David Wagner ist ein sehr schmaler Mann. Sein großer Kopf liegt auf kleinen Schultern, er trägt Vollbart. Hinter der Designerbrille lugen kluge Augen hervor. Seine Stimme ist leise und hell. Der 42-Jährige sitzt im „Haliflor“, einem Prenzlauer-Berg-Café mit Sperrmüllmöbeln, rohen Wänden und ehrlichen Preisen. Seine Haut ist leicht fleckig, vielleicht eine Nebenwirkung der aus einem japanischen Bodenpilz gewonnenem Immunsuppressiva, die Wagner täglich einnehmen muss.

Denn der Vater einer Zwölfjährigen lebt mit einer fremden Leber. Und er lebt nur noch, weil er diese Leber von einem toten Menschen bekommen hat. Ohne die Medikamente würde sein Körper das neue Organ abstoßen, das Wagner seit sieben Jahren trägt. Von der Transplantation und ihren Folgen, der unendlichen Zeit in Krankenhauszimmern handelt sein neuer Roman „Leben“. Der wurde als einer von fünf Werken für den Leipziger Buchpreis nominiert.

Immer begleitet hat ihn die kaputte Leber

David Wagner wuchs in Bonn auf. Er kam 1991 nach Berlin, kurz nach dem Fall der Mauer. Hier wurde er Schriftsteller. Die „komische Saturiertheit“ in West-Deutschland war ihm als junger Mann auf die Nerven gegangen. Immer begleitet hat ihn seine genetisch kaputte Leber. „Berlin ist in meinem Werk eminent wichtig. Das Rumlaufen, die Stadt, das Leben sehen, ist sehr wichtig für mich“, sagt er. Und so spielt auch „Leben“ hauptsächlich in Berlin, im Virchow-Klinikum.

Ein stark autobiografisch geprägtes Buch. „Mich fesseln selber Bücher, die so eine Ehrlichkeit in sich haben. Das geht am besten, wenn man nah an der Wahrheit bleibt. Denn wenn etwas echt ist, kann es einen Text zum Leuchten bringen“, erklärt Wagner und schränkt ein: „Aber durch das Erzählen erfindet und verändert man auch. Auch wenn da ‚ich’ steht, ist das eine Maske.“

So beschreibt „Leben“ die Zeit vor, während und nach der Leber-Transplantation des Protagonisten „W.“. Es ist in 277 winzige Unterkapitel unterteilt, die manchmal mit einem medizinischen Befund beginnen. „Man wird ein Experte der eigenen Krankheit. Die Krankenhaussprache, was die da für ein Chinesisch haben, ist sehr interessant“, sagt der Autor Wagner. Das klingt im Buch dann so: „Auf der Minorseite reichen die Varizen bis unterhalb der Kardia. Auf den Varizen red colour signs. Es liegt eine akute Blutung vor.“

Der unbekannte Spender

David Wagners Alter Ego „W.“ beschreibt dann, wie es sich anfühlt, ein fremdes Organ in sich zu tragen: „Ich habe nun Proteine im Blut, die ich vorher nicht hatte, weil meine eigene Leber sie nicht mehr oder noch nie produzieren konnte, also könnte ich Gefühle haben, die ich noch nicht oder nicht mehr kenne. Ich bin ein zusammengesetzter neuer Mensch, ergänzt und verbessert, eine Chimäre, ein Hybrid, ein Replikant beinah.“

Im „Café Haliflor“ sagt Wagner, dass es ihm seit der Transplantation viel besser gehe. Er habe manchmal den Gedanken, jetzt noch die Kraft eines anderen in sich zu haben: „Auch um dieser Frage nachzugehen, gibt es das Buch. Außerdem will ich der anderen Person, die nicht mehr da ist, eine Stimme geben. Durch deren Geschenk ich noch da bin.“ Wer diese Person war, weiß Wagner nicht. Spender bleiben geheim.

