David Wagner heißt der neue Preisträger der Leipziger Buchmesse: Für seinen Roman „Leben“ erhält der in Prenzlauer Berg lebende Schriftsteller die mit 15.000 Euro dotierte Auszeichnung in der Kategorie Belletristik. „Wagners Ich-Erzähler ergreift die Initiative: Indem er die Geschehnisse protokolliert, bemächtigt er sich ihrer“, heißt es in der Begründung der Jury.

Der Autor zeige Sinn für Witz und Ironie, tapferen Trotz und Understatement – und für das Banale, die kleinen Klinikfreuden. Der Geehrte, der genau genommen über die eigene Lebertransplantation geschrieben hat, zeigte sich dankbar: „Wer schon etwas über das Buch gehört hat, weiß, dass ich den eigentlichen Preis schon bekommen habe – und deshalb hier stehen kann. Ich freue mich sehr.“

Nach dem Glas Apfelmus ins Berliner Virchow-Klinikum

In dem prämierten Roman kommt ein Mann nach Hause, kurz nach Mitternacht, öffnet den Kühlschrank, holt sich ein Glas Apfelmus heraus, setzt sich, beginnt darin zu löffeln, neben sich eine aufgeschlagene Zeitung, steht wieder auf, geht ins Badezimmer, ein Kratzen im Hals, will sich die Zähne putzen, schaut in den Spiegel, beugt sich über die Badewanne, da schwappt es aus ihm heraus.

„Als ich die Augen öffne, wundre ich mich über das viele Blut in der Wanne. Langsam läuft es in Richtung Abfluss.“

Eine Krankenwagenfahrt wie ein Splatterfilm

Es kommt noch schlimmer: Der Mann sieht im Spiegel, dass er immer bleicher wird, er weiß, was zu tun ist, wählt eins-eins-null, die Nummer ist falsch, dann die richtige Nummer, eins-eins-zwei, er geht schon mal ins Treppenhaus, dem schnell eintreffenden Notarzt mit seinen beiden Rettungsassistenten entgegen, sie halten ihn für einen Simulanten, nehmen ihn vorsichtshalber doch mit. Sie setzen ihn mit dem Rücken zur Fahrtrichtung auf den Transportstuhl, es soll ins Virchow Krankenhaus gehen, da nimmt der Mann eine Hand vor den Mund, „doch das Blut schießt schon mit solcher Gewalt aus mir heraus, dass ich den halben Wagen vollspritze.“ Der Autor bemüht den Vergleich mit einem Splatterfilm.

Später erfahren wir, dass der abtransportierte Mann „Herr W.“ heißt. „Herr W.“ schreibt von sich in der ersten Person. Dieser Roman, den man nach den ersten Seiten erst einmal aus der Hand legt, um durchzuatmen, zeugt von einer literarischen Bravour, die selbst den erschüttertsten Leser über das Schicksal einer Figur im Wettlauf mit dem Tod hinwegtröstet.

Wie der Autor es schafft, seinen Protagonisten – Mitte/Ende dreißig – sich bis ins Innerste seines Körpers und seiner Gedanken herausstülpen zu lassen, ohne den Leser einem bedrängenden, peinlich berührenden Exhibitionismus oder Narzissmus auszusetzen, ist große Kunst.

Das Buch ist mehr als die Chronik einer schweren Krankheit

„Leben“ ist viel mehr als die erschütternde Chronik einer schweren Krankheit. Das Buch ist Ausdruck der literarischen Intelligenz des 1971 geborenen Autors. Ein an Nikolaus Lenau gemahnender Lebensüberdruss, dessen Nähe zu Friedhöfen bekannt ist, wird deutlich. Als Kind stellt sich Herr W. vor, wie er Zeuge seiner eigenen Beerdigung wird. Eine von Thomas Bernhard her bekannte abgrundtiefe Todessehnsucht ist David Wagners Prosa so eigen wie ein gehöriges Maß an Selbstironie.

„Jede Schildkröte wäre schneller!“, notiert Herr W. einmal über seine endlosen Touren zu Fuß oder im Rollstuhl über den Flur auf seiner Station. Wenn er im Bett durch die Flure geschoben wird, kommt er sich vor wie in einem Raumschiff. Die Szenen von den im Schlepptau mit den Ärzten aufkreuzenden Assistenten, die dem Kranken zur Übung am Bauch herumtatschen dürfen, und von den Studenten, denen der Kranke im Vorlesungssaal wie Büchners Woyzeck vorgeführt wird, mögen hier als Beispiele genügen.

Selbst in der Vergegenwärtigung skurriler Todes- und Selbstmordfälle, für die Herr W. im Krankenhaus ein geradezu von anthologischem Ehrgeiz getriebenes Faible hat, verführen einen, auch wenn es im Halse stecken bleibt, zum Lachen – gelegentlich. (Den Gag, seinem Patienten Assoziationen zu Kalbsleber mit Zwiebeln kommen und ihm allen Ernstes Leberwurst zum Abendbrot servieren zu lassen, hat sich der Autor nicht nehmen lassen.)

Erzähler im Zwiegespräche mit einem Organ

Es geht dem Leser des Buchs wie dem kranken Herrn W. mit seinem Körper: Stoße ich das Organ, das in mich eingepflanzt wird, ab oder nehme ich es an? In unserem Falle ist es so, dass der Leser sich das Buch einverleibt wie der Kranke das neue, gespendete Organ. Es kommt, so lange die Zeilen im Körper des Buchs fließen, zu keiner Abstoßung. Ein doppeltes Happy End also, könnte man meinen.

Aber wer weiß, wie lange Herr W. mit der eingepflanzten Leber über die erzählte Gegenwart des Buchs noch leben kann. Ergreifend, wie David Wagner seinen Ich-Erzähler in ein wahrhaftiges Zwiegespräch mit dem neuen Lebewesen im Inneren seines Körpers schickt.

Medizinische Einzelheiten kühl und detailliert geschildert

Gewiss, das operative Gelingen der Transplantation einer Spenderleber ist dem Leser von Beginn an bewusst - anders gäbe es das Buch nicht. Zwar ist es im Präsenz verfasst, dennoch wird spürbar, dass die Chronik eines Mannes, der bis zur Transplantation an einer Autoimmunhepatitis litt, retrospektiv gestaltet ist. Nach jenem Blutverlust im Badezimmer – resultierend aus einer geplatzten Krampfader in der Speiseröhre – kommt er auf die Intensivstation ins Krankenhaus.

In allen klinischen und medizinischen Einzelheiten emotionslos, lakonisch, kühl und detailliert erzählt und vom Autor aus schriftlichen Dokumenten im Kursivdruck zitiert, erleben wir, wie Herr W. behandelt, was mit ihm angestellt wird, bis die rettende, und doch für ihn auch bedrohliche Nachricht kommt, dass eine Spenderleber für ihn angekommen sei. Sie wird ihm erfolgreich eingepflanzt, es gibt Rückfälle, er kommt in die Reha, wieder zurück ins Krankenhaus, am Ende steht ein Rollstuhl bereit zum Abtransport nach Hause. Zu seinem Kind, das auf ihn wartet, für das weiterzuleben sich lohnt. Auf 287 Seiten entsteht vor uns „Leben“.