomben- und Kriegsängste der Eltern. Dennoch sei für sie die Erkenntnis überraschend, „dass meine Probleme offenbar mehr mit den Kriegserlebnissen der Eltern zusammenhängen als mit meinen eigenen Macken.“ Überdurchschnittlich viele „Kriegsenkel“ sind außerdem kinderlos. Auch dies, sagen viele, hänge mit den Eltern zusammen, die keinen Weg fanden, „ihre Kinder emotional zu nähren“, wie es Ines Koenen ausdrückt.

Dialog mit den Eltern oft schwierig

In den Familien sind die „Kriegsenkel“ oft jene, die nachfragen und den sprichwörtlichen Finger in die Wunde legen. „Trotzdem kommen viele nicht in einen Dialog mit den Eltern“, sagt Ines Koenen, „es gibt Spannungen in der Familie und Kontaktabbrüche.“ Im Erzählcafé sitzen Teilnehmer, die sich gerade erst als „Kriegsenkel“ entdecken, und andere, die das Thema schon länger verfolgen. Manche haben ihren Frieden mit den Eltern gemacht, andere leben in erbittertem Schweigen.

Die meisten sind Frauen, doch es kommen auch Männer, und so unterschiedlich die Biografien der einzelnen Teilnehmer sein mögen – eines trennt sie erstaunlicherweise kaum. „Ob jemand in der DDR oder im Westen aufgewachsen ist, spielt bei der Folgen der Kriegstraumata für die Kinder kaum eine Rolle“, sagt Ines Koenen.

Den Anstoß, sich mit dem Thema zu befassen, gab für viele das 2009 erschienene Buch „Kriegsenkel“ der Journalistin Sabine Bode. Auch Ines Koenen stieß so auf das Thema, das inzwischen ausführlich wissenschaftlich erforscht und von verschiedenen Autoren beleuchtet wird. Es gibt Seminare, in denen die Teilnehmer sich mittels Psychodrama und anderer Methoden selbst neu erfahren können. Ihr Erzählcafé, sagt Ines Koenen, trage eher dem Bedürfnis Rechnung, einfach zu erzählen und auf diese Weise Parallelen einer Generation auszuloten, die man bisher nicht kannte: der eigenen. „Wir sind eine lockere Runde, in der auch viel gelacht wird“, sagt Ines Koenen. „Auch wenn viele Themen sehr ernst sind .“

*Name geändert

"Unsere Mütter, unsere Väter", 17., 18. und 20. März im ZDF jeweils ab 20.15 Uhr

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