Auch erinnert „W.“ sich oft an die Familie, Geschichten der Großeltern aus der Kriegszeit. „Das Krankenhaus ist ein Zwischenreich. Ist das Leben zu Ende, kommt ein neues? Zeit verschwindet. Man hat wenig zu tun, außer sich zu bemühen, noch da zu bleiben. In der zäh fließenden Zeit eröffnen sich die Erinnerungsräume“, erklärt Wagner. Er hustet. Muss im Café aufpassen. Es gibt gefährliche Keime, die sein Leben in Gefahr bringen könnten. Und in die Sonne geht er kaum. Denn viele Transplantations-Patienten sterben am Hautkrebs. Die Medikamente, welche die Abstoßung der Leber verhindern, begünstigen den Krebs. Das ist der Preis.

Ganze Traktate in „Leben“ handeln von der Forschung, die „W.“ das Leben gerettet hat: „...und 1984, o Wunder, wurde am Fuß des Berges Tsukuba (...) ein bis dahin unbekanntes Bakterium mit erstaunlicher immunsuppressiver Wirkung entdeckt. Das Medikament, das aus dem Wirkstoff dieses Bakteriums entwickelt wurde, schlucke ich nun jeden Morgen und jeden Abend, seinetwegen geht es mir so gut.“ Für Wagner ist der Fund ein Wunder. Es gäbe ihn nur noch, weil Forscher sich bemüht hätten.

Das Problem der Dankbarkeit ist eine der tiefsinnigsten Episoden von „Leben“. „Große Geschenke kann man nicht erwidern“, denkt sich „W.“. Dankbarkeit sei, so Wagner, ein zu kleines Wort. „Es ist wie eine Dankbarkeit, die man der Mutter gegenüber haben müsste, die einen geboren hat, aber die man nicht jeden Tag abrufen kann“. Dann stockt er: „Man spürt eine gewisse Schuld“. Viele auf der Organ-Warteliste sterben.

Wörter, die man nicht googeln kann

Besonders an Wagners Sprache sind Wortschöpfungen. Etwa der „Instagram-Blick“, mit dem er „W.“s Intoxikation durch die kaputte Leber beschreibt: „Ist dieses schwebende Dazwischensein nicht genau das, was mir am Dasein so gefällt? Ist die schleichende Vergiftung vielleicht der Weichzeichner, der alles schön macht? Mein Instagram-Blick?“ Denn das sei die meiste Arbeit, das „richtige Wort“ zu finden, sagt Wagner: „Ich bin immer ganz froh, wenn ich ein Wort benutze, das keinen Google-Treffer hat“, lacht er.

Ein literarisches Spiel mit dem Tod zieht sich durchs gesamte Buch. So fragt sich „W.“: „Ist das Nicht-Mehr-Wollen nicht viel menschlicher als das Immer-Weiter-Wollen? Welches Tier kann schon beschließen aufzugeben?“ Wenn das Schlimmste überstanden ist, hält die anfängliche Überlebens-Euphorie nicht an. Immer wieder fragt sich der Protagonist, ob sich der ganze Schmerz, die Operationen noch lohnen würden. Wagner kennt diese Gedanken. „Das ist ein existenzielles Problem, das vom literarischen Gesichtspunkt interessant ist.

Ich hatte ein großes Movens dazubleiben, da noch ein Kind da ist“, sagt er. Wagner hat schon recht lange mit der Leber überlebt: „Ich bin schon sieben Jahre drüber.“ Die Einjahres-Überlebensraten nach einer Transplantation lägen bei 80 Prozent: „Es ist wie im wirklichen Leben, da weiß man auch nie, was kommt“, sagt er und lächelt. Als David Wagner aus dem „Café Haliflor“ wieder auf die winterliche Straße tritt, muss er sein Gesicht nicht schützen. Er hat Glück, die Sonne scheint nur schwach.

David Wagner: „Leben“, Rowohlt, 288 Seiten, 19,95 Euro